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BBC nach Hutton Überfordert

 ·  Die Kelly-Affäre offenbart eine strukturelle Schwäche der BBC. Die redaktionelle Vielfalt führt tagaus, tagein zu unnötiger Doppelarbeit und einer Vielstimmigkeit, die ein Aufsichtsgremium überfordern muß.

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Die BBC leckt ihre Wunden. Schon kurz nach der Veröffentlichung des Abschlußberichts von Lord Hutton kündigte der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Gavyn Davies, seinen Rücktritt an. Ihm folgte am Donnerstag Generaldirektor Greg Dyke. Aber wenn es nach Alastair Campbell, dem ehemaligen "Kommunikationsdirektor" von Premierminister Blair, ginge, müßten bei dem Sender reihenweise führende "Köpfe rollen". Vor allem Campbell war es im Sommer vergangenen Jahres gewesen, der den Angriff der Regierung gegen die BBC geführt hatte. Daß dieser Angriff jetzt durch Lordrichter Hutton nachträglich gerechtfertigt worden ist, hat sich die BBC größtenteils selbst zuzuschreiben.

Das Vertrauen der Aufsichtsgremien in ihren Reporter Andrew Gilligan schien grenzenlos. Daß dieser, wie man jetzt weiß, allzu locker mit Informationen umging, die ihm der Wissenschaftler David Kelly "gesteckt" hatte, führt zu einer schweren Krise in der Anstalt. Lord Hutton hat mangelnde Kontrolle redaktioneller Abläufe kritisiert.

Solche Kontrolle ist schon in überschaubaren Betrieben nicht leicht. Aber in einer Organisation wie der BBC ist sie bei Licht besehen schlechterdings - zumindest zentral - unmöglich. In den letzten Jahren ist die Nachrichtensparte des Senders unglaublich gewachsen. Zwar sind die meisten Redaktionen im Fernsehzentrum im Westen Londons räumlich zusammengefaßt. Das heißt aber noch lange nicht, daß im Kommunikationsunternehmen BBC auch ordentlich untereinander kommuniziert wird.

Redaktionelle Vielfalt

Andrew Gilligan zum Beispiel war Verteidigungskorrespondent. Aber er war nicht etwa Verteidigungskorrespondent für den BBC-Hörfunk, sondern nur für die Sendung "Today" im wichtigsten Inlandsinformationskanal "Radio 4". Und weil er seine fragwürdigen Erkenntnisse intern nicht weiter vermittelte, stand David Kelly auch den Vertretern der BBC-Sendungen "Newsnight" und den Zehn-Uhr-Nachrichten Rede und Antwort. Deren Korrespondenten enthielten sich in ihrer Berichterstattung aller gewagten Interpretationen und gehen deshalb relativ "unbeschädigt" aus der Affäre hervor.

Insgesamt beleuchtet die Kelly-Affäre eine strukturelle Schwäche der BBC. Die redaktionelle Vielfalt führt tagaus, tagein zu unnötiger Doppelarbeit. Auf der anderen Seite werden Korrespondenten gerade in Krisenregionen von ihrer eigentlichen Arbeit, der Beschaffung wichtiger Informationen, dadurch abgehalten, daß sie hintereinander vielen Moderatoren die gleiche Geschichte erzählen müssen, nur damit der Anschein von Exklusivität gewahrt bleibt. Der Wettlauf der verschiedenen Kanäle sowie Sendungen dieser Kanäle um die endliche Größe "Publikum" schwächt eine Institution, die gerade im Augenblick jeden Freund gut gebrauchen kann.

Und sie führt zu einer Vielstimmigkeit, die ein Aufsichtsgremium überfordern muß. Wenn dann, wie im Falle Gilligan, das Vertrauen, das Journalisten entgegengebracht werden muß, wenn man ihnen schon nicht auf die Finger sehen kann, enttäuscht wird, stößt eine Institution wie die BBC an die Grenzen dessen, was sie noch verkraften kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2004, Nr. 25 / Seite 42
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Jahrgang 1958, Redakteur in der Politik.

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