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Bachmann-Wettbewerb Jugend ohne Zorn

27.06.2005 ·  Zum Gähnen solide: Den Beiträgen des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs fehlte es an Unbedingtheit und Radikalität. Keiner brachte den Mut auf, zu weit zu gehen. Leider.

Von Felicitas von Lovenberg, Klagenfurt
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Die Frage, was Literatur soll und kann, beschäftigt jene, die sie lesen, offenbar weitaus mehr als die, die sie herstellen: Dies ist der Eindruck, den man, jenseits aller wenig ergiebigen Kaffeesatzlektüre, vom Gesamtzustand der deutschen Gegenwartsliteratur vom diesjährigen 29. Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb mitnimmt. Selten war das Niveau so hoch, selten war die Ödnis ansteckender.

Daß das diesjährige Wettlesen eines der erfreulichsten der letzten Jahre und zugleich eines der mattesten war, lag nicht an der Hitze, nicht am doppelt verlorenen Fußballspiel (das Resultat beim traditionellen Match zwischen Autoren und ORF lautete ebenfalls 2:3), nicht an der Jury, und eigentlich lag es auch nicht an den Schriftstellern. Es lag an den eingereichten Texten. Gegönnt hätte man den Hauptpreis gleich mehreren Autoren; von den Beiträgen her hat ihn keiner uneingeschränkt verdient.

Kein Mut zum Risiko

„Und dann ging ich zu weit. Denn wo hätte ich sonst hingehen sollen?“ An diese Sätze aus einem Roman der schottischen Autorin A.L. Kennedy konnte man beim diesjährigen Klagenfurter Wettlesen mehr als einmal denken. Aus ihnen spricht alles, was den Literaturtagen fehlte: Unbedingtheit, Radikalität, Mut zum Risiko. Man blieb stets auf der sicheren Seite, trat dort mehr oder weniger graziös auf der Stelle, drehte sich immerfort um die eigene Achse, umrundete sich, ohne sich näherzukommen.

Trotz weit aufgesperrter Augen und Ohren schienen die meisten Autoren beim Schreiben ihrer Texte vor allem das Rattern ihrer eigenen Gedankengänge vernommen und fasziniert protokolliert zu haben. So ähnelte der diesjährige Wettbewerb keinem „Mensch ärgere dich nicht“, wie es die Studiokulisse suggerieren wollte, sondern einem anderen beliebten Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst. Was jedoch dabei herauskam, war etwas anderes: Jeder sieht, was andere nicht sehen, aber keiner fühlt, was alle fühlen.

Meditative Stimmungsbilder und Alltagsbeobachtungen

Fast ausnahmslos handelte es sich bei den eingereichten Texten um meditative Stimmungsbilder, Beobachtungen des mehr oder minder befremdlichen Alltags und seiner Akteure. Das Bestürzende jedoch war nicht der Mangel an handwerklicher Qualität - bis auf zwei allerdings haarsträubende Ausreißer -, sondern die Blutarmut der Texte. Die Motive und Themen wirkten überwiegend beliebig, weil ihre Verfasser sorgfältig vermieden, sich an die großen Themen zu wagen: Liebe, Wahnsinn, Tod.

Und selbst, wo es geschah, wie in den Texten von Martina Hefter oder Gerhild Steinbuch, blieb es beim teilnahmslosen Beobachten aus sicherer Distanz. Was fehlte, war Dringlichkeit, das Gefühl, daß die Autoren selbst existentielle Gefühle mit ihren Texten verbanden. Statt dessen lasen die meisten mit überzeugendem Gleichmut überzeugend gleichmütige Texte.

Thomas Lang gewann fast zwangsläufig

Bei einem Wettlesen spielt aber nun einmal auch die Vortragskunst eine Rolle. So mancher Text, etwa die Überflutungsphantasie Nikolai Vogels, hätte mit einer dynamischeren Lesung an absurdem Witz und Dramatik gewonnen. Andere taten des Guten zuviel, wie Barbara Bongartz, die mit ihrem fast aufreizend langsamen Vortrag jedem Satz ihres familiären Karpfenessens eine unheilvolle Bedeutung verlieh, die der Text nicht einzulösen vermochte.

Thomas Lang war der einzige, der mit seiner geschickt konstruierten Geschichte „Am Seil“ von der üblichen kreisenden, suchenden Schreibbewegung abwich. So wohltuend hob sich seine spannende Darstellung einer rätselhaften Vater-Sohn-Verschlingung auf Leben und Tod von den übrigen Texten ab, daß er dafür fast zwangsläufig mit dem mit 22500 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis belohnt wurde.

Zwischen moderner Elegie und preußischer Vergangenheit

Da entsprach „Der Ritt durch den Feind“ von Julia Schoch, die mit dem Preis der Jury in Höhe von 10000 Euro ausgezeichnet wurde, dem diesjährigen Klagenfurter Text-Typus viel eher: Ihre Erzählung über eine Biographin, die in Südamerika ihr neues Buch vorstellt, und sich dabei scheinbar willenlos nicht nur den Männern, sondern auch ihren märkisch grundierten Erinnerungen an den fernen Geliebten überläßt, beeindruckte zwar mit Passagen von sprachlicher Schönheit, wirkte jedoch auch angestrengt, ein Spagat zwischen moderner Buckower Elegie und preußischer Vergangenheit, einem exemplarischen Ausflug mit dem globalisierten Kulturverschickungszirkus und einem einzigartigen Liebesverlust.

Anne Weber, die den 3sat-Preis erhielt, verschränkte zwar überzeugend unterkühlt ein Großraumbüro mit einer Bestandsaufnahme der Arbeitswelt und einen Schokoladenhasen mit Platons Gleichnis vom Kugelmenschen, doch fehlte dem Ausflug in die dentale Technik-Welt der Biß. „Oben, wo nichts mehr ist“ hieß die Erzählung von Natalie Balkow, die für ihre allegorisch aufgeladene Darstellung einer Nachbarschaft zwischen Mann und Frau, Mensch und Insekt den Ernst-Willner-Preis der deutschen Verlage gewann. Da Sasa Stanisic am Schluß den Kelag-Publikumspreis für seine Darstellung des Krieges im ehemaligen Jugoslawien aus Kinderperspektive erhielt, wurden am Ende tatsächlich die fünf besten Texte ausgezeichnet.

Jury in guter Verfassung

Die neunköpfige Jury, nach Jahren ständigen Wechsels diesmal in der gleichen Besetzung wie im Vorjahr angetreten, ist in guter Verfassung. Rhetorisch und interpretatorisch angeführt von Ursula März, Heinrich Detering und Burkhard Spinnen, kenntnisreich unterfüttert von Ilma Rakusa, Norbert Miller und Martin Ebel, von Daniela Strigl und Klaus Nüchtern querdenkerisch begleitet und immer wieder polemisch aufgemischt von der Jurysprecherin Iris Radisch, waren die Diskussionen meistens so ergiebig, wie es die Texte nur zuließen.

Die unterschiedlichen Temperamente, Deutungen, Lesarten und subjektiven Vorlieben ergänzten sich, nur gelegentlich steuerte eine Debatte in Richtung Oberseminar, außer in Einzelfällen blieben die Bemerkungen oberhalb der Gürtellinie, und die eitle Freude an der geschliffenen, pointierten Formulierung stand dem Inhalt des Gesagten nur selten im Weg.

Pure Langeweile, getrübt von keiner Emotion

Anders als in früheren Jahren ließen die Juroren ihre Autoren diesmal auch dann nicht im Stich, wenn Widerstand aussichtslos schien. So gelang es Heinrich Detering, seine Mitstreiter die Passau-Betrachtung Klaus Böldls in milderem Licht sehen zu lassen. Ähnlich energisch, doch angesichts des verheerenden Textes ohne jede Chance, kämpfte Iris Radisch für ihre Kandidatin Eva von Schirach. Heikel bleibt aber die Einladungspolitik der Juroren, die offenbar ihren Favoriten auch dann einladen, wenn dieser gerade keinen wettbewerbstauglichen Text in petto hat.

Die Folgen waren ausgiebig zu besichtigen: pure Langeweile, getrübt von keiner Emotion, keiner Erkenntnis, keinem Zorn und erst recht keiner Anarchie. Zu viele Texte verströmten Resignation darüber, „unentschieden in der Eintönigkeit der gewohnten Welt“ verharren zu müssen. Was von einigen Juroren als Trend zur „neuen Sachlichkeit“ gewürdigt wurde, bezeichnete Heinrich Detering als „meditativen Realismus“. Es scheint, als hätten sich die diesmal in Klagenfurt versammelten Schriftsteller tatsächlich bereits in jungen Jahren mit der Gesamtmerkwürdigkeit Leben abgefunden. „Zwei Zigaretten später liege ich auf ihm und weiß nicht, wie ich dahin gekommen bin“: So wie Susanne Heinrich schien es vielen zu gehen, wobei die wenigsten es an Erzähltempo mit der neunzehnjährigen Leipzigerin aufnehmen konnten.

Der fehlende Mut zu weit zu gehen

Die Ratlosigkeit jedoch ist allgegenwärtig. Die isländische Jugend verzweifelt an der Wohlstandsgesellschaft, den Nöten der Balz und der Popmusik; ein Schweizer Schelm nimmt seinen Dachs an die Leine und macht sich auf den Weg in die Mongolei. An Christoph Simons Tier schieden sich die Geister. Während sich die meisten ihrer Kollegen vom „leichten, dandyhaften Wiegen der Hüften“ des Dachses zunächst beschwingt zeigten, verkündete Iris Radisch, Tiere hätten außer in Gestalt des Raben Abraxas bei der „Kleinen Hexe“ in der Literatur nichts zu suchen. Schon mal von Moby Dick gehört?

Es muß nicht immer gleich das große Epos sein, aber Literatur, die relevant und nicht nur schön sein will, muß weiter gehen als bis ins Großraumbüro, zum nächsten Nachbarn oder in die Eckkneipe. Vor allem muß sie ab und zu den Mut haben, zu weit zu gehen. Denn wohin sollte sie sonst gehen?

Quelle: F.A.Z., 27.06.2005, Nr. 146 / Seite 33
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