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Beastie Boys Achten Sie auf die bekleideten Herren

14.12.2004 ·  Pentatonik für den Flitterstaat: Die gereiften „Beastie Boys" rappen und spielen Blues in Düsseldorf. Neben alten Hits gab es Neues, Überraschendes: ein rauschendes Fest.

Von Andreas Rosenfelder
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Niemand in der Düsseldorfer Philipshalle hatte ins Wörterbuch geschaut. So mußten die „Beastie Boys“, die auf ihrer „Pageant Tour 2004“ in Europa zu Gast sind, das Motto ihrer Rundreise auf der Bühne umständlich erläutern. Hätten die Fans pageant nachgeschlagen, wären sie auf altertümelnde Bedeutungen wie „Festumzug“, „Prunk“ oder sogar „Flitterstaat“ gestoßen - und nicht in der gattungstypischen Freizeitkleidung aus Wollmütze, Sweatshirt und Turnschuhen angetreten.

Auf seiner Homepage verkündet das Trio die Hinweise zum Dresscode sogar in einem lustigen Lehrvideo und rät zu Smoking und Hemd, aber von hochhackigen Schuhen ab. Wieder einmal hat niemand die jüdischen Spaßvögel aus Brooklyn ernst genommen.

Der täuschende Flitterstaat

Was ein Fehler ist. Natürlich fehlt auf den teuren Eintrittskarten der Hinweis „Abendgarderobe erwünscht“. Und die inzwischen im besten Mannesalter angekommenen „Beastie Boys“ treten unrasiert in blauen Trainingsanzügen an die Rampe, fast, als wollten sie „Drei Männer und ein Baby - achtzehn Jahre später“ einspielen.

Aber die Kleidungseinstellung, von welcher die nach wie vor unschlagbaren Rapper zwischen den Stücken redeten, betraf nicht den altbekannten Kult um die richtige Kluft, also den ewigen Glaubenskampf zwischen Nike und Adidas oder die Frage, ob Cargohosen mit oder ohne Gürtel getragen werden. Mit dem authentischen Habitus geben sich die „Beastie Boys“ nicht ab. Ihr Reich ist der täuschende Flitterstaat.

Korallenriff mit unzähligen Tentakeln

Hip-Hop auf der Bühne ist meistens armes Theater. „Three MC's and One DJ“, wie ein Song heißt: im Vordergrund drei Mikrophonträger, im Hintergrund ein Plattenaufleger. Nichts weiter. Nun garantiert schon diese Minimalbesetzung bei den „Beastie Boys“ große Dramatik. Allein ihr DJ „Mix Master Mike“ - ein Universalgelehrter an den Plattentellern, der mit Sekundensamples von Jimi Hendrix bis „Kool & The Gang“ hantiert - könnte ein ganzes Solokonzert bestreiten.

„MMM“ läßt die in den Plattenrillen gefangenen Seelen quäken, stottern und explodieren und erinnert daran, welche Feier der Präsenz das Sampeln vor der Verklärung des DJs zum Diskursjockey einmal war. Und wenn der DJ nach seinen kunstreichen Improvisationen den verbeulten Donnerhall der Rhythmusmaschine anwirft, die „Beastie Boys“ mit ihren Heliumstimmen gleich zur Eröffnung einen Kracher wie „The Move“ intonieren und die häßliche Philipshalle zu einem Korallenriff mit unzähligen Tentakeln wird, deren Nesselzellen auf jede anbrandende Klangwelle reagieren, dann kann allein in Anbetracht der größten Hits, die den „Beastie Boys“ seit 1986 gelangen, nicht mehr viel schiefgehen.

Doch pageant

Doch nachdem sie sich ein gutes Stück durch ein Programm gearbeitet haben, in dem alle sechs Studioalben zur Geltung kommen und nur ein kleiner Schwerpunkt auf der im Sommer erschienenen New-York-Hommage „To The 5 Boroughs“ liegt, dreht sich plötzlich die Bühne. Und an diesem Punkt rächt es sich, wenn man das Wort pageant nicht nachgeschlagen hat. Denn aus dem Hintergrund rückt ein mit Leuchtgirlanden behangener Festpavillon auf die Szene.

Darin steht im Schummerlicht eine gediegene Band mit Congas, Kontrabaß und Hammondorgel, gekleidet in weißem Smoking und Fliege. Die Combo spielt psychedelischen Bluesrock mit richtigen Wahwah-Effekten. Man wähnt sich in den sechziger Jahren, irgendwo in Kalifornien, aber keinesfalls im Brooklyn der Achtziger. Als die vermeintliche Pauseneinlage nach zehn Minuten kein Ende findet, stimmt das verwunderte Publikum, das zu dem historisch-kritischen Sound nicht die richtigen Bewegungsabläufe findet, ungeduldige Sprechchöre an: „Beastie Boys! Beastie Boys!“

In Abendgarderobe zu den instrumentalen Wurzeln

In den hinteren Reihen kann es nicht jeder erkennen: Was wie eine Galaband auf mexikanischen Pilzen aussieht, sind die „Beastie Boys“ selbst, in der Besetzung, in der sie 1981 als Hardcore-Trio angefangen haben. Adam Yauch alias MCA an der Gitarre, Michael Diamond alias Mike D am Schlagzeug und Adam Horowitz alias Ad Rock am Baß, der in diesem Fall einen Korpus besitzt.

In Abendgardeobe kehrt die Band also zu ihren instrumentalen Wurzeln zurück und spielt zwanzig Minuten lang so, als hätte Carlos Santana sie zu einer Poolparty eingeladen. Tatsächlich beherrschen sie ihr altes Handwerk perfekt; die ansonsten atemlosen Berufshysteriker haben plötzlich alle Zeit der Welt.

Ihre alte Bluesnummer „Something's Got To Give“ spielen sie in einer verstrahlten Endlosversion. Der Perkussionist, ein Typ mit riesiger Afromähne, beginnt irgendwann tatsächlich, mit seiner kubanischen Holzgurke zu scratchen. Am Ende läßt Ad Rock die Rollenmaske fallen und fragt mit diabolischem Unterton: „We look great, uh?“

Ein rauschendes Fest

Trotz der für manche jüngeren Fans irritierenden Einlage ist der Auftritt der „Beastie Boys“ alles andere als das Manifest eines neuen Wir-machen-jetzt-Jazz-Konservatismus. Wer keine Pentatonik mag, wird gleich danach durch die niedrigfrequentigen Alarmbässe von „Super Disco Breakin'“ oder die Autoscooter-Big-Band-Tutti von „Ch-Check It Out“ entschädigt.

Und ganz zum Schluß, nachdem selbst der unsterbliche Klassiker „So What'cha Want“ gespielt wurde, nehmen die „Beastie Boys“ noch einmal die Instrumente auf, um die dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gewidmete Zugabe „Sabotage“ zu spielen, eine punkige Gitarrennummer: in Handarbeit und mit Hammondorgel. Es ist ein rauschendes Fest.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 40
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