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Beispiel Bitterfeld Mythos Arbeit: Die verklärte DDR

27.08.2004 ·  Der Dreck ist weg, das Glück aber zog nicht ein: Für die Bewohner der einstigen DDR-Chemiestadt Bitterfeld war früher alles besser. Zwar fiel damals das Atmen schwer, doch man hatte auch Arbeit - und die fehlt heute.

Von Regina Mönch
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Die Schornsteine von Bitterfeld, "die wie Kanonenrohre in den Himmel zielen und ihre Dreckladung Tag für Tag und Nacht für Nacht auf die Stadt schießen, nicht mit Gedröhn, nein, sachte wie Schnee, der langsam und sanft fällt, der die Regenrinnen verstopft, die Dächer bedeckt, in den der Wind kleine Wellen weht" - diese Schornsteine aus Monika Marons Roman "Flugasche" gibt es nicht mehr. So wie es Bitterfeld als dreckigste Stadt Europas nicht mehr gibt.

Die Frau, die an einem heißen Augusttag des Jahres 2004 die Blumenbeete in ihrem Garten gießt, zeigt auf eine hohe wilde Hecke, die auf der anderen Straßenseite ein verfallendes Haus zu überwuchern beginnt und unter der ein Zaun längst verschwunden ist. "Dahinter standen sie." Die Frau hat schon vergessen, wann man die Schornsteine dieses Kraftwerkes abgerissen hat. Sie habe sich jedenfalls, sagt sie, endlich eine Wäscheleine gekauft, als die Monster aufhörten, ihren Dreck und die giftiggelben Schwaden auszuspucken. Die Häuschen in der kleinen Werksiedlung aus der frühen Blütezeit der Industriestadt Bitterfeld strahlen in hellen Farben - sofern sie noch bewohnt sind. So sei das eben, sagt die Frau gleichmütig, alles habe seine Zeit. Nicht jeder betrachtet die Erlösung vom Flugascheregen - früher jeden Tag mehr als hundertachtzig Tonnen - und giftigen Gestank so gelassen.

Luft holen können, ohne einen Hustenanfall zu bekommen, sei das eine, sagen viele, um gleich hinzuzusetzen, daß damals alle auch Arbeit hatten. Der hohe Preis, den jeder zahlte, den das Schicksal in die Chemieregion von Wolfen und Bitterfeld verschlug - er spielt in der Erinnerung nur eine untergeordnete Rolle. Keine Arbeit zu haben, darin sind sich Betroffene wie Nichtbetroffene einig, sei die schlimmste Heimsuchung der Neuzeit.

Luft holen ohne Hustenanfall

Kein Erfolg kommt gegen dieses Gefühl an oder vermag die Hoffnung zu wecken, ihm könnten weitere folgen, die mit dem Übel aufräumten. Die Arbeit, egal wie ungeliebt und ungesund sie gewesen sein mag, sie hielt ihr Lebenskorsett zusammen, hielt sie alle zusammen. Alte Gewißheiten, die nicht ersetzt worden sind. Sie winken ab, wenn man nach rostigen leckenden Rohren fragt oder nach den Aschekammern der Kraftwerke, in deren Hitze und Dreck zu arbeiten man niemandem wünschte. Irgendwie sei es schon gegangen, heißt es dann, schließlich gab es dafür mehr Lohn als anderswo und den Trabi ein paar Jahre früher.

Sogar die Achtstundenschicht in der Wolfener Filmfabrik, in der Frauen in völliger Dunkelheit und bei Temperaturen zwischen sieben Grad mit eisiger Zugluft und vierzig Grad dumpfer Hitze Farbfilme herstellten für Urlaubsschnappschüsse aus dem Arbeiterparadies, sogar die erscheint im Blick zurück als erträglichere Alternative zur arbeitslosen Gegenwart Tausender.

Eine neue Industrieoase

Dieser Gegenwart unterstellt man, auch an den anderen Übeln schuld zu sein: daran, daß die Schulen schließen müssen, und daran, daß die Kinder, kaum erwachsen geworden, wegziehen. Wer es dabei beläßt, und es ist das von den Medien geprägte vorherrschende Bild des Ostens, muß die Region um Bitterfeld und Wolfen für eine Wüste halten, an deren Rand sich nun die Höllenlöcher ehemaligen Braunkohlentagebaus mit Wasser füllen.

Doch tatsächlich ist auf den geschleiften Fundamenten von Ostdeutschlands Chemieindustrie eine neue Industrieoase entstanden: der Chemiepark von Preiss-Daimler, mit aufwendiger Schutztechnik für Mensch und Umwelt ausgestattet und Arbeitsplätzen für zehntausend Menschen. Er zieht sich von Bitterfeld bis hinüber nach Wolfen, mit Dutzenden kleinen und größeren Firmen, dazwischen immer mal wieder eine Brache, garantiert entgiftet, ein Milliardenprojekt.

Es geht aufwärts

Nicht alle Betriebe sind neu aufgebaut, einige zogen in alte Gebäude, sofern die für Menschenarbeit noch zumutbar waren. Ab und zu verdeckt ein Gerüst mit Bauplanen die Fassade. Das heißt, hier geht es aufwärts. Nach kargen Aufbaujahren leistet man sich nun auch ein neues Gesicht. Auch das unterscheidet den Chemiepark Bitterfeld-Wolfen von vielen Projekten des "Aufbaus Ost", der allzuoft Potemkinsche Dörfer baute, hinter deren schillernde Vorhänge niemand schauen wollte, bis der Insolvenzverwalter vor der Tür stand.

Die Wirtschaftskrise ist auch hier nicht spurlos vorübergegangen, doch nicht einmal die Tatsache, daß die Zahl der Arbeitsplätze im Chemiepark in den schwierigen letzten drei Jahren gleichgeblieben ist, wird jenseits der Industriestraßen noch wahrgenommen. Man weiß, daß Preiss-Daimler in den Neunzigern vom Westen, aus Minden, in den Osten zog und dort das Unternehmen mit Geschick vergrößerte. Was man in Minden dachte, als die Firmengruppe wegging, hat sich bis Bitterfeld nicht herumgesprochen.

Vergessene Invaliden

Viele, die hier eine Arbeit fanden oder sich selbst eine neue Existenz aufbauten, pendeln täglich zwischen Wolfen-Bitterfeld und ihren Wohnorten in Leipzig, Halle oder Dessau. Auch das mag ein Grund dafür sein, daß viele Einheimische skeptisch den Kopf schütteln, wenn der Chemiepark als eine der wenigen Erfolgsgeschichten Sachsen-Anhalts gepriesen wird. Sie gehören nicht dazu, heißt das, sind wie Invaliden eines früheren Zeitalters, die sich vergessen fühlen. Herausholen aus dieser Depression muß sie ein anderer, glauben sie, ein höheres Wesen, am besten der Staat, weil das immer so war.

Wer die zehntausend Arbeitsplätze hernimmt und damit Hoffnung verbindet, wird rasch belehrt. Weil es früher schließlich viermal so viele gewesen sind und weil diese Zahl aus einer Welt kommt, von der die Zweifler, im Gegensatz zu früher, kaum etwas zu spüren bekommen, nicht mal mehr Dreck. Sogar ein Pfarrer sagt: "Das glaube ich nicht." Er habe einfach mit zu vielen Menschen zu tun, die ohne Zukunft seien.

Komfortable Werksiedlungen

Über ein Jahrhundert sind die Leute in die Region zwischen Bitterfeld und Wolfen gezogen, weil man dort Arbeit fand, die anderswo nicht mehr zu haben war. Die Arbeiter für die unersättlichen Chemiegiganten und die Kohlegruben kamen zuerst aus Gegenden des wirtschaftlichen Niederganges, aus Polen, aus Oberschlesien, später auch aus dem Vogtland, aus Schwaben oder Brandenburg.

Die Fabrikanten schickten damals ihre Werber in die Welt, bauten schon früh Werksiedlungen für Arbeiter und Angestellte, die - verglichen mit den trostlosen Plattensiedlungen der DDR-Zeit - bis heute beeindrucken mit ihrem wohldurchdachten Komfort. Bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert gehörten Säuglingsstationen, Krankenhäuser, Kulturhäuser und Schulen zu den Fabriken, die Wert darauf legten, eine große Stammbelegschaft zu halten. Das hat sich tief eingeprägt ins Gedächtnis dieser Region, nur ist es seltsam unverbunden geblieben mit der Neuzeit und ihren Fetischen Mobilität und Flexibilität.

Die Bewohner ziehen weg

Wer zu DDR-Zeiten hierherkam, hatte andere Gründe als die Pioniere der Chemieindustrie. Es waren zuerst Heimatvertriebene, später zog das Versprechen, früher zu einer Wohnung zu kommen und eine etwas bessere Versorgung als üblicherweise im Mangelland. Aber ungeachtet dieser Unterschiede galt: Die Region wuchs. Jetzt geht es andersherum. Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf den Stand um 1919 gesunken. Als Entlastung wollen das nur wenige verstehen.

Wolfen, das noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eher ein großes Dorf war und erst zu DDR-Zeiten zur Stadt aufgepumpt wurde, hat in den letzten Jahren zwanzigtausend Einwohner verloren. Vor allem die Jüngeren stopften jetzt die demographischen Löcher im Westen, meint Petra Wust, die Oberbürgermeisterin der einstigen Agfa-Metropole, sarkastisch. "Doch bald werden sie auch dort merken, daß das nur ein Aufschub war. Von uns kann ja nichts mehr kommen."

Ort ohne Bestimmung

Als die zwei größten Werke - "Sie waren die Stadt!" sagt der ehemalige Archivar Manfred Gill - ersatzlos zusammenbrachen, begann der Niedergang. Allein die Filmfabrik hatte fast 15.000 Menschen beschäftigt. Einige wenige frühere Betriebsleiter gründeten aus der Konkursmasse kleine Firmen, die sich tapfer schlagen, oft noch mit abenteuerlich veralteten Maschinen, aber erfolgreich. Nur lindere das die Arbeitslosigkeit kaum, sagt Herr Gill. Auch in Wolfen meinte man, dem zu erwartenden Exodus entgegenwirken zu können, wenn man zuallererst die Plattenviertel saniert. Natürlich half es nichts, und Wolfen-Nord wird teilweise abgerissen. Inzwischen wirkt die Stadt, die einmal ein Dorf war, wie ein Ort, dem seine Bestimmung abhanden gekommen ist.

Die Übergänge von Werkgelände in die Wohnviertel und Stadtstraßen waren immer fließend. Schön mag das alles nie gewesen sein, aber es hatte einen Sinn, den die Hiergebliebenen jetzt vermissen. Durch den Abriß vieler Fabrikhallen und Werkgebäude wirkt das einstige Industriegebiet wie ein Gebiß, dem bereits ziemlich viele Zähne fehlen.

Zur führenden Klasse gehören


Mut ist daraus schwer zu schöpfen. Aber welchen Lebensmut haben Tausende Arbeiter überhaupt in die neue komplizierte Zeit von High- und Biotech mitgenommen? Ihre Phantasie und Vorstellungskraft war jahrzehntelang auf einige wenige Handgriffe reduziert worden, meist unter Arbeitsbedingungen, die heute jeder Betriebsrat als unzumutbar bekämpfen würde.

Als alles zu Ende ging mit dieser Arbeit, die ununterbrochen in Schichten zu verrichten war, tags wie nachts, die in das Leben so nachhaltig eingegriffen hatte, daß sie für die Mehrzahl ganz zwangsläufig die Hauptsache geworden war, als das zu Ende ging, blieb nur eine letzte Arbeit zu tun: die Fabriken, die nun so nutzlos geworden waren wie die Fähigkeiten, sie zu betreiben, zu zerstören. Das haben sehr viele als Verachtung übersetzt, wie auch sonst. Unter dieser Kränkung liegt die Erinnerung, einmal zur "führenden Klasse" eines Staates gehört zu haben. Ein Mythos, der, längst widerlegt, zählebiger ist als die Erinnerung an die Gewalttätigkeit industrieller Arbeit und vor allem durch keine andere Selbstbehauptung ersetzt.

Wehmütige Besuche

Zuerst mieden die einstigen Arbeiter der Filmfabrik das kleine Industriemuseum in der ehemaligen Farbfilmproduktion. Wie eine Arche Noah hatte ein Verein das verlassene Haus beladen mit dem Treibgut des industriellen Umbruchs. Es hat lange gedauert, bis die ersten einen Fuß über die Schwelle des Museums setzten, das früher einmal ihre Arbeitsstätte gewesen war. Tun sie es jetzt, sind es wehmütige Besuche, die den Zusammenhalt und die lustigen Abende im Kollektiv beschwören, die man so oft auf der Datsche eines Kollegen verbracht hatte. Nichts und niemand stört den verklärten Blick zurück. Schon gar nicht die Gegenwart.

Die dreckigste Region Europas, die darüber so unglücklich war und sich nicht selten verraten und vergessen fühlte, ist ohne den Dreck nicht viel glücklicher geworden. Das Leidensbewußtsein scheint die hartnäckigste Tradition zu sein; wie eine frühe Prägung, der man, um ihre traumatische Kraft zu brechen, starke Impulse entgegensetzen müßte. Die Sauberkeit und der blaue Himmel über Bitterfeld vermögen es jedenfalls nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2004, Nr. 199 / Seite 35
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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