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Belletristik Lesenswertes im Herbst - Handgefertigte Seelen-Katastrophen und mehr

08.10.2002 ·  Auffallend viele neue Romane in diesem Herbst handeln von der Familie, also von jenem Ort, wo Seelenkatastrophen noch von Hand gefertigt werden, in Heimarbeit.

Von Hubert Spiegel
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Ach ja, wir sterben aus. Das wissen wir seit Jahren. Schade ist es immer noch. Die demographische Flaute hat auch Folgen für den Sprachgebrauch. Wir definieren die Ehe als untaugliche, früher einmal gebräuchliche Variante der eheähnlichen Gemeinschaft, und kein Kreuzworträtsel würde es mehr wagen, nach der Keimzelle des Staates mit sieben Buchstaben zu fragen. Das Wort taucht höchstens noch im Supermarkt auf, wenn es um Verpackungseinheiten jenseits handelsüblicher Abgabemengen geht. Machen wir uns nichts vor: Im Land der Singlehaushalte ist die Familie der Deutschen Sonderweg.

Nur die Literatur mag von der archaischen Institution nicht lassen. In diesem Herbst, in dem der Himmel über den Frankfurter Messehallen besonders tief hängt, und mancher Buchhändler sich den teuren Ausflug zur Messe kaum noch leisten kann, handeln auffällig viele Neuerscheinungen von der Familie, also von jenem Ort, wo Seelenkatastrophen noch von Hand gefertigt werden, in Heimarbeit. Wie langlebig die Produkte dieser Manufaktur in der Regel sind, zeigte im letzten Sommer Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen" (F.A.Z. vom 29. Juni). Die Defekte, die Gary, Chip und Denise in ihrer wohlgeordneten Kleinstadtkindheit mitbekommen haben, halten ein Leben lang.

Im Abstand weniger Monate wirkt der Roman über eine amerikanische Provinzfamilie mit einem alzheimergeplagten Oberhaupt wie ein furioses Signal zum Auftakt des Bücherherbstes. Ihm antwortet jetzt die junge schottische Autorin Alison Louise Kennedy mit ihrem Roman "Alles was du brauchst" (Wagenbach). Ausgangspunkt der Handlung ist eine glückliche Kleinfamilie in Wales: Zwei ältere Herren jenseits der Pensionsgrenze und ein junges Mädchen, die neunzehnjährige Nichte eines der beiden. Das homosexuelle Paar hat das Mädchen fünfzehn Jahre lang liebevoll aufgezogen, nun tritt Mary eine Reise an, von der sie nicht ahnt, daß sie zu ihren Eltern führen wird. Mary enthüllt das Geheimnis ihrer Herkunft auf einer Insel, wo sie als Stipendiatin das Handwerk des Schreibens erlernen will. Was Vater und Tochter schließlich zusammenführt, ist die Liebe zur Literatur, die hier zwar einmal als "saubere häusliche Betätigung" bezeichnet wird, aber vor allem die Züge einer gefährlichen Obsession trägt. Wie jede Leidenschaft kann auch diese tödlich wirken.

Zwar gibt es unter den deutschsprachigen Neuerscheinungen keinen Titel, der an diese beiden Romane heranreichte, aber Adolf Muschg, Hans-Georg Behr, Arnold Stadler, Christoph Meckel und Melitta Breznik haben Bücher vorgelegt, die sich sehen lassen können. Da, wer von der Familie reden will, vom Weihnachtsfest nicht schweigen darf, beschreibt Adolf Muschgs Erzählung "Das gefangene Lächeln" (Suhrkamp) eine Krippenaufstellung. Mit einem Schreckensschrei sieht der Großvater, wie sein Enkel die Figur des Joseph hinter Maria stellt und den Stock, auf den er sich doch stützen soll, zornig wie einen Knüppel über den Häuptern schwingen läßt. Das ist zwar irritierend, aber noch kein Grund für nacktes Entsetzen. Was der Enkel nicht ahnt und der Großvater durch Briefe, die er nun schreibt, erst den Erwachsenen wissen lassen will, ist, daß Opa früher selbst einmal den Stock geschwungen hat. Er wollte an die bevorstehende Jungfrauengeburt seiner Verlobten nicht recht glauben. Die Braut war hin, die geplante Familiengründung mußte verschoben werden.

Muschgs Erzählung hat einen Kniff, der jedoch ebensowenig verraten werden soll wie der Name, den die Eltern von Arnold Stadlers Ich-Erzähler für ihren Sprößling vorgesehen hatten. Ein gutes Omen war dies nicht. Die Eltern unternahmen einen zweiten Anlauf. Stadler, der den Hotzenwald auf der Landkarte der deutschen Literatur verewigt hat, widmet sein neues Buch jedoch dem Genre der Premiere: "Versuch über das erste Mal" heißt sein Roman "Sehnsucht" (DuMont)im Untertitel. Erzählt wird darin die Geschichte einer Jugend in der Provinz. Daß der beinamputierte, als Kriegsveteran hochdekorierte Vater die homoerotischen Neigungen seines sensiblen Sohnes ebenso erbittert bekämpft wie einst den Russen auf dem Feld der Ehre, versteht sich von selbst. Ebenso selbstverständlich ist, daß Stadlers Provinzkritik nicht in der Familie haltmacht. Witzig und sprachmächtig attackiert er die "Ringstraßenvehemenz" der Vorstadtbewohner, ihre "Whirlpoolphantasien" und ihren "Geräteschuppen-im-Landhausstil-Ehrgeiz". Daß er mit Thomas Bernhard nicht nur den Hang zur Beleidigungssuada, sondern auch die Fähigkeit zum fröhlichen Genuß der eigenen Borniertheit teilt, macht Stadlers Bücher so lesenswert.

Die plötzliche, alle biologischen Gesetze mißachtende Expansion der Familie ist heute kaum noch anzutreffen, war früher jedoch gang und gäbe, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Urlaubsbekanntschaften zu Onkels und Tanten befördert wurden. Auch Onkel Adolf (Hitler) und Onkel Josef (Goebbels) hatten solche Nenn-Neffen. Einer von ihnen war der Erzähler in Hans-Georg Behrs autobiographischem Roman "Fast eine Kindheit" (Die Andere Bibliothek bei Eichborn). Der Roman, der in dieser Zeitung vorabgedruckt wurde, hat manchen Leser verstört durch die Brutalität der Vorgänge im Internat, durch die Schonungslosigkeit, mit der die Kindheit eines Wehrlosen geschildert wird. Behr, Jahrgang 1937, hat für seine Autobiographie die schwierige Perspektive des Kindes gewählt und dafür einen überzeugenden Tonfall gefunden. Kunstvoll und schrecklich ist dieses Buch, das aus der Nähe zu den Größen des Nazi-Reichs keine billigen Effekte zu ziehen versucht.

Behrs Erinnerungen führen aus der Gegenwart in ein Internat zurück, Melitta Breznik schickt ihre Figur in ein anderes Institut des Schreckens. Vierzig Jahre nach Kriegsende besucht eine österreichische Ärztin gemeinsam mit ihrer Mutter jene Anstalt in Hessen, in der während des Krieges ihre geisteskranke Großmutter festgehalten wurde. Gemeinsam unternehmen Mutter und Tochter mit dieser Reise den heiklen Versuch, das Schicksal der Großmutter zu rekonstruieren und die Erinnerungslücke in der Familiengeschichte zu füllen. Hinter dem sperrigen Titel "Das Umstellformat" (Luchterhand)verbirgt sich auf kaum einhundertfünfzig Seiten eine anspruchsvolle Erzählung, die auch formal hochambitioniert ist.

Als verspäteten Akt einer Familienzusammenführung darf man Christoph Meckels Roman "Suchbild. Meine Mutter" (Hanser) lesen. Vor gut zwanzig Jahren erschien "Suchbild. Über meinen Vater", eines der wichtigsten Werke der "Väterliteratur", wie die literarischen Familienerkundungen der Achtundsechzigergeneration genannt wurden. Damals standen mit den Vätern die potentiellen "Täter" im Zentrum des Interesses. Peter Handkes "Wunschloses Unglück" blieb die rühmliche Ausnahme. Jetzt hat Meckel der Mutter, die er vor zwei Jahrzehnten kaum einmal erwähnte, ein eigenes Buch gewidmet. Seine Beschreibung einer Frau, die "mit sich einverstanden blieb" bis zuletzt, beginnt mit dem Satz: "Ich habe meine Mutter nicht geliebt."

V. S. Naipauls Mutter packte dem späteren Nobelpreisträger ein gebratenes Hühnchen, als der Achtzehnjährige zum Studium nach England aufbrach. Doch die Briefe, die er von dort nach Trinidad schickte, sind an den Vater adressiert. "Briefe zwischen Vater und Sohn" (Claassen) ist der Titel des Bandes, der den sehnlichsten Wunsch des erfolglos schriftstellernden Vaters erfüllt: einmal gemeinsam mit dem Sohn ein Buch zu veröffentlichen.

Als beim Klagenfurter Literaturwettbewerb Nina Jäckles Erzählung "Buchenhofstaffel" verrissen wurde, lautete die Begründung unter anderem, der Text handle von "Vater, Mutter, Kind". Das könnte man über den vor knapp zweieinhalbtausend Jahren erschienenen "König Ödipus" auch sagen. Seitdem ist das zugrundeliegende Rezept immer wieder erfolgreich variiert worden. Jetzt ist Nina Jäckles Text in ihrem Debütband "Es gibt solche" (Berlin Verlag) erschienen. Zusammen mit Büchern wie Zsusza Bánks "Der Schwimmer" (S. Fischer) oder Arno Geigers Roman "Schöne Freunde" (Hanser) beweist er, daß auch jetzt, da der Debütantenwahn vorüber ist, noch gute Bücher von jungen Autoren geschrieben werden. Ach ja, mögen die Deutschen auch aussterben, Debütanten wird es ewig geben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2002, Nr. 232 / Seite 35
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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