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Bei der Tanzmesse NRW Wann kommt denn hier der nächste Schwan?

 ·  Da geht’s zu! Die Eröffnung der Internationalen Tanzmesse NRW in Düsseldorf will die Grenzen von Natur und Kunst verschwinden lassen. Das gelingt der Veranstaltung allerdings perfekt.

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© Ursula Kaufmann Hat da etwa Zeus den Choreographen gespielt? Nein, ...

Ein Grund für die Hauptfigur in Birgit Vanderbekes wunderschönem kleinen Roman über das Auswandern einer Mutter mit ihrem Sohn nach Frankreich ist, dass im Kindergarten immer diese entsetzlich häßlichen Sachen gebastelt werden. Die milchspendende Mutter aus Eierkartons ist das Gemeinschaftswerk, das ihnen die deutsche Vorschulpädagogik als letztes gleichsam nachwirft, doch das kann ihnen unter dem Sternenhimmel Südfrankreichs dann nichts mehr anhaben. So ähnlich wie die Protagonistin von „Ich sehe was, was du nicht siehst“ konnte sich fühlen, wer jetzt die Eröffnungsveranstaltungen der Internationalen Tanzmesse NRW in Düsseldorf besuchte.

Man glaubte, man hat es mit Verrückten zu tun. Wenn ein an einer schwedischen Universität zusammengebauter Piepmatz-Roboter aus Metall, Plastik und Federn zu einem durch den elektronischen Reißwolf gedrehten „Schwanensee“-Motiv ferngesteuerte Verrenkungen vorführt, fünf Minuten lang, wohlgemerkt, dann finden das die Veranstalter ein „Kunstwerk voller Schönheit und Melancholie, das emotional zutiefst berührt“ - und somit wert, eine viertägige Schau des internationalen zeitgenössischen Tanzes zu eröffnen.

Hier verschwimmen die Grenzen

Ein anderes Highlight der Messe, die dazu dient, dass subventionsfinanzierte Tanzgruppen subventionsfinanzierte Treffen abhalten, andere Vorstellungen anschauen und die Nummer des Business Phone vom litauischen Veranstalter speichern, der sie im nächsten Sommer hoffentlich einlädt, war ein Tanz, dessen YouTube-Link praktischerweise in der Einladung mitgeteilt wurde. So musste man sich gar nicht in ein Theater bemühen, um zu wissen, dass die Tänzer von Luc Petton hinter echten Schwänen herwatscheln würden. Na, und selbstverständlich verschwinden da „die Grenzen von Natur und Kunst“. Wer das schon lange wissen wollte, wie man die wegkriegt, war da also richtig.

Die wahren ästhetischen Vorlieben des Fachpublikums äußerten sich im Düsseldorfer Opernhaus schnell in einem Unruhigwerden allein beim Anblick der Spitzenschuhe in Martin Schläpfers hochkomplexer Choreographie „Forellenquintett“ für sein Ballett am Rhein. Husten, Messefachbesuchertütenknistern und Türenschlagen waren die wenig professionellen Äußerungen des Unverständnisses.

Dabei hatte die nordrheinwestfälische Ministerin für Familien, Kinder, Jugend, Kultur und Sport doch zuvor erklärt, Tanz sei so universell. Sonst sagte Frau Schäfer nichts Inhaltliches darüber, was so eine Tanzmesse sein soll. Die Direktoren der Messe taten das auch nicht und auch nicht die Präsidentin der Gesellschaft für Zeitgenössischen Tanz NRW. Offenbar wissen das alle. Vielleicht waren alle schon mal da und wissen deshalb, dass man sich hier vernetzt. So heißt das, wenn viele Leute Visitenkarten austauschen, die sie später im Hotelzimmer auskippen und vorsortieren und noch später zu Hause in eine Schachtel geben - zum Vergessen.

Von der Freude auf die Cola danach

Zwei taiwanesische Gruppen und eine britische mit einem südafrikanischen Choreographen später hatte niemand wirklich Argumente gesammelt, die das Etikett „Kunst“ für irgendeine dieser kreuzbraven jugendlich-lieben Hüpfereien auch nur in greifbare Nähe gerückt hätten.

Nun können wir natürlich eine ganze Generation weltweit heranziehen, die sich darauf verlässt, dass zeitgenössischer Tanz so ein Abendvergnügen für Zuschauer ist wie eine Vereinsvorstandssitzung. Spannend ist es nicht, aber man hat sich darauf geeinigt, da Mitglied zu sein, und jetzt freut man sich halt auf das Cola danach. Solange das Geld dafür nicht bald ausgeht und alle unbeirrt der Meinung sind, dass man mit dem erweiterten Kulturbegriff und dem Verschwinden der Grenzen zwischen Kunst und Natur und naturgemäß zwischen Kunst und Wissenschaft und zwischen Können und Nichtkönnen einfach so steuergeldermäßig ganz wichtig einen draufmachen sollte: bitte schön. Da sitzt ein Riesenverein und sagt „Lauter so Burschen wia i“, ganz zufrieden. Da wollen wir nicht stören.

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