20.02.2009 · Ausgerechnet zur Weiberfastnacht stellt die Unesco ihren „Atlas der bedrohten Sprachen“ vor, der auch das Kölsche zur bedrohten Art erklärt. Solch eine Einschätzung kann vorkommen, wenn man noch nie Köln war und nie den Karneval besucht hat. Oder ist die Unesco am Ende nur ein Karnevalsverein?
Von Richard KämmerlingsDas Hochdeutsche ist vom Aussterben bedroht, die Lage ist dramatisch. In Köln sollen selbst studierte Logopäden am helllichten Tage schon nicht mehr in der Lage sein, „rheinischer Fächer“, „Ch-Schwäche“ oder „Schnittchen“ zu sagen, ohne dabei einen Zungenkuss zu bekommen, und in tonangebenden linksrheinischen Literaturverlagen wird gar kein Wort mehr gewechselt, um nicht die Druckfahnen vom Vorabend in den Raum zu blasen.
Mit perfektem Timing stellte die Unesco ausgerechnet an Weiberfastnacht ihren „Atlas der bedrohten Sprachen“ vor, in dem allerdings kurioserweise nicht das in diesen Tagen von immer weniger Menschen verständlich artikulierte Hochdeutsche als hochprozentig gefährdet eingestuft wurde. „Unsafe“ sei umgekehrt – nach dem Sorbischen und dem Friesischen – unter anderem das „Limburgisch-Ripuarische“, vulgo das Kölsche. Auf der Unesco-Homepage lernt man, dass „unsafe“ hier bedeutet, dass zwar alle Kinder die Sprache noch lernen, ihr Gebrauch allerdings auf bestimmte „domains“ (sprich: Sphären) beschränkt sei, „zum Beispiel auf zuhause“.
Nur ein Karnevalsverein
Nun weiß jeder, der schon mal linguistische Feldstudien bei einem repräsentativen Veedelszoch durchgeführt hat, dass auch die Straße, der Saal, die Kneipe sichere Dömanen des Kölschen sind, ja sogar die Mittelmeerstrände, wie man aus dem „Spanien-Leed“ der Bläck Fööss erfährt: „Nä, nä, Marie, es dat nit schön? / Üvverall nur kölsche Tön!“ Aber vielleicht wurden die Interviews ja vor allem im Hochsommer unter Skatern auf der Domplatte durchgeführt. Zusammengestellt wurden die Forschungsergebnisse von dem renommierten finnischen Ethnolinguisten und Finno-Ugristen Tapani Salminen. Für zukünftige teilnehmende Beobachtungen der „intergenerationellen Weitergabe“ von Sprachen sei ihm das genauere Studium von rheinischen Passageriten und ihren Gesängen empfohlen.
Hört die Wissenschaft die merkwürdigen kannibalistischen Untertöne in „Blootwoosch, Kölsch un e lekker Mädche“ („dat bruch e ne Kölsche, öm jlöcklich zu sin“)? Und was sagt die Unesco eigentlich zur Nubbelverbrennung? Und erst das, was im ebenfalls als „unsafe“ eingestuften Alemannischen so alles sprachpolitisch Inkorrektes abgeht, möchte die rheinische Frohnatur gar nicht genau übersetzt bekommen. Die Zukunft der Sprachen wäre jedenfalls kinderleicht zu sichern: weltweit tolle Tage und „Superjeilezick“ für alle Mehr- und Minderheiten. Liebe Unesco: Ihr seid nur ein Karnevalsverein.