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Montag, 13. Februar 2012
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Bayreuther Visionen (13) Heilige Kühe schlachten

18.07.2008 ·  Wir haben Personen des Musiklebens befragt, was sie als Leiter der Bayreuther Festspiele ändern würden. Lothar Zagrosek, der Leiter des Berliner Konzerthausorchesters, fordert eine neue Lesart der Wagnerschen Musik. Im Programm sollte die Leitung ruhig über Wagner hinausgehen.

Von Lothar Zagrosek
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Um die Frage gleich zu beantworten: Die Bayreuther Festspiele leiten? Nie und nimmer! Nichts für mich. Allerdings könnte ich mir ganz andere Bayreuther Festspiele schon vorstellen. Machen wir ein Experiment. Stellen wir uns vor: Es gäbe keine Harnoncourts, Minkowskis, Gardiners, Norringtons, aber noch die Salzburger Festspiele. Wie würde Mozart dort heute klingen? Wer die Salzburger Festspiele in den sechziger Jahren erlebt hat, kennt die Antwort. Durch die historisch informierte Erarbeitung der Alten Musik entstand ein völlig neues Mozart-Bild, wurde gar zum Maßstab der Mozart-Rezeption schlechthin – nicht nur in Salzburg. (Dieser Prozess hat zwar nicht originär in Salzburg begonnen, aber immerhin mittlerweile Salzburg erreicht und verändert.)

Ein ähnlicher Paradigmenwechsel fand in Bayreuth nie statt. Während man Furtwänglers – auf seine Art großartige – Salzburger „Don Giovanni“-Produktion als eine historische begreift, feiert man in Bayreuth ebendiese Interpretationshaltung, als wäre die Zeit im Jahr 1950 stehengeblieben. Thielemann, der durchaus Furtwänglersche Faszination zu verbreiten versteht, ist in Bayreuth ohne Alternative. Nicht nur die Verfügbarkeit eines überragenden Dirigenten mag hier als Grund gelten, sondern hauptsächlich die Konsequenz eines von der derzeitigen Leitung nie in Frage gestellten Musikverständnisses. Dieses wiederum steht nicht selten in krassem Gegensatz zur so manches Mal hemmungslosen Betriebsamkeit in der Erfindung immer neuer Regiekonzepte.

Kein Zeitgeist in der Musik!

In diesem Punkt möchte ich allerdings nicht missverstanden werden. Regie kann sich stets verändern, analog der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Chiffren dieser Veränderung werden – fantasievoll und theatralisch adäquat eingesetzt – zu Botschaften aus der Gegenwart. Die Musik darf Gleiches nicht. Sie muss eher das Gegenteil versuchen: anhand der Quellen die klangliche Erscheinung, wie vom Komponisten gewollt, wiederherstellen. Hier ist es ebenso falsch, den Zeitgeist in Form von elektronischen Verfremdungen Einzug halten zu lassen (in der Regie durchaus möglich!), wie gedankenlos „Blattgold aufzulegen“ oder mythische Größe mit dem Sound alles erschlagender Blechattacken zu simulieren. Die vielen hundert Zeugnisse zu Artikulation, Tempo, Rubato, gesanglichem Ausdruck usw., die das Richard-Wagner-Institut München aus den Skizzen der Mitarbeiter des Komponisten zusammengetragen hat, ergeben in vielerlei Hinsicht ein ganz anderes Klangbild.

Darüber hinaus kann man den Wandel des Klangbildes durch die Ausstellung des historischen Umfelds logisch erarbeiten. Schließlich ist Wagner nicht einfach vom Himmel gefallen. Auch seine Musik steht in einer geschichtlichen Kontinuität, die sich durch Mozart, Beethoven, Carl Maria von Weber, Meyerbeer und Berlioz beschreiben lässt. Wie erhellend wirken in diesem Zusammenhang die Aufführungen der Werke von Berlioz durch John Eliot Gardiner und Roger Norrington. In Bayreuth undenkbar! Da müsste man ja die heilige Kuh der Orchestergrabenabdeckung als Erstes schlachten. By the way: Richard Wagner hatte diese nur für den „Parsifal“ vorgesehen.

Not tut ein Held

Gänzlich undenkbar im Moment in Bayreuth ein Thema wie: „Wagner und die Folgen“. Die mit keinem Komponisten vergleichbare ungeheure Wirkung Wagners, die sich über Mahler, Debussy, Schönberg, Berg, ja, auch Messiaen und Stockhausen, Bahn in die musikalische Zukunft gebrochen hat: Dies alles kommt in Bayreuth nicht zu Wort – und ist doch so festspielwürdig. Und weil ich gerade dabei bin: Warum nicht die Gegenposition zu Wagner zu Wort kommen lassen, also Janácek, Weill, Eisler. Gerade die Negation zeigt vieles vom Wesen des Negierten.

Also: Schluss mit dem ewig gleichen Repertoire, mehr Probenzeit, endlich eine Festspielidee, die auch das Widersprüchliche in Wagners Werk in einer breitgefächerten Dramaturgie des Szenischen und Musikalischen aufdeckt. Sagte nicht Richard Wagner: „Not tut ein Held“? Meinte er damit etwa den (oder die?!) Leiter seines Festivals?

Lothar Zagrosek, geboren 1942, ist als Opern- wie als Konzertdirigent gleichermaßen erfolgreich und hat sich besonders um die zeitgenössische Musik verdient gemacht. Zahlreiche Ur- und Erstaufführungen fanden unter seiner Leitung statt, darunter Werke von Wolfgang Rihm, Berthold Goldschmidt, Hans Zender und Helmut Lachenmann. Seit Jahren engagiert sich Zagrosek, der zwischen 1997 und 2006 Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper war und seither das Berliner Konzerthausorchester leitet, für die sogenannte „Entartete Musik“ (u.a. Hans Krása, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff) und die frühe Moderne.

Quelle: F.A.Z.
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