Der Traum der automobilen Freiheit vieler Italiener steht am Brenner: Güterzugweise warten hier übergewichtige Audis an der Grenze, um die viel zu engen italienischen Innenstädte zu verstopfen. Sie kommen in Mantua bis zum Palazzo Canossa. Den Platz davor dürfen sie noch vollparken. Danach steht der Poller im Weg. Am Poller endet die Freiheit der Autofahrer.
Abschleppgarantie in der ZTL
Denn der Poller markiert den Beginn einer ZTL, einer Zone mit beschränktem Verkehr, und weil Vertrauen gut, Kontrolle mit einer Videokamera für Strafzettel besser und die Zwangsmaßnahme immer noch am besten ist, wird die Straße mit dem Poller abgeriegelt, außer für jene, die in der Innenstadt wohnen. Die können den Poller elektrisch versenken. Toll, sagt sich der Tourist, das nutzen wir aus, da rutschen wir schnell hinterher. Und dann irren wir beispielsweise eine halbe Stunde durch die Oberstadt von Bergamo, in der schalen Hoffnung, uns auch beim Weg nach draußen wieder hinter ein Auto klemmen zu können. Denn naturgemäß gibt es in einer ZTL für Fremde allenfalls eine Abschleppgarantie, aber keine Parkplätze.
Die Oberstadt von Bergamo ist ein Gewühl enger Einbahngassen, und wenn wir einen gefunden haben, der an der richtigen Stelle einen Poller absenkt, beginnen wir zu beten, dass wir es darüber schaffen, bevor der Poller wieder hochfährt und dabei den Wagen aufreißt. Wir probieren das einmal aus und können danach schreiben, dass man die ZTL und den Poller des Todes besser respektiert.
Mit goldenen Flügeln
Für den Italiener, der sich gerade ein deutsches Ungetüm zum Fußgängertotmachen gekauft hat, ist das natürlich eher unerfreulich. In vielen Städten mit ZTL kommt es deshalb immer wieder zu politischen Konflikten, aber letztlich bleibt es in der Regel bei den Pollern. Und die Italiener tun dann das, was sie in Momenten der Unterdrückung gerne tun: Sie singen den Gefangenenchor aus „Nabucco“ von Verdi, flieg Gedanke, auf goldenen Schwingen. Und wenn die Gedanken dann so mit goldenen Flügel durch die blaue Luft fliegen, fällt ihnen ein, wie man das Beste aus der Situation machen kann.
Das ist historisch sehr italienisch, das macht aus fragwürdigen TV-Unternehmern respektable Ministerpräsidenten und aus zur Demut verpflichteten Päpsten Freunde von Orgien und Palästen, man lebt mit dem, was man besitzt, und nimmt, was man kriegen kann, und wenn man zu wenig Geld für Marmor hat, lässt man ihn eben von einem Mantegna, einem Pisanello oder Romano an die Wand pinseln, und am Ende kommen die Touristen und sagen „ah!“ und „oh!“.
So ist es dann auch mit den von Pollern abgesperrten Innenstädten. Wenn man schon nicht mehr rasen und parken kann, lässt sich die Straße wenigstens mit Tischen und Stühlen blockieren. Man kann mit dem Rad fahren, und weil Italiener praktisch denken, schrauben sie auch Körbe und Kindersitze auf die Räder. Damit das Prestigedenken nicht leidet, wird die Louis-Vuitton-Tasche oder der Luxusmops gut sichtbar in den Korb gelegt, und man muss auch ehrlich sagen, so eine Luxushandtasche oder eine englische Bulldogge, die kommen in einem Auto gar nicht richtig zur Geltung. Ansonsten bleibt man mitten auf der Straße stehen, redet laut, zeigt seine neue Kleidung her und benimmt sich so, als hätte man alle Zeit der Welt und müsste sich überhaupt nicht abhetzen. Das Leben geht ohne Auto hinter dem Poller weiter. Nur eben anders.
Und weil manche zu lange hinter dem Poller waren und das Leben dort eigentlich sehr schön fanden, ganz ohne Gefahr, über den Haufen gefahren zu werden, fahren sie nach Hause und möchten auch solche Poller. Die Pollerindustrie floriert gerade überall in Italien, praktischerweise mitfinanziert durch deutsche Touristen, die die ZTL ignorieren und dabei erwischt werden, und langsam tauchen die Wegsperren auch im Umland auf.
Dann werden besonders schöne Straßen zu besonders guten Restaurants für die Autos gesperrt, so etwa entlang des Naturschutzgebietes des Mincio. Und das bringt andere Italiener auf die goldbeflügelten Gedanken, dass sie auf diesen Straßen Touren zu Bauernhöfen anbieten könnten, die einen Tag der offenen Tür machen, oder gleich ganze Radfestivals. Noch stehen am Brenner die großen Blechkisten aus Deutschland, aber wer weiß, vielleicht kommt auch der Tag, da auf der anderen Seite Güterzüge mit Pollern stehen.
Viele goldbeflügelte Gründe für solche Poller kann man zum Beispiel vom 25. bis zum 27. Mai in Mantua bei Roundabike sehen, wo die ganze Region das Leben ohne Auto, aber mit Poller probt: www.roundabike.it/
Oh bitte
Alphonso Porcamadonna (donalphonso)
- 23.05.2012, 19:15 Uhr
di nuovo
Madeleine Pyka (meineigen)
- 23.05.2012, 18:18 Uhr
Immer diese Ironie
Alphonso Porcamadonna (donalphonso)
- 23.05.2012, 16:59 Uhr
Immer diese Italiener.
David Sesterhenn (ondavid)
- 23.05.2012, 14:02 Uhr