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Die Familie Mann : Im Gegenwind der Nationalsozialisten

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Herrchen und Hündchen: Michael Mann, etwa achtzehn Jahre alt, mit vierbeinigem Gefährten. Bild: Thomas Mann Archiv, Zürich

Vereint gegen den Nationalsozialismus: Im Jahr 1937 sind die acht Mitglieder der Familie Mann in der ganzen Welt verstreut – doch im Inneren ist der Zusammenhalt intakt. Ein Auszug aus einer Familiengeschichte.

          Der Jüngste der Familie Mann, der siebzehnjährige Michael, lebt seit Januar 1937 im Hotel Français in Paris. Sein Lehrdiplom für Geige hat er noch am Konservatorium in Zürich absolviert. Dann aber hat er den Direktor der Musikschule im Streit geschlagen, und die Eltern mussten für den Sohn einen neuen Ausbildungsort fern von der Züricher Exilheimat der Familie finden. Der Violinpädagoge Jean Galamian wird in Paris sein Lehrer, zum reduzierten Preis von 75 Francs die Stunde, „in Anbetracht des berühmten Papas“.

          Thomas Mann fühlt sich befreit. Seine politische Lage ist endlich geklärt, ein „beglückender Schritt“. Der „Bonner Brief“, seine fulminante Absage an das Hitler-Regime, wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und findet große Resonanz. Nach Jahren des Schweigens stellt er sich mit diesem Manifest an die Spitze der literarischen Emigration. Einreihen neben all den anderen Hitler-Gegnern im Exil, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Leopold Schwarzschild, will Thomas Mann sich nicht. Er besteht auf seine eigene Position, und es bietet sich im Jahr 1937 ein Forum, eine Zeitschrift, die er herausgibt. Sie werde sich weniger dem konkreten politischen Kampf, sondern der „Wiederherstellung“ überzeitlicher Werte widmen, schreibt Thomas Mann in der ersten Ausgabe von „Maß und Wert“. Ein schrecklicher Titel, findet Klaus Mann. Dann hätte man sie ja gleich „Eine wirklich gute Zeitschrift“ nennen können. Er ist wütend und enttäuscht. Der Vater hat ihn bei der Planung nicht einbezogen und schon gar nicht überlegt, ihn, den zeitschriftenerfahrenen Sohn, zum Redakteur zu machen. Er empfinde „wieder sehr stark, und nicht ohne Bitterkeit“ des Vaters „völlige Kälte, mir gegenüber“, schreibt er in sein Tagebuch.

          Talent als politische Agitatorin

          Stattdessen wird Golo Mann in dieser Zeit mehr und mehr zum Ansprechpartner und Assistenten Thomas Manns. Sein „sympathischer, biederer Charakter“ wird gelobt, seine „gescheiten“ Aufsätze, seine politischen Überlegungen. Er entwirft Texte für den Vater, berät, kürzt, tippt ab. Aus der Abneigung gegen den Jungen, der Gleichgültigkeit dem jungen Studenten gegenüber ist nun freundlicher Respekt, ist Sympathie für den „braven Golo“ geworden – vom Sohn, der den Vater so sehr verehrt und seit Jahren um seine Gunst ringt, dankbar verzeichnet.

          Thomas Mann mit seiner Frau Katia Mann und der Tochter Erika Mann bei der Ankunft in New York im September 1939.
          Thomas Mann mit seiner Frau Katia Mann und der Tochter Erika Mann bei der Ankunft in New York im September 1939. : Bild: dapd

          Madison Square Garden, New York, 15. März 1937. Die erste Massenkundgebung gegen Hitler in Amerika, organisiert vom Jüdischen Weltkongress. Erika Mann soll eine Rede halten, als emigrierte deutsche Schauspielerin und als Tochter Thomas Manns. Vor 23000 Menschen verliest sie eine Grußbotschaft des Vaters und spricht dann, als einzige Rednerin, bevor der Bürgermeister von New York und andere prominente Männer zu Wort kommen, einige Minuten über die Rolle der Frau im Nationalsozialismus. Gerade die Frauen hätten Hitler zur Macht verholfen und seine Partei gewählt, begeistert von den schneidigen Uniformen der Nazis und vom Schnurrbärtchen-Charme des „Führers“. Aber jetzt müssten sie erleben, wie sie getäuscht worden seien, wie sie in die Familie zurückgedrängt würden. Sachlich stimmt hier wenig: Frauen wählten die NSDAP eher unterdurchschnittlich. Es geht Erika Mann nicht um die historische Wahrheit. Sie versucht, andere für ihren Kampf gegen das „Dritte Reich“ zu gewinnen, anekdotisch, charmant, voller Tatendrang. Der Beifall ist freundlich, die Presse berichtet über die sympathische und mit ihren schlichten Argumenten überzeugende Rednerin. Erika Mann entdeckt im New Yorker Stadion ihr Talent als politische Agitatorin.

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