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Bayreuth : Schöne Mogelpackung: Der neue „Tannhäuser“

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Bunt, aber einfallslos: Die „Tannhäuser”-Inszenierung in Bayreuth Bild: dpa

Alles so schön bunt hier: Philippe Arlauds „Tannhäuser“ setzt in der Bayreuther Eröffnungspremiere auf Farbenpracht statt auf Interpretation.

          Was die Regie nicht leistet, rettet die Dekoration - das ist eine Rechnung, die selten aufgeht, und schon gar nicht in Bayreuth. Am Donnerstag wurden die 91. Richard-Wagner-Festspiele mit einem neuen „Tannhäuser“ eröffnet. Und außer schönem Schein brachte Philippe Arlauds Inszenierung herzlich wenig auf die Bühne. Schon gar keine neuen Erkenntnisse. Dagegen ging einer als klarer Sieger aus diesem Abend hervor: Dirigent Christian Thielmann, der im Orchestergraben förmlich zu zaubern schien.

          Farbe hatte Arlaud schon im Vorfeld angekündigt. Und so räkelt sich seine Liebesgöttin auf einem leuchtend roten Tableau, das klar und unmissverständlich aufs Wesentliche hindeutet, doch weniger von rauschenden Liebesnächten als von antiseptischer Kühle kündet. Darüber schwebt ein ebenso rotes Rechteck, das - je nach Stimmungslage - auch mal grau werden darf. Nämlich dann, wenn Tannhäuser im Streit aus dem Venusberg scheidet und die Macht seiner Gespielin fürs Erste erlischt. So einfach ist das, und so einfach dürfen sich's auch die Sänger machen, die zwischendurch etwas Operngeste anbringen, aber sonst nicht so recht wissen, was sie - außer singen - eigentlich sollen.

          Mittelalter trifft auf Samurai und Fantasy

          Doch bei diesem Spektakel scheinen die Charaktere und ihre Befindlichkeiten nur Nebensache zu sein. Im zweiten Bild, einer quietschgrünen, zum Tunnel erweiterten Frühlingswiese, stolpert eine ritterliche Jagdgesellschaft durch zahlreiche rote Blumen. Das Licht deutet die entsprechende Stimmung an, doch weiß man kaum, was hier eigentlich gespielt wird. Personenregie ist Arlauds Sache nicht. Denn der regieführende Bühnenbildner zaubert lieber mit Effekten und liefert damit eine selten harmlose Version des „Tannhäuser“. So etwas eckt nicht an, damit liefert man keinen Sprengstoff.

          Kostümbildnerin Carin Bartels sorgte fürs passende Outfit: fernöstlich Angehauchtes mit geometrischen Versatzstücken, Mittelalter trifft auf Samurai und Fantasy. Was Arlaud als „brennendes Tannhäuser-Thema“ angekündigt hatte, wird nicht einmal im Sängerwettstreit wirklich problematisiert: die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, seine Freiheit.

          Die Sänger im Regen stehen gelassen

          Dabei schafft gerade Thielemann die Grundlage, Individuen zu formen und aufs Subtilste zu differenzieren. Sein „Tannhäuser“ bewegt sich in keiner Phase nur an der Oberfläche, sondern taucht in die (Seelen-)Tiefen der Partitur. Dieses Angebot aus dem Orchestergraben weiß Arlaud nicht zu nutzen. Er lässt seine Protagonisten lieber im (Licht-)Regen stehen. So schlagen sich denn auch die Sänger mehr schlecht als recht durch ihre Partien. Besonders evident wird dies gleich zu Beginn: Zwischen Venus und Tannhäuser knistert rein gar nichts. Es hat wohl noch nie zwischen den beiden geprickelt.

          Glen Winslade kämpft sich zwar wacker und mit beträchtlichem Volumen durch die Titelpartie, doch sein Gesang bietet nur wenig Nuancen. Den begehrten Frauenbetörer nimmt man ihm jedenfalls nicht ab. Und obgleich Barbara Schneider-Hofstetter mit einem kräftigen, durchaus wohl timbrierten Mezzo ausgestattet ist, bleibt sie das lockende Vollweib - auch stimmlich - schuldig. Zu den wenigen Lichtblicken zählen - trotz flatternder Höhen - die gefühlvolle Elisabeth von Ricarda Merbeth, der mit satt tiefem Bass ausgestattete Kwangchul Youn als Landgraf Hermann, Roman Trekel als Wolfram und die einfach unschlagbaren Bayreuther Chöre.

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