Home
http://www.faz.net/-gqz-zill
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstieg aus der Atomkraft Will er jetzt den Sonnengott spielen?

 ·  Fukushima bringt den Soziologen Ulrich Beck auf die Idee, die demokratische Sonne gegen die antidemokratische Nuklearenergie auszuspielen. Eine Antwort des Schriftstellers Ulrich Schacht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (52)

Mit dem Atomunglück von Fukushima hat in der hiesigen Medienberichterstattung eine Rhetorik der Dringlichkeit eingesetzt, die angesichts der erst wenige Monate zurückliegenden Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke geradezu hysterisch anmutet. Am weitesten in dieser Hinsicht geht ein Text des Soziologen und Weltstaatsvisionärs Ulrich Beck (Ulrich Beck zur Energiewende: Der Irrtum der Raupe).

Beck leitet aus dem Wahlergebnis nichts Geringeres ab als eine Art gesamtgesellschaftlichen Umsturzprogramms und requiriert dafür, scheinbar unbeschwert kreativ, Begriffe wie „Bewegung“ und „Ermächtigung“. Zugleich bringt er sie nicht nur als harmlose Dynamiserungsvokabeln ins Spiel, sondern setzt sie, vor dem Hintergrund eines konstruierten „historischen Augenblicks“, als verbale Rammböcke gegen die Tore all jener Institutionen der gewaltengeteilten, rechtsstaatlichen und repräsentativen Republik ein, die sich legitimiert und bewährt haben durch schlicht nichts anderes als verfassungskonforme demokratische Verfahren und Normen.

Ausrufung des Notstands

Diese aber sind für Bewegungen wie die von Beck favorisierte offenbar durch und durch hinderlich sind, wenn es um politische Ziele geht, denen etwas irritierend Erlöserisches anhaftet: „Angesichts der Atomkatastrophe werden Staaten und zivilgesellschaftliche Bewegungen ermächtigt, da sie neue Legitimationsquellen und Handlungsoptionen zum Vorschein kommen lassen. Entmächtigt wird gleichzeitig die Atomindustrie. Infolgedessen erhält eine neuartige Koalition zwischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Staat, wie wir sie jetzt in Deutschland beobachten können, eine historische Chance.“ Weil eine solche Konstruktion aber zuletzt entscheidende Verfassungsnormen der repräsentativen, gewaltengeteilten Demokratie quasi rätedemokratisch umdeutet und damit, im Sinne jener machtechnischen Urformel einer volonté de tous Rousseaus, ins totalitär Verführbare lenkt, wird ein übergesetzlicher Notstand proklamiert, der sich im aktuellen Fall durch eine angebliche „Atomkatastrophe“ legitimiert, auf die wiederum in einem gesamtgesellschaftlichen Generalakt hypermoralisierter Politik final geantwortet werden muss.

Die Katastrophe jedoch, von der hier als handlungsstrategischer Ausgangspunkt die Rede ist, hat aber nicht nur in Deutschland nicht stattgefunden; sie ist so, wie Beck sie mit geradezu dichterischem Metapherngestöber ins Apokalyptische übersetzt, selbst in Japan nie eingetreten. Was dort stattgefunden hat, ist, wie jeder wissen kann, eine zum Glück eher begrenzte Kernkraftwerkshavarie ohne einen einzigen Toten bislang – in der Konsequenz einer allerdings gewaltigen Naturkatastrophe mit Tausenden von Opfern, die durchaus ernsthafte Fragen an die Sicherheitsstandards von Kernkraftwerken im allgemeinen wie besonderen aufwirft.

Wohl deshalb macht Beck, der diesen Tatbestand in seinem Text auch gar nicht leugnet, zuletzt eben doch unbekümmert von jener klassischen demagogischen Freund-Feind-Kennung Gebrauch: Ein Menschheitsfeind wird gesichtet, und im vorliegenden Fall sind es zur Abwechslung die Atomenergie und ihre Produzenten, denen die gesellschaftliche Übermacht, die sie angeblich haben, ein für allemal genommen gehört – so, als gäbe es keine politisch vernünftigen, das heißt, rechtsstaatlich legalen wie funktionierenden Kontroll- und Korrekturmöglichkeiten gegenüber eben dieser Industrie und ihren unterstellten Ambitionen übers Profitliche hinaus.

Gefährliche Phantasie

Allerdings ist ausgerechnet Ulrich Beck derselbe Soziologe, der gleich Anfang der neunziger Jahre, angesichts des Untergangs der kommunistischen Despotien, das sagenhafte Phänomen der „feindlosen Demokratie“ entdeckte – doch nur, wie sehr schnell deutlich wurde, um den damals für ihn immer noch nicht auch „feindbildlosen“ eigenen Staat endgültig und ein für allemal zu entwaffnen. Was also ist in der Zwischenzeit passiert? Und gibt es einen klandestinen Zusammenhang zwischen beiden politischen Thesen?

Auch darauf gibt Beck eine Antwort, die zwar kaum noch etwas mit Japan und der Kernenergie zu tun hat, dafür, so scheint es zumindest, umso mehr mit alten sozialradikalen Gesellschaftsumbauprogrammen à la Campanellas „Sonnenstaat“, Lenins Expropriationsfuror und dem „großen Sprung“ Maos, der sich übrigens ebenfalls gerne lyrisch äußerte, wenn es ans Selbstermächtigen ging: „Niemand“, so Beck, „kann das Sonnenlicht besitzen, keiner kann es privatisieren oder nationalisieren. Jeder kann diese Energiequelle für sich erschließen. Atomenergie ist hierarchisch, Sonnenenergie ist demokratisch. Nukleare Energie ist ihrer Natur nach antidemokratisch.“ Am Ende lesen wir dann von der Atomenergie als Raupe, die sich in den „Schmetterling der erneuerbaren Energie“ verwandele.

Wer der Sonne „demokratische“ Eigenschaften andichtet, der Nuklearenergie „antidemokratische“ und die Energieversorgung der hochindustriellen Länder in der Zukunft als schmetterlingsleichtes Unterfangen verkündet, zugleich aber kein Dichter ist, dem man das durchgehen lassen könnte – der es zuletzt also tatsächlich handfest politisch meint –, der verfügt über eine doch eher gefährliche Phantasie für ein Gemeinwesen wie dem unseren: aus bewährt verfasstem Staat und sich in ihm frei bewegender Gesellschaft.

Säkularer Sonnenkult

Denn wenn die Sonne im Verhältnis zu Erde und Mensch überhaupt etwas ist, dann absolutistisch, von unserem Wünschen und Wollen unendlich weit entfernt. Wie es denn sowieso die erste Tugend des Menschen sein sollte, sich angesichts der kosmischen Dimension der Natur und ihren darin nach vom Menschen unabhängigen Gesetzen auftauchenden und wieder vergehenden Himmelskörpern vor allem in Demut einzuüben, statt einem säkularisierten Kult des Sonnengotts Re zu frönen, der auch im alten Ägypten zuerst und zuletzt nur politischen Zwecken diente.

Sätze wie die von Ulrich Beck jedenfalls werden zurzeit nur in Deutschland wie der Weisheit letzter Schluss geglaubt; im Ausland hält man sie schlicht für sinnwidrig, ja, absurd. Beck, der dies in seinem Text auch gar nicht bestreitet, fragt deshalb frustriert: „Warum sind ausgerechnet Amerikaner, Briten und Franzosen, die der Freiheit einen so großen Wert beimessen, blind für diese emanzipatorischen Konsequenzen?“ Ja, warum eigentlich? Weil sie, so könnte die Antwort lauten, vielleicht vieles sind, nur eben keine deutschen Ideologen in der allerneuesten Schlacht ums Ganze.

Von Ulrich Schacht erschien zuletzt „Vereister Sommer“.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 1