Mitten auf dem Forum Romanum, links vom Severusbogen, liegt der Tempel des Divus Iulius, das Heiligtum des vergöttlichten Cäsar. Sein Kultus dauerte bis in die späteste römische Kaiserzeit. Wer nun erwartet hatte, das Springer-Haus in Berlin würde am Mittwochabend zum Zentrum eines wiedererweckten Cäsarenkults, diesmal für den vergöttlichten Verleger Axel Cäsar Springer, wurde angenehm enttäuscht.
Dabei hatte am Morgen noch alles so feierlich, so eisern offiziell angefangen. Die Blätter des Springer-Konzerns, die „Bild“-Zeitung ebenso wie die „Welt“ und die Berliner „B.Z.“, hatten zum hundertsten Geburtstag ihres Gründers Sonderbeflaggung gesetzt - in Gestalt einer achtundvierzigseitigen Beilage, die Axel Cäsar von allen Seiten beleuchtete, würdigte und lobte. „Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“ stand unter dem Titelbild, das den 1985 gestorbenen Verleger in jungen Jahren und sportiver Siegerpose am Nordseestrand zeigte; und so ordentlich und sauber gezogen wie die Bügelfalten seiner Hose waren auch die Beiträge im Inneren des Druckwerks, die Grußworte von Angela Merkel, Henry Kissinger und Schimon Peres, die Rückblicke aus der Feder verdienter Springer-Mitarbeiter und das Vorwort des Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Matthias Döpfner.
Eine Nummernrevue statt vieler Festreden
So gebügelt, dachte man, würde es am Abend weitergehen, beim Festakt in der Konzernzentrale an der Kreuzung der Axel-Springer- mit der Rudi-Dutschke-Straße im Stadtteil Kreuzberg. Draußen vor der Ullstein-Halle, in der die Veranstaltung stattfand, sah auch vieles danach aus: weiträumige Absperrungen, Sicherheitsschleusen, servile Hostessen, getrennte Foyers für prominente und plebeijische Gäste ... Als schließlich Friede Springer am Arm von Bundespräsident Gauck den Saal betrat, in dem schon Richard von Weizsäcker, Kurt Biedenkopf, Hans-Dietrich Genscher, Ursula von der Leyen und Hans-Olaf Henkel saßen, stand dem staatstragenden Großereignis nichts mehr im Weg.
Es kam aber dann doch anders. Es folgten zwei Stunden, in denen sich Pathos, Flapsigkeit, Understatement und Übertreibung, Selbstgerechtigkeit und Selbstironie auf wunderliche, manchmal beglückende Weise mischten, eine Wegmarke in der Geschichte des Springer-Konzerns. Denn Döpfner hatte für den Anlass keine Festreden, sondern eine Nummernrevue bestellt, und er selbst war es, der das Programm auf der Bühne ankündigte. In Jeans, T-Shirt und Kapuzenpulli saß er am Laptop und entwarf einen Brief an den „lieben Axel“, den „verehrten Gründer unseres Verlags“, in dem er die veränderte Tonart des Abends vorgab: „Ihr Leben war doch kein Festakt. Eher dreißig Hollywoodfilme.“
Ein Szenenreigen frei von Selbstzensur
Was dann kam, wäre vor dreißig Jahren nicht lustig und vor zwanzig bestenfalls bizarr gewesen. Springer selbst hätte darüber wohl auch heute nicht lachen können. Aber gut zwanzig Jahre nach dem Fall jener Mauer, gegen die er sein Presse-Imperium in Stellung brachte, ist der Szenenreigen, den Ulrich Waller, Benjamin von Stuckrad-Barre und der „B.Z.“-Chefredakteur Peter Huth zusammengestellt haben, wohl tatsächlich die zeitgemäße Form, von diesem Verleger zu reden. Die drei haben nichts ausgelassen, alles kommt vor: Springers Großmannssucht; seine Frauengeschichten; seine wahnhafte Angst vor der roten Gefahr. Sein Besuch bei Chruschtschow in Moskau. Seine Freundfeindschaft mit Augstein. Der Mauerbau (Udo Lindenberg singt dazu sein „Mädchen aus OstBerlin“); die Machenschaften der Stasi; der Selbstmord des Sohnes Sven Simon; das späte Glück von Axel, gemimt von Herbert Knaup, und Friede, verkörpert von Leslie Malton.
Es ist, wie Döpfners launiges Präludium, eine Geste der Umarmung und der Distanzierung zugleich. Man spürt, wie lange das alles her ist, Stoff für Mythen und Dissertationen, Blaupause für einen Kostümfilm, der nie gedreht wurde. Nur die DDR hat Springer ein echtes Epos gewidmet, den Fernsehfilm „Ich - Axel Cäsar Springer“: zehn Stunden Agitation gegen den Kapitalismus. Ein Denkmal, wie nur er es sich verdienen konnte.
In dieser Revue der fürsorglichen Belustigungen gibt es einen einzigen Moment, in dem die Freundlichkeit gefriert. Das ist der Augenblick von 1968. Während als Studenten verkleidete Darsteller auf die Bühne stürmen und Transparente schwingen (“Springerpresse, halt die Fresse“), sieht man auf den Monitoren an den Seiten den sterbenden Benno Ohnesorg. Das ist, zumal in diesem Rahmen, ein Fauxpas. Ohnesorgs Tod ist keine Pointe, er verdirbt die Stimmung. Es gibt Geschichten, die nie zum Lachen sein werden. Aber das ist, wie gesagt, lange her. Zu den gefragtesten Gästen am Buffet nach der Vorstellung gehört der Karikaturist und heutige Akademiepräsident Klaus Staeck. Springer und er haben einander bekämpft. Döpfner und er haben neulich miteinander gegessen. In Cäsars Reich gibt es keine Feindschaften mehr, auf die man sich verlassen kann.
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