20.01.2009 · Das Lexikon „Mijn Duitsland“ des belgischen Schriftstellers Geert van Istendael präsentiert ein persönliches Alphabet „von Aachen bis Zwiebelmarkt“. Wo Deutschland liegt, das lernt man am besten an der Hand eines derart kultivierten Nachbarn.
Von Dirk Schümer, VenedigDeutschland ist groß, rein flächenmäßig betrachtet. Die Deutschen sind viele - im Europa der Nationen sind sie sogar die meisten. Deutschland ist Exportweltmeister, Wirtschaftslokomotive und hat mit einer verwickelten Geschichte aufzuwarten, die an Höhen und vor allem Tiefen keinen Mitbewerber scheuen muss. Und doch fragen sich die Deutschen, deren historische Identität beschädigt, deren Gegenwart noch eine Baustelle und deren Zukunft transnational ist, immer wieder: „Deutschland, aber wo liegt es?“ Friedrich Schiller beklagte sich wissend: „Ich weiß das Land nicht zu finden.“
Wenn wir heute mit ähnlichen Wahrnehmungsschwierigkeiten kämpfen, empfiehlt sich der Griff zum unscheinbaren Lexikon „Mijn Duitsland“ des belgischen Schriftstellers Geert van Istendael. In seinem persönlichen Alphabet „von Aachen bis Zwiebelmarkt“ scheint nämlich eine Sicht auf den gar zu großen Nachbarn auf, den die Soziologie als Spiegelblick kennt: Während Riesennationen wie Frankreich oder eben Deutschland sich aus lauter Wichtigkeit immer nur selbst anstaunen, stehen hinter dem Glas kultivierte, aber weniger von sich eingenommene Nachbarn - wie etwa die Belgier. Sie haben den schicksalhaften Nachbarn Deutschland bei dessen Nabelschau immer im Blick.
Demut nicht die stärkste Seite
Darum kann man nur bewundern, wie nüchtern und doch liebevoll Istendael, der als Fernsehreporter den 9. November in Ost-Berlin mitmachte, sich und seinen Lesern diese plumpen Miteuropäer schmackhaft macht. In jedem Winkel spürbare Monstrositäten wie die Ausrottung der Juden oder den grundhässlichen Wiederaufbau nach 1945 geht dieser Autor frontal an; wenn Deutschland irgendwo liegt, dann leider da. Aber dann erzählt Istendael bewegend von seiner Liebe zu Johann Sebastian Bach. Oder davon, wie er die Gedichte des hermetischen Georg Trakl durchkaute. Oder wie ihm deutsche Querköpfe imponieren - mag das nun Tucholsky sein oder ein Pfarrer, der weggeschmissene DDR-Bücher sammelt.
Istendael hat ein Ohr für das herrliche Deutsch von zugewanderten Autoren türkischer Herkunft, hat ein Auge für Tübkes geniales Panorama in Frankenhausen und einen Gaumen für hessische Wurstspezialitäten. In Maßen, wohlverstanden: „Ich gebe zu, dass die Deutschen in Sachen Gastronomie im Allgemeinen die Tugend der Demut beherzigen sollten, und zugleich auch, dass die Demut nicht ihre stärkste Seite ist.“ Wo Deutschland liegt, das lernt man am besten an der Hand eines derart kultivierten Nachbarn.