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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Belgiens Kummer Belgeuropa

 ·  Gemeinhin gilt Belgien als Nation, doch Wallonie und Flandern leben schon seit langem nebeneinander her. Wie passt das eigentlich zur EU?

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Drei Klobrillen in den Landesfarben Schwarz-Gelb-Rot - das Titelbild der jüngsten Publikation über das belgische Nationalbewusstsein strotzt vor Sarkasmus. Nach dem Weltrekord mit 540 Tagen ohne Regierung nimmt ein Team um den Brüsseler Historiker Olivier Luminet nun die Hilfe von Psychoanalytikern und Literaturwissenschaftlern in Anspruch, um dem krankhaften „Kummer von Belgien“ auf die Schliche zu kommen. Was läuft nur schief? Dabei ist die Misere schon durch die Doppeledition des Buches offensichtlich: In Niederländisch und Französisch braucht man zwei Ausgaben, weil die Bürger einer Nation das Werk sonst nicht verstehen könnten.

Umfragen zufolge will fast die Hälfte aller Flamen das letzte Einheitssymbol, König Albert, in Pension schicken. Die Wähler der größten Partei des Landes verlangen gar eine flämische Republik, weil das föderale System mit ewigem Lastenausgleich für den armen wallonischen Süden gescheitert sei. Und weil die Wallonen ihre flämischen Zahlmeister auch noch nach Kräften dadurch verachten, dass sie sich weigern, die Sprache der Mehrheit zu erlernen, erinnert der drohende Zerfall Belgiens fatal an die Malaise der EU.

Uneins bis zur Unregierbarkeit

Die hat nicht zufällig in Brüssel ihre Zentrale und ist gegenüber ihren Beamten mindestens so spendabel, als wäre es die griechische Administration. Wie würden es aber die Deutschen verkraften, wenn die Bundeskanzlerin kaum der Landessprache mächtig wäre? Flamen müssen ihrerseits mit einem französischsprachigen Premier Elio Di Rupo leben, der seine Bürger nördlich der Sprachgrenze nur stammelnd erreicht.

In Flandern und der Wallonie lebt ein alteuropäisches Ehepaar Rücken an Rücken zusammen, das sich über die Abwicklung der Scheidung nicht einig werden kann - bis zur Unregierbarkeit. Nur die Grenze zwischen Frankreich und der Wallonie wird in diesem europäischen Binnendrama immer obsoleter. Abteibier, Croissants, Fritten, Baustil und Sprache sind hüben wie drüben identisch. In die Grenzhäuschen zwischen Tournai und Lille hat man Schaufensterpuppen mit Gummiknüppel und Fernrohr montiert, so als wäre diese Grenze nur ein übler Scherz gewesen - kein historisches Gepäck mehr zu verzollen.

Doch was nützt Europa der Wegfall der Scheidelinien, wenn gleichzeitig ganze Nationen mit ihren Sozialsystemen und Staatskassen implodieren? Der Nationalstaat sollte mit der finanziellen Umwälzpumpe der EU überwunden werden. In Belgien, dem Land der patriotischen Klospülungen, nimmt der Albtraum Gestalt an, dass Europa und Nation gemeinsam den Bach heruntergehen.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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