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Bach-Messe ist Welterbe : Dies ist mein Leib

Das letzte, was Bach eigenhändig schrieb und sonst bei achtzehn Grad im Tresor lagert, darf ausnahmsweise unters Volk: Das Credo aus der h-Moll-Messe. Bild: Reproduktion Staatsbibliothek zu Berlin

Ein Notenblatt, eine Originalhandschrift von Johann Sebastian Bach, darf sich nun zum Weltdokumentenerbe zählen. Und ausnahmsweise einen Tag lang aus dem Tresor hinaus unter die Feiernden.

          Als der Inspektor Wolfgang Musculus anno 1536 nach Wittenberg kam, musste er feststellen, dass die Reformatoren rund um Martin Luther den Gottesdienst immer noch „nach päpstlichem Ritus“ feierten: die heilige Messe auf Latein. Die Liturgie hatte sich nicht geändert, allenfalls die Gewichtung der einzelnen Teile: Die Wortverkündigung gewann an Bedeutung gegenüber der Mahlgemeinschaft. Doch auch im Verständnis des Abendmahls blieben die Lutheraner nahe bei den Katholiken: Jesus Christus ist in Leib und Blut gegenwärtig, anders als bei den Calvinisten, die nur ein „Gedächtnismahl“ halten.

          Johann Sebastian Bach hatte deshalb keine Schwierigkeiten, als lutherischer Kantor der Stadt Leipzig im Jahr 1733 eine Messe für den katholischen Kurfürsten von Sachsen und König von Polen zu schreiben, zumindest die ersten beiden Teile, ein Kyrie und ein Gloria. Seit gut dreißig Jahren wissen wir, dass Bach diesen Torso erst kurz vor seinem Tod vollendet hat – zu dem, was wir heute seine h-Moll-Messe nennen. Das Credo – und nicht, wie eine hartnäckige Legende behauptet, die „Kunst der Fuge“ – war die letzte Partitur, an der er eigenhändig schrieb.

          Die leibliche Realpräsenz des Werkes

          Dieses Credo beginnt in A-Dur mit der einzigen siebenstimmigen Fuge, die von Bach erhalten ist. Das gesamte Glaubensbekenntnis folgt einem Plan, in dessen Mitte – zugleich an tonartlich „niedrigster“ Stelle – das Crucifixus in e-Moll steht, der gekreuzigte Christus, ganz in Luthers Sinn. Der künstlerisch höchste Ehrgeiz und das Glaubensbekenntnis rücken zusammen ans Lebensende. Wir können das nur wissen, weil die Handschrift erhalten blieb und damit für Wasserzeichendatierungen und eine Röntgenfluoreszenzanalyse zur Verfügung stand. Es bedurfte der leiblichen Realpräsenz des Werkes, um seine Eminenz überhaupt zu begreifen. Digital ist die Handschrift im Internet für jedermann längst frei abrufbar auf der Seite www.bach-digital.de unter der Signatur Mus. ms. Bach P 180.

          Doch die Originalhandschrift, die sonst bei achtzehn Grad Celsius und fünfzig Prozent Luftfeuchte in einem Tresor der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, lagert, wird am Freitag in Berlin ausgestellt werden. Sie ist nämlich von der Unesco als „Memory of the World“ ausgezeichnet worden. Zum Gedächtnismahl mit Wortverkündigung, also dem Empfang anlässlich der Überreichung der Urkunde an die Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf im Haus Unter den Linden, ist das Werk als Mitte des Ganzen leibhaftig anwesend. Diesmal gilt wirklich: Musik verbindet.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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