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Autofahren in Russland Herz aus Blech

24.05.2009 ·  Autofahrer, die gegen Polizistenwillkür demonstrieren, können in Russland überregional Solidaritätskundgebungen mobilisieren - und sind damit die Keimzelle einer Zivilgesellschaft. Auf russischen Straßen geht es aber auch recht gefährlich zu.

Von Kerstin Holm
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Wie leicht technische Spielzeuge ihre Besitzer in Monster verwandeln, veranschaulicht die russische Verkehrsunfallstatistik. Der russische Autofahrer ist nicht nur mobil, er kann auch durch inoffizielle Taxidienste für Infanteristen immer etwas Geld hinzuverdienen. Außerdem bewegt er sich, im Unterschied zum Fußgängerherdentier, in einer geschützten Privatsphäre.

Private Fahrzeughalter, die wiederholt gegen Polizistenwillkür und Zollerhöhungen für Gebrauchtwagen demonstriert haben, sind in Russland die einzige Gruppe, die überregional Solidaritätskundgebungen mobilisieren kann – und damit die Keimzelle einer Zivilgesellschaft. Doch Autos verursachen auch beinahe eine Viertelmillion Verkehrsunfälle pro Jahr, die im vergangenen Jahr fast dreißigtausend Menschen das Leben kosteten.

Alkohol-Tuning als Problem

Der Unterschied zu den 4467 deutschen Verkehrstoten im gleichen Zeitraum ist horrend. Von hunderttausend Einwohnern kommen in Russland jährlich 24 durch Verkehrsunfälle um – in Amerika sind es fünfzehn, in Österreich neun, in Dänemark sechs. Die um Pferdestärken potenzierte russische Impulsivität wird insbesondere durch Alkohol-Tuning zur gefährlichen Rakete.

Jüngst raste in Nowosibirsk eine blonde junge Frau, die mit ihrer Freundin sechs Liter Bier geteilt hatte, mit dem Toyota-Jeep ihres Geliebten durch die Frühlingsnacht und fuhr dabei den Verkehrspolizisten Dmitri Tschulkow tot. Die Kollegen des Opfers, die die Wagenlenkerin festnahmen, waren aber über deren Gefühlskälte beinahe mehr entsetzt als über die Tragödie selbst. Sie stoppte, nachdem sie ein Stück weitergefahren war, stieg jedoch nicht aus.

Das hübsche Mädchen schien sich vor allem über den Blechschaden und den Ärger aufzuregen, den ihr Freund wohl deswegen machen würde, sagt der leitende Verkehrspolizist von Nowosibirsk, Sergej Stelmach. Der Wagenhalter wies die Fahrerin per Handy erst einmal an, am Unfallort eine Skandalszene zu machen. Sie dürfe aber nichts sagen und nichts unterschreiben. Zuvor hatte seine Geliebte, der wegen fahrlässiger Tötung drei Jahre Gefängnis drohen, ihn per SMS informiert: „Schatz, hab einen Bullen getötet, verzeih, was tun?“ Dass sie kein Herz aus Chromblech hat, signalisierte die Absenderin durch das Emotikon 9.

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