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Bayreuther Depeschen (II) Im Handschuhfach

27.07.2008 ·  Frühschoppen in Bayreuth: Katharina Wagner, hochgehandelte Kandidatin für die Festspielleitung, legt alles medial Gefällige ab und kehrt zu ihrem krachfränkischen Zungenschlag zurück. Das Lokalkolorit kommt an, doch reicht es auch fürs Weltkulturerbe? Unsere tägliche Glosse aus Bayreuth von Patrick Bahners.

Von Patrick Bahners
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Am Mittag nach der Eröffnungspremiere hat die Brauerei Maisel zum Frühschoppen in die Eremitage der Markgräfin Wilhelmine geladen. Auf die Hinterlassenschaft der klugen Schwester Friedrichs des Großen stützt sich das Vorhaben der Stadt Bayreuth, zum Weltkulturerbe erhoben zu werden. Die Richard-Wagner-Festspiele will man im Antrag nicht erwähnen. In den Schaufenstern der Fahrschulen und Friseurgeschäfte hängen deshalb über den kleinen Wagner-Büsten große Wilhelmine-Plakate und manchmal sogar Wilhelmine-Kostüme mit angeklebten fotokopierten Köpfen.

Merkwürdigerweise heißt der Werbeslogan „Europas letzte Prinzessin“, obwohl Wilhelmine in diesem Jahr schon zweihundertfünfzig Jahre lang tot ist. Sollte man den Namen Wagner nicht vorsichtshalber doch in die Bewerbungsunterlagen hineinschreiben? Die Unesco wird dahinterkommen, dass hier jeden Sommer die Festspiele stattfinden, und dann wird der Titel am Ende noch sofort wieder aberkannt.

So wird es nichts mit den Medien

Bei Wetter wie diesem können die Prüfer in die Eremitage kommen. Die geschwungene Edelsteinfassade der Orangerie funkelt in der Sonne. Unter den Ehrengästen ragt der rüstige Hans-Dietrich Genscher heraus, Europas letzter Außenminister, dem die Hitze nichts auszumachen scheint. Zum Weißbier gibt es Weißwürste und Brezn, laut Einladung gereicht „mit Katharina Wagner, musikalischen Schmankerln der Bayreuther Festspiele und weiterer Prominenz vom Hügel“. Die Lieblingstochter des abtretenden Festspielunternehmers ist also als eine Art deftiger regionaler Spezialität gebucht, und dem entspricht dann auch ihr Auftritt.

Sie kultiviert einen breiten fränkischen Akzent und stellt damit die in Deutschland geltende Regel auf den Kopf, dass man beim beruflichen Aufstieg regionale Zungenfarben kaschieren muss. Das gilt zumal für jeden, der irgendwas mit Medien machen will. Das Krachfränkische der Urenkelin des Sachsen Richard Wagner ist der Beweis einer seltsamen Akkulturation. Es verbürgt jenes Authentische, das auch abgebrühte Journalistenkollegen in der Person Katharina Wagners erkennen wollen.

Typisch Papa!

Wie sie sich der Naturgabe des Blondhaars zum Trotz gar nicht erst bemüht, mädchenhaft zu erscheinen, so legt sie es in ihren mündlichen Einlassungen darauf an, sich so plump wie möglich auszudrücken. Beim Frühschoppen kann man studieren, dass gerade das gut ankommt. Warum ihr Vater Stefan Herheim mit der Neuinszenierung des „Parsifal“ beauftragt hat? „Das ist so typisch Papa.“ Kein Wort davon, welchen ästhetischen Gedanken die Festspielleitung in den bisherigen Arbeiten des Norwegers gesehen haben mag. Katharina Wagner verspricht den Honoratioren, die ihr den Weg ins Amt der Intendantin freiräumen wollen, das Verschwinden des intellektuell-moralischen Ballasts, der auf dem Namen Wagner liegt.

Das Einladungsschreiben hatte in Aussicht gestellt, dass Christian Thielemann mit Katharina Wagner diskutieren werde. Stattdessen sitzen auf den Hockern neben ihr und Herheim Oberbürgermeister Hohl, der die Stadt Bayreuth dirigiert, Herr Meisel, der die Firma Meisel dirigiert, und Axel Brüggemann, das Ein-Mann-Orchester des musikjournalistischen Marketings. Herheim beantwortet die vom Vorabend immer noch nachklingende Frage: Der Schluss seiner Inszenierung ist nicht ironisch gemeint. Es sei ihm bewusst, wie heikel die pazifistische Vision am Ende sei.

Das Bühnenweihfestspiel, „dieses vierköpfige Schimärenwesen“, stelle die Aufgabe, eine Sprache für „eine total entideologisierte Ideologie“ zu finden. „Erlösung dem Erlöser“ sei zu verstehen als Erlösung von der Erlösungssehnsucht. Er versuche immer von Figuren auszugehen, die Ansatzpunkte zur Identifikation böten. Der Gral sei nichts anderes als der Mensch, der seine Ganzheit wiedergefunden habe. Wie könne man sich mit ihm noch identifizieren? Er habe keine Scheu vor Pathos, solange es gerahmt sei. Rahmung durch historische Analyse: ein funktionales Äquivalent der Ironie.

Hermeneutische Kreuzfahrer

Die zweite Runde der musikalischen Schmankerln ist Harmoniemusik nach Mozart. Der Aufbruch setzt ein, man muss sich noch umziehen. Als ich vor zwanzig Jahren meinen Smoking kaufte, probierte ich auch einen weißen an. Der erfahrene Verkäufer bei dem Bonner Herrenausstatter, der längst einem Sportartikelkettenladen gewichen ist, riet ab: Außer einer Kreuzfahrt gebe es dafür kaum Gelegenheiten. Heute tragen viele Herren eine weiße Smokingjacke, Klaus von Dohnanyi hat die schwarze gegen die weiße getauscht.

Das passt, denn Christoph Marthaler lässt den ersten Aufzug des „Tristan“ im Salon eines in die Jahre gekommenen Missvergnügungsdampfers spielen. Marthalers Inszenierung aus dem Jahre 2005 stimuliert das hermeneutische Vermögen der Besucher nicht im gleichen Maße wie Herheims Bilder aus der deutschen Vergangenheit. „Was ist denn das, dass die Stühle dauernd umgeworfen werden?“ Das mag man sich mit dem Recht der Verzweiflung fragen, wenn man selbst in der Hitze festsitzt und das hauchdünn cordgepolsterte Gestühl nicht aus der Verankerung reißen kann.

Entdeckung der Langsamkeit

Manchmal bildet man sich ein, mit Gewalt den Nebenmann zur kulturbürgerlichen Raison rufen zu können. Neben mir sitzt eine Opernglaslangsamauspackerin. Sie ist die verschärfte Version der Bonbonlangsamauspackerin, die ihrerseits die verschärfte Version der normalen Bonbonauspackerin ist. Die verschärften Versionen existieren fast nur als weibliche Exemplare. Ein durch keine schriftliche Quelle gestützter, aber offenbar unerschütterlicher Aberglaube behauptet, dass die Langsamkeit des Bonbonpapierentfaltens die Lautstärke des Knisterns minimiert. Die Dame neben mir muss ein Lutschbonbon von nicht markgräflich, sondern kaiserlich wilhelminischen Ausmaßen in der Handtasche haben, denke ich, eine Art Berliner Dom aus Zucker. Dann kommt das Opernglas ans Licht. Auch so eine Süßigkeit, die einen nur unglücklich macht. Denn wenn man es auf die Bühne richtet, sieht man nur entweder Tristan oder Isolde.

Marthalers Konzept, den Liebenden fast jeden gestischen Ausdruck ihrer alle Konventionen transzendierenden Passion zu versagen, spaltet das Stammpublikum. Eltern bereiten ihre Kinder auf die Höhepunkte vor. „Da singt er von Liebe, und dann zieht er ihr nur den Handschuh aus!“ An den reservierten Tischen auf der Terrasse des Festspielrestaurants steht die ganze Idee des diesseitig unmöglichen Gefühlsausdrucks dagegen im Verdacht des Kleinbürgerlichen. „Erotik muss raus, denn die Menschen sind ja so unsozial!“

Alles Licht ist Kunstlicht

Wenn die Stadt ihre Welterbebewerbung doch noch umwirft, muss das Inventar der Restaurationsräume unter Bestandsschutz gestellt werden: die Faltlampions im oberen Selbstbedienungsrestaurant mit Autobahnrasthausaura, die Glühlampengestecke im unteren, vornehmen Lokal, dessen Stühle rot bespannt sind wie in einer Tanzschule für die reifere Jugend. Vielleicht könnte man den englischen Fotografen Marin Parr dafür gewinnen, in der Fortführung seiner Ferienhöllenserien die Broschüren zu gestalten.

Die Überarbeitungen der Marthaler-Inszenierung sind nicht der beste Leistungsnachweis der Werkstatt Bayreuth. Im zweiten Aufzug lässt er jetzt einzelne Neonringe an der Decke flackern, Isolde muss darauf mit dem Finger zeigen, damit man nicht an einen Wackelkontakt glaubt. Dabei offenbart die Inszenierung das Unnatürliche, hoffnungslos Innerliche der Liebe doch dadurch, dass alles Licht Kunstlicht ist, das in Menschenhand liegt: Tag und Nacht können aus- und angeknipst werden. Wenn die Glühbirnen in ganz Europa verboten sind, wird man das Restaurant auf Energiesparlampen umrüsten müssen. Die Leuchtgestecke sollte man ins Festspielhaus retten und in Anna Viebrocks „Tristan“-Bühnenbild statt der Neonstrahler einmontieren. Für die Kunst wird es ja wohl beim Heimleuchten wie beim Rauchen eine Ausnahme geben.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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