21.02.2009 · Wer etwas auf seine Eigenart hielt, fuhr Saab. Der insolvente schwedische Autobauer kutschierte die linksliberale Intelligenz, die romantischen Nonkonformisten. Was sollen Architekten, Designer, Chefredakteure fahren, wenn es Saab nicht mehr gibt?
Von Niklas MaakWer verstehen will, was das Geheimnis von Saab ist, muss den Film „Berlin Chamissoplatz“ anschauen, der 1980 in die Kinos kam und von einem Berliner Architekten handelt, der sich in eine Hausbesetzerin namens Anna verliebt und mit ihr Hals über Kopf nach Italien rast. Es war klar, dass man so etwas mit dem üblichen Studentenmercedes rein tempo- und streckenmäßig nicht bewältigt hätte – deswegen schlief der Architekt vor Annas Haus in einem Saab 900, holte Frühstück im Saab, raste im Saab über den Brenner gen Süden.
Nach dem Film geschah etwas Erstaunliches: Jeder Architekt, der ein bisschen Geld hatte, kaufte sich einen Saab, das Turbopfeifen wurde die Erkennungsmelodie des kreativen Establishments. Was früher Fliege und Le-Corbusier-Eulenbrille waren, war jetzt der Saab; andere Vertreter des intellektuellen Lebens folgten, Chefredakteur K. ist bekennender Saab-Cabrio-Fahrer, fast alle Verleger, die keinen Jaguar fuhren, steuerten einen Saab – Klaus Wagenbach seinen angeblich in der politikonographisch eindeutigen Farbe Rot. Pierre Bourdieu hat in seiner Studie „Die feinen Unterschiede“ die Selbstpositionierung bestimmter Milieus anhand von Autos untersucht – was im Fall von Saab eine schwierige Sache ist.
Symbol der linksliberalen Intelligenz
Die Marke ist auch ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die kulturelle Aufladung von Land zu Land ausfällt. In Amerika war der im Vergleich zum üblichen Chevrolet winzige Saab ein Bekenntnis zum Antikonsumismus und wurde zum Lieblingssymbol der linksliberalen Ostküstenintelligenz. Die zahlreichen Pazifisten am Saab-Volant wussten nicht, dass die Firma eigentlich ein Rüstungskonzern ist, die Svenska Aeroplan Aktie-Bolaget, die erst seit 1947 Autos baute. In einem seiner Filme verlässt auch Woody Allen Manhattan in einem Saab 900.
In Schweden selbst sah man Saab dagegen ganz anders. Wenn man meinen Urgroßonkel Ivar in Stockholm auf den Saab Turbo ansprach, verzog er das Gesicht – Saab ist für viele Schweden, was in Deutschland BMW ist: eine übertrieben sportliche, fast unseriöse Angelegenheit für den ambitionierten Aufsteiger. Saabfahrer hatten daheim die schwarzen Ikearegale, nicht die Kiefernholzvariante.
Von Ikea verzaubert
In Deutschland entsprach der Wechsel vom Renault 4 zum Saab dem Übergang von der Franko- zur Italophilie: doppelter Espresso statt Café au lait, Postmoderne statt Existentialismus. Man konnte im 900 Turbo, einem postmodernen Zwitter namens Kombi-Coupé, im Gegensatz zum BMW 528i, auch schlafen – was den Wagen für Fluchten nach Italien prädestinierte und den Ruf als Auto für romantische Nonkonformisten festigte. Saabs waren elegant und praktisch, ein Destillat aus Flugzeugfuturismus und sozialdemokratischem Pragmatismus; der erste Saab wurde gezeichnet von Sixten Sason, der auch die Hasselblad entworfen hatte, und sah aus, als hätte man bei den hauseigenen Sturzkampfbombern probehalber die Tragflächen weggelassen – aber mit dieser Radikalmoderne ist es vorbei. Was in Trollhättan über Motoren von Opel genietet wird, ist genauso eine Kapitulationserklärung, wie die Umbenennung der Modelle von „900“ in „9-3“: nimm mich, sagte die neue Nummer, ich bin ein von Ikea verzauberter Dreier-BMW!
Jetzt hat Saab Insolvenz angemeldet, die autofahrende Intelligenz fühlt sich wie der Adler im Firmenlogo, dem etwas Rotes aus dem Hals kommt, das vermutlich eine Zunge darstellt, aber anders aussieht; was sollen Architekten, Designer, Chefredakteure bitte fahren, wenn es Saab nicht mehr gibt? Andererseits, sagen Pessimisten, könnte diese Frage mit den Berufsgruppen verschwinden, die sie sich stellen könnten.