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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bankenzusammenbuch Titanensturz

 ·  Es ist nicht die erste Finanzkrise. Doch es ist das erste Mal, dass sich keine Schuldigen finden lassen wollen, denn die Marktleiter zeigen sich ratlos. Der globale Bankenzusammenbruch scheint dem Einsturz unserer Welt gleichzukommen.

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Jetzt haben wir die Schwarzen Löcher. Nicht die der Teilchenforscher bei Genf, sondern die, die seit Montag als globale „Finanzkrise“ unsere vertraute Welt verschlingen. Das größte Schwarze Loch Deutschlands bildet naturgemäß die Banken- und Börsenstadt Frankfurt. Wie vor 130 Jahren verkünden hier die mächtigen Säulen und palladianischen Bögen der gründerzeitlichen Börse, dass sie ein Abkömmling Venedigs ist, der ersten und mächtigsten nachantiken Bürger- und Handelsrepublik, der Mutter aller Börsen.

Fest wie der Bau, so versinnbildlichen allgemeinverständlich ihre steinernen Götter des Handels und der Industrie, stehen unser Geld und damit unser Dasein. Auch wenn wir die Bilder jener Selbstmörder kannten, die am Schwarzen Donnerstag 1929 aus den Fenstern der New Yorker Börse sprangen, und die leichenfahlen Gesichter der jungen Börsianer vom Schwarzen Montag 1987 und dem des Jahres 2001 – bis gestern haben wir der Beredsamkeit der Gründerzeit geglaubt.

Keine zuckenden statt zockenden Börsianer

Jetzt können wir ihre Götter anklagen. Aber nur sie. Denn die gegenwärtigen Götter – verantwortlich für das, was Bankenzusammenbruch heißt, aber der Einsturz unserer Welt ist – sind so entrückt wie der neue, gespenstisch stille Börsensaal, dessen computergenerierte Gestalt nichts über seine Bestimmung sagt. Sprachlos und undurchschaubar wie er starren uns zwanzig Schritt weiter die Bankentürme an. Deutsche Bank – eine zu himmelhohen Gletschernadeln gefrorene Sphinx; Commerzbank – ein verstümmelter Titan, den die Wolkennähe Kopf und Schultern gekostet hat; Dresdner Bank – ein jadegrüner Paravent vorm Horizont.

Jetzt sehen wir: Die skyline nahm in ihrer Stummheit vorweg, was wir derzeit erleben, den Autismus dessen, was unter dem Namen Finanzmärkte den Globus regiert und nun ruiniert. Unverfroren behaupten inzwischen die Marktleiter, auch sie hätten weder verstanden, was geschah, noch, was momentan vor sich geht. Keine Tumulte, keine zuckenden statt zockenden Börsianer und Banker am Börsenplatz. Das scheinbar ungetrübte Bild der strömenden Passanten und menschenwimmelnden Cafés bezeugt die totale Segregation unserer Gesellschaft. Aber unter den gegebenen Umständen wirkt es wie eine Computersimulation, die ein Schwarzes Loch tarnt.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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