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Bayern Vorschlag für einen Kompromiß zur Rechtschreibreform

01.10.2004 ·  Zusammenschreibung, Satzzeichen, Trennung - der frühere bayerische Kultusminister Zehetmair hat an der neuen Rechtschreibung einiges auszusetzen. Nun hat er Stoiber einen Kompromiß zur Reform vorgeschlagen.

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Vorschläge für eine Korrektur der Rechtschreibreform hat der frühere bayerische Kultusminister Zehetmair erarbeitet. In einem Memorandum für Ministerpräsident Stoiber zieht der CSU-Politiker, der in seiner Amtszeit einigen Einfluß auf die Reform genommen hatte, eine skeptische Bilanz.

Die Mehrheit der Bevölkerung lehne die neue Rechtschreibung ab, schreibt Zehetmair. Die Schulen liefen Gefahr, Kenntnisse zu vermitteln, die außerhalb des Unterrichts nicht akzeptiert würden. Das Wissen, das die Schülern erlernten, dürfe nicht nur an den Schulen Bestand haben, sonst werde die Glaubwürdigkeit der staatlichen Bildungseinrichtungen in Frage gestellt. Es gelte nach wie vor der Grundsatz: „Non scholae, sed vitae discimus“ - nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

Weiter gehende Änderungen

Eine völlige Rückkehr zur alten Rechtschreibung lehnt Zehetmair zwar nach wie vor ab; dies sei unrealistisch, zumal die Reform auch sinnvolle Änderungen enthalte. Anders als noch vor einem Jahr in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in dem er nur zurückhaltend die Korrektur einzelner Neuerungen befürwortete, etwa bei Wörten wie „Gämsen“ und „Quäntchen“, hält er nun aber weiter gehende Änderungen für notwendig.

Dazu gehören die Regeln für das Auseinander- und Zusammenschreiben von Wörtern, für die Schreibung von Fremdwörtern, für das Setzen von Satzzeichen und für die Trennung von Wörtern. Zehetmair rät Stoiber, hier auf eine unverzügliche Korrektur durch die Ministerpräsidentenkonferenz hinzuwirken, die in der nächsten Woche in Berlin zusammentritt.

Eingeschränkte Ausdrucksvielfalt

Die Politik sei in der Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Sie müsse deshalb auch die Umsetzung der Korrektur kontrollieren; die fachlichen Instanzen führten „manches sehr eigendynamisch, um nicht zu sagen selbstherrlich“ aus. Die Schriftsprache sei Ausdruck kultureller Identität und wichtigstes Mittel der menschlichen Gemeinschaft, Kultur zu schaffen.

Die Ausdrucksvielfalt der Sprache und semantische Differenzierungsmöglichkeiten würden durch eine Reihe von Regeln der neuen Rechtschreibung eingeschränkt, beanstandet Zehetmair. So könnten in der Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern bedeutende Sinnunterschiede liegen, die gewahrt werden müßten.

Verlust an sprachlicher Genauigkeit

Als Beispiel nennt Zehetmair „sitzen bleiben“ und „sitzenbleiben“, „wohl bekannt“ und „wohlbekannt“, „schwer fallen“ und „schwerfallen“, „schlecht machen“ und „schlechtmachen“, „auseinander setzen“ und „auseinandersetzen“. Die Folge könne nicht sein, daß „beide Schreibweisen - unabhängig vom Sinnzusammenhang - gleich wertig (gleichwertig) und damit gleich gültig (gleichgültig) sind“, schreibt Zehetmair.

Entsprechend müsse auch der eindeutige Sinnfehler der Reform bei „es tut mir Leid“ korrigiert werden, weil der Sprachsinn nur die alte Schreibung rechtfertige: „es tut mir leid“. Der mit Beliebigkeit einhergehende Verlust an sprachlicher Genauigkeit wirke sich auf das Denken und Verstehen aus, beklagt Zehetmair.

Kritik an Verdeutschung von Fremdwörtern

Als weiteren Punkt der Reform, der geändert werden müsse, nennt der CSU-Politiker die Verdeutschung von Fremdwörtern. In einer Zeit, in der die Beherrschung der englischen Sprache als Lingua franca erwartet werde, könne nicht ein Wort wie „Ketchup“ in „Ketschup“ eingedeutscht werden.

Gleiches gelte für den Verzicht auf das „h“ bei „Spaghetti“. Gerade in kulturellen und kulinarischen Zusammenhängen hätten sich die Schreibweisen des Herkunftslandes eines Wortes längst in Deutschland eingebürgert, stellt der frühere Kultusminister fest.

Zu wenig ist in der Reform nach seiner Ansicht auch berücksichtigt worden, daß es bei der Sprache weit mehr um die Lesefähigkeit als um die Schreibhäufigkeit gehe. Nicht nur die Wahlmöglichkeit bei der Auseinander- und Zusammenschreibungen ohne präzise Sinnzuordnung, sondern auch das Weglassen vieler Satzzeichen in der neuen Schreibung trügen zu Unklarheiten bei.

Geringere Genauigkeit im Schreiben, Lesen, Denken

Es stimme nachdenklich, daß die Pisa-Studie deutschen Schülern Schwierigkeiten mit dem Erfassen und Verstehen von Texten bescheinigt habe. Die Zeichensetzung, die zur Zeit unterrichtet werde, werde diese Schwierigkeiten noch steigern, befürchtet Zehetmair. Sinnentsprechende Rechtschreibung und Aufgliederung der Satzteile seien ein wesentliches Element für die Klarheit der Verständigung.

Nach Zehetmairs Beobachtungen führt auch die weitgehend beliebige Trennung von Wörtern, wie sie in der neuen Schreibung zugelassen wird, zu einer geringeren Genauigkeit im Schreiben, Lesen und Denken. Eine Trennung „A-bend“, „E-sel“ und „durcha-ckern“ beim Zeilenumbruch unterjoche den Sprachsinn, bedauert Zehetmair, der nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett Stoibers den Vorsitz der Hanns-Seidel-Stiftung übernommen hat.

Quelle: ff., Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 2. Oktober 2004
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