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Barbra Streisand zum Siebzigsten Die glücklichen Tage bleiben

 ·  Barbra Streisand oder Wie aus einem Orkan die Herrin aller Gezeiten werden kann: Fünfzig Jahre Karriere, Filmtriumphe und jede Menge Wahnsinn. Nun ist sie siebzig.

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© ullstein bild Eleganz im Blick, Eleganz im Stil: Barbra Streisand

Blicke, die sich kreuzen wie linke und rechte Haken. Gefletschte Zähne, die Lächeln imitieren, aber Raubtierbisse meinen, federleichte Pointen, die zuschlagen gleich geballten Fäusten. Was sich liest wie das Treffen zweier Boxchampions vor dem entscheidenden Kampf, war realiter der Zusammenprall zweier Diven: Barbra Streisand, 21 Jahre, steigender Stern, war Gast bei Judy Garland, 41 Jahre, sinkender Stern, der mit einer „from coast to coast“ gesendeten Show das zehnte Comeback zelebrierte. „Happy days are here again“, den uralten Wahlkampfknüller aus Amerikas Frühzeit, sangen die beiden und das nicht weniger altgediente „Get Happy“. Als Ethel Merman, die betagte Walküre des Showbiz, hinzukam, bebten die Kulissen - vom Beifall, aber auch dem Versuch der drei Heroinen, einander zu übertönen.

Es dauerte noch sechs Jahre, bis Barbra Streisand mit dem Oscar für die Musicalverfilmung „Funny Girl“ den totalen Sieg feierte. Aber der Garland-Streisand-Clinch von 1963 katapultierte sie vom Geheimtipp John F. Kennedys, Liebling der New Yorker Clubs und des Broadway zur amerikanischen Showqueen. Brennender Ehrgeiz, Ellenbogen und Siegerinstinkt - was die Streisand bei diesem Auftritt gekonnt hatte durchschimmern lassen und was Dutzende Regisseure und Arrangeure im Lauf ihrer fünfzigjährigen Karriere in den Wahnsinn treiben sollte, waren und sind bis heute ihre Begleiter: In Brooklyn geboren als Tochter einer kleinbürgerlichen, aus Österreich emigrierten jüdischen Familie, herausragende Schülerin, aber nach den gängigen Pin-up-Maßstäben hässlich, musste sie sich jeden Schritt ihrer Karriere erkämpfen. Das tat sie: Nachdem sie sich ihre erste Nebenrolle als linkische Sekretärin „Miss Marmelstein“ im Broadwaymusical „I can get it for You Wholesale“ ertrotzt hatte, sang sie bei der Premiere gegen die Regieanweisung ihr Lied stur auf einem Bürostuhl sitzend. Frenetischer Applaus, die nächste Rolle war umfangreicher, die dritte war „Funny Girl“, garniert mit zwei Alben und dem ersten Grammy.

Wild, impulsiv, aber auch kollegial

“Ihre Ausstrahlung ist so phänomenal, dass sie sogar Schönheit suggerieren kann“: Was man in den dreißiger Jahren Bette Davis zugeschrieben hatte, lebte in Barbra Streisand fort. Jede Gazette mokierte sich über ihre Adlernase und den Silberblick, kaum eine Filmkritik versäumte, darauf hinzuweisen, dass sie es dennoch zustande bringe - in „A star is born“, „The way we were“, „Funny Lady“ - bei Bedarf schön auszusehen. Doch nicht umsonst klingen diese Filmtitel, ebenso wie „Evergreen“, der von ihr selbst komponierte und mit einem weiteren Grammy ausgezeichnete Song, nach Hollywoods „Golden Thirties“: Barbra Streisand verkörperte lange Zeit die Auferstehung der „Good old days“, sang so bohrend intensiv und laut, als gebe es weder Mikrofone noch Verstärker, gipfelnd in ihrem Filmwelterfolg „Hello Dolly“, in dem sie mit 27 Jahren als alternde Südstaatenschönheit brillierte, die sich in letzter Sekunde einen Mann ergattert.

Wie in allem, so auch hierin ihre beste Kritikerin, riss sie 1971 das Steuer herum: Mit „Stoney End“, dem Song über das Leben in der Bronx, zerriss sie die Glimmervorhänge und wechselte zum Soul. Dass sie sofort das Niveau einer Aretha Franklin erreichte, versteht sich bei ihrem Genie von selbst. Wen ihre unendlich langen Broadwaytöne, ihre exaltierte Verzweiflung und frenetischen Kunstschreie bei „People“, „Don’t rain on my parade“, „On a clear day“ oder „My Man“ zu sehr musikalisches Sado-Maso sind, den belehrt ihr Soul-Medley „Sweet Inspiration“ eines Besseren: so wild, impulsiv, aber auch kollegial mit den Background-Sängerinnen arbeitend, hat die Streisand nie wieder gesungen. Immerhin folgten in den Achtzigern beachtliche Softrock-Balladen.

Nie klangen ihre Lieder wahrhaftiger als nun

Auch ihre Filme gingen neue Wege: In „Is’ was, Doc?“ zeigte sie sich als virtuose Komödiantin im Greenwich-Milieu; „Nuts“bot sie als disziplinierte Charakterdarstellerin. Was sie als ihren größten Triumph plante, wurde zur größten Enttäuschung: „Yentl“, die Geschichte vom jüdischen Mädchen, das es, als Mann verkleidet, vom Nichts zum Gelehrten bringt, sah Barbra Streisand als Produzentin, Regisseurin und Hauptdarstellerin, wurde ein Publikumserfolg, trug ihr Oscarnominierungen ein - und ging leer aus, als es ernst wurde.

Die Künstlerin fuhr daraufhin das Tempo ihrer Karriere zurück, verzeichnete aber 1991 mit „Herr der Gezeiten“ einen neuen Triumph. Als ihr für „Liebe hat zwei Gesichter“ 1996 Kritiker „mädchenhafte Allüren“ vorwarfen, die einer Frau von 54 Jahren unwürdig seien, zog sie sich acht Jahre zurück, absolvierte aber einige, jedes Mal als letzte erklärte Abschiedstourneen. Glücklicherweise hielt sie sich nicht an die Drohungen, sondern bewies 2007 auf einer Europa-Tournee, dass sie einen neuen würdigen Status gefunden hat: Nie klangen ihre Lieder wahrhaftiger als nun, da die Stimme etwas brüchig, etwas tiefer und enorm lebenserfahren klingt. Im Jahr 2005 sprach Barbra Streisand von ihrem Auftritt mit Judy Garland. Damals, sagte sie, habe sie sich gefragt „As one grows older, what is this fear? I understand it now.“ Mit diesem Verstehen ist sie heute besser denn je.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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