23.04.2012 · Einen Deutschen in Italien erkennt man sofort. Er beginnt nicht mit den Antipasti, sondern gleich mit der Pizza. Im Erfindungsort der Tortelli bleiben deutsche Essgewohnheiten ungestraft.
Von Rainer MeyerRichtlinien für Lesermeinungen
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Es gibt nicht die italienische Küche
Ich stimme Herrn Schlüter-Padberg in allen Punkten zu und
ergänze nur: Die Stärke Italiens sind ja gerade die
Regionalküchen. Don Alphonso scheint unter Italien die Gegend um
den Gardasee zu verstehen. Was ist mit der Emilia-rOmagne, deren
Küche so sehr an bayerische erinnert - Innereien, Schweinernes usw.
In Restaurants, z.B. einer Kleinstadt in Latium, die von der normalen
Mittelklasse frequentiert werden (Lehrer, Bankangestellte) sieht man
kaum jemand alle Gänge essen.
Ferner hat die "italienische Küche" in Mittelitalien eine
Schwachstelle in dem miserablen, ungesalzenen Brot. Ein pfiffiger
Italiener ging dagegen an, indem er das Brot in Olivenöl tauchte
und dann Salz daraufstreute. Ich selbst bestelle immer Fagiolini, dann
kommt Olivenöl zu diesem zweck auf den Tisch, und meine Begleiter
kommen auch in dessen Genuß.
Herr Meyer sollte sich den Original-Artusi kaufen, gibt's bei "I
Libri del Gulliver". Da gehen inem die Augen auf, wie erstaunlich
mitteleuropäisch diese Küche wirkt.
genau!
sehr zu empfehlen ist auch der slow food (schon wieder !) - führer:
osterie d'italia aus dem hallwag verlag. dort sind meist kleine,
unscheinbare restaurants aufgeführt in denen ehrlich, regional und
saisonal gekocht wird ...
Einen Deutschen in Italien erkennt man sofort daran,
dass er Valläätscho sul Mintscho mit starkem -tsch spuckt.
Im übrigen sind in Italien die Antipasti, die Primi und die Dolci
ziemlich unwiderstehlich, während die Secondi fast immer, ob
Fleisch oder Fisch, fast totgebraten oder trockengekocht sind. Ich
führe das zurück auf erstens die erst in den letzten
Jahrzehnten perfektionierte Kühlkette (ich erinnere mich sehr gut,
dass in Florenz noch Anfang der achtziger Jahre im Sommer kein
Schweinefleisch verkauft wurde) und zweitens auf die Tatsache, dass die
grosse Mehrheit der Italiener sich bis weit ins letzte Jahrhundert
hinein vielleicht drei- viermal im Jahr Fleisch leisten konnte.
Dass man sich durch ein ganzes Menu fressen musste, ist auch schon seit
einiger Zeit vorbei. Der Padrone oder auch die Mamma sind
glücklich, wenn man die Speisekarte beiseite legt und fragt, was es
denn heute Besonderes gebe. Man wird dann den Stolz des Hauses bekommen,
eventuell ein "mosaico di verdura" aus sechs bis zehn kleinen,
herrlichen Gemüsen......
Das Mahl HAT eine Bedeutung, werter Herr Meyer, jenseits der Nahrungsaufnahme: Essen ist ein politischer Akt. Und, Essen ist Genuss, oder sollte es zumindest sein. Was bei DIESEN Tortellini fast sicher scheint.