http://www.faz.net/-gqz-7b7qz

Bayreuth & Salzburg : Die Festspielausfransung

Sie leiten seit 2008 gemeinsam die Bayreuther Festspiele: Eva Wagner-Pasquier (links) und ihre Schwester Katharina Wagner. Bild: Roeder, Jan

Müssen Eva und Katharina Wagner schon bald die Leitung der Bayreuther Festspiele abgeben? Wann gibt es in Salzburg wieder künstlerische Kontinuität? Beide Giganten des musikalischen Kultursommers stehen vor großen Problemen.

          Bayreuth braucht Geld. Die Festspielfassade bröckelt. Wahnfried ist entkernt. Auf dem Hügel bohrt ein Regietheater-Rentner, der offenbar noch nichts von Windrädern und Solarzellen gehört hat, nach Erdöl. Erstmals gehen ernstzunehmende Gerüchte um, dass der Bund aus der Finanzierung der Festspiele aussteigen könnte (wie die Grünen nicht müde wurden, zu fordern). Leere Sitzreihen gähnen bei teuren Sonderveranstaltungen, das dumme Kartenvergabeproblem ist nicht zu beheben. Und jetzt sterben auch noch die freiwilligen Selbstausbeuter aus.

          Es werde, klagte kürzlich Katharina Wagner, eine der beiden Bayreuther Festspielleiterinnen, auf einer Veranstaltung der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin, zunehmend schwieriger, Musiker für das Bayreuther Festspielorchester zu finden. Schuld daran sei, dass die Theater und Opernhäuser quer übers Land ihre Spielzeiten neuerdings bis in den Sommer hinein verlängern.

          Nun ja. So neu ist das nicht. Schon zu Wolfgang Wagners Regierungszeiten lappte die Theatersaison, die früher einmal, als Ahnherr Richard noch lebte, strikt nur von Michaelis bis Ostern reichte, bis tief in den Juli hinein. Und auch umgekehrt sind die Festspielsommer seit Jahren dabei, auszufransen in Richtung Frühling und Herbst - ein Tribut an die kinderarme Freizeitgesellschaft und deren veränderte Feriengebräuche.

          Man hinkt der Zeit hinterher

          Schon vom März an bieten kleine und große Musikfeste tolle Programme an, es sprießt und blüht überall, wo Deutschland schön ist und eine Reise wert, vom stürmischen Rügen über den romantischen Rhein bis ins niedliche Heidelberg. So etwas schafft Konkurrenz. Bayreuth und Salzburg, Luzern und Bregenz mögen die ältesten, größten Festspiele sein, sie sind auch gewiss die teuersten, exklusivsten, aber zugleich sind sie schwer beweglich. Sie hinken der Zeit hinterdrein. Sie erodieren von innen, werden benagt von außen.

          Die Dynamik der Innovation aber kommt eindeutig von unten, von den ärmeren, kleineren, die neue Ideen und Formate aushecken, wie es beispielsweise in Ludwigsburg geschieht oder in Hannover. Und kein Festival ist zu klein, dass es nicht teilhaben könnte an diesem künstlerischen Transfer. Wie sagte es einmal so schön die Salzburger Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, empört, als zwanzig Kilometer weiter, in Bad Reichenhall, so ein winziges neues Musikfest gegründet wurde: „Jede Laus beißt!“

          Helga Rabl-Stadler ist die stabile Präsidentin der Salzburger Festspiele. Ihre künstlerischen Leiter aber wechseln rasch.
          Helga Rabl-Stadler ist die stabile Präsidentin der Salzburger Festspiele. Ihre künstlerischen Leiter aber wechseln rasch. : Bild: dpa

          Aus alledem folgt: Ein Orchestermusiker, der bereit ist, auf Ferien zu verzichten, um für kleines Geld und einen guten Zweck zu musizieren, tut das heute lieber für das spannende eigene Festival oder das seines Kollegen. Im mythischen Abgrund des verdeckten Bayreuther Orchestergrabens sein Herzblut zu verströmen im Dienste des Werks eines genialen, hochverehrten Künstlers und seiner liebenswert durchgeknallten Nachkommenschaft gilt heute nicht mehr selbstverständlich als eine Ehrensache.

          In Salzburg kündigt man rasch

          Was haben die Wagner-Schwestern falsch gemacht, die doch 2008 so schwungvoll und triumphierend antraten? Wer hat ihnen den Schneid abgekauft? Was ist aus der versprochenen Aufarbeitung der tiefbraunen Familiengeschichte geworden? Warum halten sie, nach dem Krach um das tätowierte Hakenkreuz des „Holländers“ im vorigen Jahr, fest an dem Vertrag mit dem mit Hakenkreuzen nur so um sich werfenden Provokationskünstler Jonathan Meese? Gibt das etwa mehr Klicks? Hilft nur noch Quote? Sind deshalb die Gardinen plötzlich wieder so dicht zugezogen worden?

          „Ring“-Regisseur Castorf hat gerade alle Interviews abgesagt, „Ring“-Dirigent Petrenko spricht sowieso niemals mit niemandem, Eva Wagner auch nicht. Nur Medienbeauftragte Katharina geht ab und zu mit zwei Freunden von der Springer-Presse spazieren. Die allerwichtigste Frage aber lautet: Werden die Schwestern 2015 in den Ruhestand geschickt?

          Wir werden es wissen, wenn dieser Sommer vorbei ist. Am künstlerischen Gelingen der Bayreuther Jubiläumsspielzeit, zumal am Wohl oder Wehe von Castorfs Erdöl-“Ring“, hängt auch das Schicksal der derzeitigen Leitung, danach wird ihre Ära beurteilt werden, und das bedeutet: Es hängt an einem seidenen Faden.

          Frau Rabl-Stadler dagegen, in Salzburg, die wollte wirklich sehr gern in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Daraus wird vorerst nichts, das Kuratorium lässt sie nicht ziehen, diese kluge und leicht entflammbare Präsidentin, die keine zugezogene Gardine kennt, wird weiterhin gebraucht. Salzburgs Festspiele wären andernfalls wieder einmal komplett kopflos. An guten Musikern mangelt es zwar nicht, doch es wird hier immer schwieriger, einen guten künstlerischen Leiter zu finden, der nicht gleich wieder kündigt.

          Seit der ruhmreichen Ära Mortier nimmt sich hier jeder Neue gerade mal so viel Zeit, alle Pläne und Verträge des Vorgängers abzuarbeiten, und dann geht er wieder, angeödet von dem provinziellen Gezänk der Lokalpolitik. Intendant Ruzicka gab auf, Intendant Flimm ging ein Jahr vor der Zeit, Intendant Pereira bleibt nur noch bis 2014. Wer hat denn da noch Lust, ihm zu folgen auf diesen Schleudersitz? Für Idee und Seele der Salzburger Festspiele ist diese künstlerische Diskontinuität verheerend. Es wäre an der Zeit, dass die Läuse den Laden übernehmen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Es ist alles zum Verzweifeln

          ARD-Serie „Das Verschwinden“ : Es ist alles zum Verzweifeln

          In der ARD-Miniserie „Das Verschwinden“ zeigt sich das deutsche Fernsehen von seiner schwermütigsten Seite. Es geht um Crystal Meth, kaputte Familien und eine Vermisste. Das ist harte Trauerarbeit.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.