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Auswanderungswelle : Die russische Tragödie

Der eine genügt nicht: Um ausreisen zu können, besorgen sich viele Russen einen alternativen Pass Bild: AP

Sie haben zwei Pässe und damit eine Fluchtmöglichkeit: Viele besser ausgebildete Russen sitzen auf gepackten Koffern. Die Aussicht auf eine Wiederkehr Putins hat ihnen den Glauben an die Zukunft geraubt.

          In Russland herrscht Aufbruchsstimmung. Immer mehr der Fähigsten denken ans Auswandern. Die Volkszählung vom vergangenen Jahr ergab zwar, dass das Land in den vergangenen acht Jahren nur gut zwei Millionen oder anderthalb Prozent seiner Einwohner verloren hat - weniger als befürchtet, weil Einwanderer aus Zentralasien und dem Nordkaukasus die Verluste ausgeglichen hatten. Doch während der letzten Jahre seien allein mehr als eineinviertel Millionen Menschen emigriert, schätzen russische Demographie-Experten. Dadurch wird die Bevölkerung auch qualitativ degradiert: Auf den Koffern sitzen vor allem die Besserausgebildeten, die in der Regel fünf- bis zehnmal mehr verdienen als der Landesdurchschnitt und in Moskau oder anderen Boomstädten leben, fand jetzt das Levada-Institut für Demoskopie heraus. Sie bemängeln in ihrer Heimat die ungerechtfertigt hohen Lebenskosten, die Korruption, schlechte medizinische Versorgung, und sie fürchten um ihre Ersparnisse.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Generaldirektor eines multinationalen Konzerns bescheinigt sogar der gesamten Generation der Fünfundzwanzig- bis Fünfundvierzigjährigen Fluchtgedanken. Es gebe in seinen Kreisen kein Tischgespräch, bei dem nicht festgestellt werde, dass man - zumal angesichts der Perspektive, dass Wladimir Putin wieder Präsident werden könnte - eigentlich das Land verlassen müsste, sagte der Mann, der weder seinen noch den Namen seiner Firma nennen wollte.

          Kapital stellt ein Risiko dar

          Die gleiche Diagnose stellte schon im Frühjahr Apex Capital, eine Beratungsfirma für auswanderungswillige Investoren, die seit 1993 Aufenthaltsberechtigungen für Russen in Kanada und Europa vermittelt. Nach zwei früheren Auswanderungswellen zu Beginn und am Ende der neunziger Jahre boome sein Geschäft nun wieder, erklärt der Apex-Capital-Präsident Nuri Katz, der als Motiv seiner Kunden ebenfalls die Befürchtung anführt, dass die Präsidentenwahl im kommenden Jahr das System zementieren werde. Schon jetzt hätten die meisten seiner Kollegen zwei Pässe und damit eine Fluchtmöglichkeit, sagt jetzt der Moskauer Finanzmanager Vadim Beljajew. Außer Unternehmern werden neuerdings aber auch immer mehr gutsituierte Beamte nervös, denen die Absetzung des Moskauer Bürgermeisters im Vorjahr und die gegenwärtige Säuberung der Staatsanwaltschaft vorführen, wie schnell ein vermeintlich unangreifbarer Freund des Systems zu dessen Feind werden kann. Wobei Privatkapital ja prinzipiell im Ausland aufbewahrt werde, merkt der Direktor des Kommersant-Verlags, Demjan Kudrjawzew, an. Denn nur im Westen sei Kapital eine Ressource. In Russland stelle es vor allem ein Risiko dar, weil alle Rechtstitel darauf sich so leicht in Luft auflösen.

          Die Perspektive, dass er wieder Präsident werden könnte, beschert einer ganzen Generation Fluchtgedanken: Wladimir Putin

          Schon der Umstand, dass Russland das einzige nordische Land mit einem niedrigen allgemeinen Lebensstandard sei, biete Grund genug, um wegzugehen, sagt Kudrjawzew. Dabei zieht es die Russen vornehmlich nach Westeuropa. Freilich gebe es keinen großen russischen Geist unter den Emigranten, den Westeuropa dann nicht auch enttäuscht habe, sagt der Publizist Stanislaw Belkowski; Europa sei aber nun einmal die erste und einzige Liebe Russlands. Das Land werde immer dorthin streben, um den Widerspruch zwischen seiner asiatischen Geographie und den Ansätzen europäischen Geistes zu überwinden. Das zeigt laut Belkowski nicht zuletzt der russische Fußball: Die russische Nationalmannschaft würde bei einer Teilnahme an der Asienmeisterschaft besser abschneiden, als sie es bei den Europameisterschaften tut. Doch eine solche Umorientierung komme für keinen Russen in Frage. Zugleich werde Europa Russland nie akzeptieren - darin bestehe die russische Tragödie.

          Tausende sitzen wegen zweifelhafter Strafverfahren ein

          Im Übrigen sind viele Apparatschiks über die Abwanderung ihrer Landsleute im Grunde froh. Das merkte auch die Journalistin Olga Romanowa, deren Mann, Alexej Koslow, ein Finanzmanager, eine Haftstrafe wegen eines manipulierten Betrugsurteils verbüßt. Sobald ihr Gatte freikomme, würden sie beide emigrieren, hatte Frau Romanowa gelobt und dann festgestellt, dass einige Beamte, mit denen sie sprach, sie in dieser Absicht noch bestärkten. Welch ein Unterschied zur Sowjet-Epoche, als die Staatspropaganda potentiell Emigrationswillige mit Berichten über Armut und Arbeitslosigkeit im Westen abzuschrecken versuchte.

          Der Mensch galt damals als Ressource. Heute sind es die Rohstoffe. Der russische Rentenkapitalismus müsse eigentlich daran interessiert sein, eine kleinere Bevölkerung zu versorgen, sagt Belkowski. Umso erstaunlicher war daher jetzt eine Entscheidung des Obersten Gerichts, das im Gerichtsverfahren gegen Alexej Koslow grobe Fehler fand, das Urteil aufhob und eine Neuverhandlung anordnete. Geschäftsleute wie Koslow sitzen in Russland zu Tausenden wegen zweifelhafter Strafverfahren ein. Nun aber scheint die Regierung von Präsident Medwedjew ernsthaft bemüht, das Investitionsklima im Land zu verbessern. Sie sei geplättet, bekennt Olga Romanowa, dergleichen habe sie nie erwartet. Wenn in Russland künftig gerechte Urteile gesprochen würden, sagt die Reporterin, habe sie kein Recht, es zu verlassen.

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