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Autor und Objekt : Doppelrücktritt

„Schreiben macht aus Dir einen Menschen, der immer falsch liegt.“ Philip Roth hat das gewusst, die Biographin von General David Petraeus musste es jetzt erfahren.

          Die Inspiration, ein ganzes Buch über das Leben eines Menschen zu schreiben, setze ein gehöriges Interesse am Leben dieses Menschen voraus, schrieb Philip Roth vor wenigen Wochen. In einem Offenen Brief an Wikipedia legte er dar, dass nicht der Schriftsteller Anatole Broyard, sondern der Soziologe Melvin Tumin den Roman „Der menschliche Makel“ inspiriert habe. Als Paula Broadwell beschloss, die Fallstudie über den Führungsstil von David Petraeus, die ihre Doktorarbeit hatte werden sollen, zu einer Biographie des Generals auszubauen, lieferte sie sich einem Interesse aus, über dessen Natur sie sich keine Rechenschaft gab. Den amerikanischen Presseberichten über den Sturz des CIA-Direktors ist das Faktum der erotischen Attraktion als Erklärung für die fatale Affäre nicht genug.

          Der heilige Petraeus fehlt

          Die Presse hatte Petraeus groß gemacht und zu einem Helden neuer Art stilisiert, dem intellektuellen Strategen für unsere postkriegerische Zeit. Im Geistigen wird der Grund dafür gesucht, dass der mit einem Karriereabschluss nach dem Vorbild Eisenhowers liebäugelnde Vier-Sterne-General seine Ehre aufs Spiel setzte und die Wissenschaftlerin den für den professionellen Habitus konstitutiven Sicherheitsabstand zum Gegenstand ihrer Schlachtfeldforschung vergaß. Petraeus habe in der West-Point-Absolventin mit Bestnoten und verheirateten Fitnessfanatikerin eine jüngere Ausgabe seiner selbst erkannt. Die von Paula Broadwell unter dem Titel „All In: The Education of Gen. David Petraeus“ veröffentlichte Biographie wäre dann umgekehrt als verdeckte Autobiographie zu klassifizieren.

          In Roths Kanon fehlt nichts mehr

          Philip Roth, dessen Romane auch dann autobiographisch sind, wenn sie ihren Stoff dem Leben eines anderen entnehmen, wird über die Erfahrung des Schriftstellers, dem der Schreibtrieb abhandenkommt, keinen Roman mehr schreiben. Einer französischen Zeitschrift offenbarte er jetzt, dass „Nemesis“, veröffentlicht 2010, sein letztes Buch bleiben werde. Es fehlt nichts in Roths Kanon, da er am Leibe seines Alter Ego Nathan Zuckerman schon 1983 in der „Anatomiestunde“ den Zustand des Schriftstellers beschrieb, der nicht mehr vorgeben kann, ein anderer zu sein, und als Medium für seine Bücher zu existieren aufgehört hat. Paula Broadwells Interesse an David Petraeus hat dem Leben des Generals ein Kapitel angefügt, das ihr Buch zur Makulatur macht. Im „Amerikanischen Idyll“ von 1997 findet sich Zuckermans Warnung: Das Schreiben macht aus dir einen Menschen, der immer falsch liegt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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          Quelle: F.A.Z.

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