20.09.2006 · Bela B. Felsenheimer, der Schlagzeuger der „Ärzte“, tritt nach einem Vierteljahrhundert des Übens als Einzelsänger hervor. Beim Konzert in der Frankfurter Batschkapp hält der Punkrocker die Gitarre flach.
Von Patrick BahnersWie dumm müssen Aufklärer sein? In die Stadt der Frankfurter Schule hat Bela B. seine Variante des alten Märchens vom bestraften Zweifler mitgebracht. „Der Vampir mit dem Colt“ trifft im Herzland Amerikas auf den Rationalismus, der Texaner auf die Demokratisierung des wilden Ostens hoffen läßt: „Und so mancher Held hat nicht an die Legende geglaubt / Und lag später zwar schlauer, doch tot im Staub.“ Mag ja sein, daß der Blutsauger aus Alteuropa weder im darwinistischen noch im kreationistischen Biologieunterricht vorkommt. Aber hören denn die Helden keine Country-Sender mehr? Schon vom ersten Takt der Ballade an gibt das fatale Getrappel doch zu erkennen, daß da einer auf uns zukommt, der nichts Gutes im Halfter führt. „Man weiß nicht, wer es ist“: Kann es sein, daß der amerikanische Traum die Unkenntnis des Feindes voraussetzt, im Sinne von Carl Schmitt also ein Unverhältnis zur Welt? In Amerika gibt es keinen Adel, so die Hinterhoflogik weltpolizeilichen Wunschdenkens, also auch keinen Grafen Dracula.
Wir Ureinwohner der Alten Welt glauben an die Legende, und wenn Bela B. Felsenheimer, der Schlagzeuger der „Ärzte“, nach einem Vierteljahrhundert des Übens als Einzelsänger hervortritt, dann würden wir, wenn die Platte zum Weglaufen wäre, uns an den nächsten Fahnenmast fesseln lassen und sie trotzdem zu Ende hören. So schlecht ist sie aber gar nicht, gleich die „B-Vertüre“ nimmt die korrekte Einsortierung in den Katalog des Weltkulturerbes vor: „Bingo“ ist ein Nebenwerk, mit der passionierten Routine hergestellt, die man auch im Kintopp von den Produktionen erwartet, die den zweiten Buchstaben des Alphabets als Ehrenvornamen tragen.
Der Massentourismus des feinen Mannes
Mit der „B-Vertüre“ beginnt auch das Konzert in der „Batschkapp“. Aus der Tonkonservendose quillt zur Fingierung einer bombastischen Kulisse der komplette James-Last-Orchesterapparat. „Schaut mal her, wer hätte das gedacht, / daß der Graf ein Soloalbum macht?“ Nun ja, nach den neuesten Forschungen von Professor Conze aus Marburg waren unter den Blaublütigen auch im braunen Jahrtausend mehr Mitmacher, als Gräfin Dönhoff uns erzählt hat; und in der Musikbranche ist der Soloausflug, so paradox es klingt, ganz einfach der Massentourismus des feinen Mannes. Der Graf wollte eben, wie „Die Ärzte“ in ihrer antiromantischen Antwort auf alle Grafen Habsburg, Golo und Maxl der deutschen Balladentradition zu Protokoll gegeben haben, nie ein Anachronismus sein.
Daß der Soloprojektmacher Adelstitelschutz in Anspruch nimmt, bleibt das einzige „Ärzte“-Zitat des Abends. Den postmodernen Zierat der Selbstreferenz verachtet Bela B. wie übrigens auch Farin Urlaub in seiner Soloinkarnation mit der Wucht des mittleren Jürgen Habermas. Dabei würden viele Nummern von „Bingo“ perfekt ins Repertoire der „Ärzte“ passen, sollten sie einmal als die zweitbeste Band der Welt auf Tour gehen. Da ist die Lakonik der Schimpfkanonaden. Der Straßenmusiker-Knigge kommt mit einem einzigen Gebot aus: „Mach die Gitarre runter! / Wir wollen deinen Sack nicht seh'n!“ Ausnahme natürlich: Der Mucker spielt nicht nur „wie der Nikolaus“, sondern Weihnachtslieder im Nikolauskostüm. Da ist der Trost der verlassenen Jungs in sentimentaler und unsentimentaler Variante. „Doch sie ist gegangen, denn sie hat was vermißt.“ Auf diese Aktion lassen sich wohl alle im Kosmos des „Ärzte“-Liedguts zelebrierten Trotzreaktionen zurückführen.
Das absolut nutzlose Wissensbröckchen
Und da ist der Spott über die schönen Seiten des Rockstardaseins. Den Part von Charlotte Roche im Duo „Erstens, zweitens, drittens“, dem Inventar der Kardinal- oder besser Ordinalfehler bei der Anmache, singt auf der Bühne Ina Paule Klink. Und jetzt das Trivia-Bonbon, das absolut nutzlose Wissensbröckchen: Die Hintergrundsängerin und Hintergrundbeineüberschlägerin von Bela B.s Begleitband „Los Helmstedt“ ist tatsächlich dieselbe Ina Paule Klink, die in den „Wilsberg“-Krimis die junge Nichte des Antiquars spielt. Man darf nach dem oben zum Zitiertabu Gesagten ausschließen, daß ihr Mitsingen eine Anspielung auf einen besonders tollen Schlager sein soll, den „Die Ärzte“ auf ihren Konzerten nicht mehr so gerne darbieten („Paule heißt er, / Ist Bademeister“).
Zwei Stunden lang wechselt Bela B. die Gitarren, erst zur Geisterstunde ist Schluß. Nach und nach hat der Graf die schneeweiße Haut des Nachtarbeiters freigelegt. Ein Schimmern ist um den Nulltagebartträger, die Aura der Unschuld aus der Stadt. Der Protestsongstifter, der sein „Deutsche, kauft nicht bei Nazis!“ kostenlos ins Netz stellt, klärt auf - ist er demnach naiv? Bei den „Ärzten“ ist Bela B.s schwarze Seele dialektisches Moment eines Kollektivsubjekts. Das verschwörerische Raunen seiner rauchigen Stimme komplettiert als pittoreskes Wölkchen eine Welt der Heiterkeit, deren heller Kopf Farin Urlaub heißt: Es gibt ein falsches Leben im richtigen. Punkrock ist etwas für Leute, die an nichts Böses denken.
Steht der Vampir allein auf der Bühne, kann er nicht einmal zum Scherz verhehlen, daß er der geborene Blutspender ist. Der Rockstar gibt seine Energie an die Zuhörer ab. Ist die Operation in der „Batschkapp“ gelungen? Das Publikum warf sich Bela B. an den Hals, aber immer wenn es Sache des Saals gewesen wäre, den momentweise verstummenden Meister durch eigenes Singen zu reanimieren, wirkte die pulsierende Begeisterung eher labil.
gibt es nicht bessere (neuere) bands?
Kai Klinge (kaaa)
- 20.09.2006, 21:33 Uhr
???
David Eichberg (wwaldii)
- 21.09.2006, 11:39 Uhr