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Auszeichnung Goettle statt Enzensberger: Wie der Börne-Preis umgeleitet wurde

02.06.2002 ·  Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger erhielt den Börne-Preis und reicht sein Preisgeld an die Berliner Autorin Gabriele Goettle weiter.

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Für sein Lebenswerk hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis erhalten und die Anwesenden mit der Nachricht überrascht, dass er das Preisgeld der in Berlin lebenden Autorin Gabriele Goettle zukommen lasse werde.

In seiner Rede kommentierte Enzensberger das System der Literaturpreisvergabe in Deutschland, einem Land, das sich in der Vielzahl seiner Preise mit wohl keinem anderen in der Welt vergleichen lasse. Die Zahl der Preise übertreffe die der anerkannten Autoren. „Da aber die Zahl der originellen Schriftsteller um eine oder zwei Zehnerpotenzen kleiner geblieben ist, kommt es zu einem kuriosen Effekt, der nur mit der berüchtigten Ämterhäufung in Politik und Wirtschaft zu vergleichen ist“.

In den vergangenen Jahren habe er insgesamt 17 Mal auf der Kandidatenliste für Auszeichnungen gestanden, „und auf die Gefahr hin, Ihnen undankbar zu erscheinen, muss ich feststellen, das ist zu viel“. Die meisten Auszeichnungen würden an Menschen vergeben, „die keine Preise nötig haben“. Das ihm zugedachte Geld wolle er deshalb an die Berliner Schriftstellerin Gabriele Goettle weitergeben.

Begeisterung für Gabriele Goettle

Schon Anfang der 90er Jahre hatte sich Hans Magnus Enzensberger von Goettles "Freibank"-Artikeln in der Berliner „Tageszeitung“ (taz) begeistern lassen, diese gesammelt und in seiner "Anderen Bibliothek" im Eichborn Verlag unter den Titeln "Deutsche Sitten" (1991) und "Deutsche Bräuche" (1994) herausgebracht. Nach diesen Bänden erschien im August 1997 der dritte Band der Trilogie unter dem Titel „Deutsche Spuren. Erkenntnisse aus Ost & West“, im November 2000 dann, als 191. Band der Anderen Bibliothek, ihr Roman „Die Ärmsten! Wahre Geschichten aus dem arbeitslosen Leben“.

Goettle wurde 1946 in Aschaffenburg geboren, wuchs auf in Karlsruhe und studierte Bildhauerei, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin. Seit Anfang der achtziger Jahre ist sie als freie Mitarbeiterin für verschiedene Zeitungen und vor allem für die taz tätig. Auftragsarbeiten lehnt sie grundsätzlich ab. Der Prosaband "Deutsche Sitten" war ihre erste Buchveröffentlichung. Die in ihm enthaltenen literarischen Reportagen, Erzählungen, Protokolle und Essays zeichnen auf vielfältige Weise ein Bild der Bundesrepublik der achtziger Jahre. Mit dem Blick der Ethnographin reiste die Autorin jahrelang durch die Bundesrepublik, um die verschiedenen Stimmen einer Gesellschaft einzufangen, die nicht mehr eine Sprache spricht, sondern unzählig viele. Ein "Deutschland von unten" kam auf diesen Streifzügen zu Tage, das fremdartig und bekannt, gewöhnlich und monströs zugleich anmutet.

Allround-Künstler, der den Spiegel vorhält

Enzensbergers Laudatorin Rachel Salamander, Herausgeberin der „Literarischen Welt“, nannte den Schriftsteller, den sie selber als Preisträger ausgesucht hatte, einen „Allround-Künstler“, der sich unter anderem als Übersetzer, Kinderbuchautor und Dichter einen Namen gemacht habe. Den Deutschen habe er nach dem Krieg „einen Spiegel vorgehalten“. Seit dem Start seiner Karriere in den 50er Jahren habe er immer wieder mit „aufreizender Respektlosigkeit“ Debatten ausgelöst. Er sei sich bewusst, „dass man immer Risiken eingeht, wenn man sich zu Gegenwartsproblemen äußert“.

In seiner Dankesrede vermied es Enzensberger, auf die derzeitige Antisemitismus-Debatte einzugehen. Auch zum Streit um den unveröffentlichten Roman Martin Walsers äußerte sich der Schriftsteller nicht.

Der mit 20.000 Euro dotierte Börne-Preis ist nach dem 1837 gestorbenen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne benannt, der als Wegbereiter des politischen Feuilletons angesehen wird. Die Auszeichnung wurde in diesem Jahr zum neunten Mal vergeben. Die in Frankfurt ansässige Ludwig-Börne-Stiftung würdigt mit dem Preis besondere Leistungen in den Bereichen Essay, Kritik und Reportage.

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