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Ausstellungen zum Friedrichjahr Sozialistisches Badewasser auf preußischen Dielen

 ·  In Rheinsberg war er glücklich, am Schreibtisch in Potsdam formte er seinen Staat, und seine Untertanen verdonnerte er zum Kartoffelanbau: Drei Ausstellungen vervollständigen das Bild des Alten Fritz.

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Preußen, August 1759: Die Armee ist geschlagen, der König benachrichtigt seinen Minister. „Alles flieht, und ich bin nicht mehr Herr meiner Leute . . . ich halte alles für verloren, ich werde den Untergang meines Vaterlands nicht überleben.“ Und dann taucht er die Feder noch einmal ein und schreibt mit frischer Tinte ans Ende: „adieu pour jamais“ - Adieu für immer. Schließlich die Unterschrift: „Federic“, ohne r. Wie fast immer.

Man sieht es mit Rührung auf dem vergilbten Blatt, das Friedrich der Große kurz nach der Schlacht bei Kunersdorf an Finck von Finckenstein schrieb: den Namenszug ohne den Kehllaut, den der König hasste (in Briefen an Voltaire und die Schwester Wilhelmine bekrönte er sich zusätzlich mit accents aigus: „Fédéric“); die knappe Schilderung der militärischen Katastrophe und seiner Rolle darin (“mein Unglück ist es, noch am Leben zu sein“). Und, trotz aller Verzweiflung, das gleichmäßige Fließen der schön geschwungenen Zeilen, das Adagio der Schrift, das selbst aus dieser hastigen Depesche eine Augenweide macht.

Bücher und Briefe wie Engelsflügel

Mit derselben eleganten Hand hat er fünfzig Jahre lang seine eigenen literarischen und historiographischen Werke verfasst - den jugendlichen „Antimachiavell“, die „Geschichte des Hauses Brandenburg“, die lyrischen „OEuvres Du Philosophe De Sans Souci“, die „General-Principia vom Kriege“, die Essais gegen den Aberglauben, die deutsche Literatur, die schlechten Regenten und so fort. Das alles, zusammen mit Kabinettsordern, Kladden, Korrespondenzen, Notenschriften und eigenhändigen Zeichnungen ist derzeit im Großen Saal der Berliner Kunstbibliothek am Potsdamer Platz versammelt; und wenn es auch übertrieben wäre, die aufgeklappten Bücher und aufgefalteten Briefe wie Proust mit Engelsflügeln zu vergleichen, die der Seele ihres Schöpfers das Totengeleit geben, so hat das Ganze doch etwas von einem Altar: dem passendsten und sinnfälligsten, den man sich zu diesem Anlass vorstellen kann.

Die Ausstellung „Der König am Schreibtisch“, mit dem das Geheime Staatsarchiv und die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz die Feierlichkeiten zum dreihundertsten Geburtstag des großen Friedrich ausklingen lassen, kann mit den kunst- und kriegshistorischen Preziosen der Jubiläumsschauen in Berlin und Potsdam nicht mithalten. Aber was ihr an Glamour fehlt, gewinnt sie an Substanz. An kaum einer anderen Station dieses Friedrich-Jahres fühlt man sich dem quecksilbrigen Wesen des Jubilars so nah wie hier, wo nicht Pinsel und Ladestock, sondern Druckerpresse und Federkiel die Linien seines Lebens nachziehen.

„Alle Religionen seindt gleich und guht . . . und wen Türcken und Heiden kähmen und wolten das landt Pöpliren, so wolten wir Sie Mosqueen und Kirchen baun“, steht da auf einem Direktoriumsbericht vom Juni 1740. Und viereinhalb Jahrzehnte später, auf einem Entwurf des Allgemeinen Landrechts, dessen Reform unter Friedrich begann: „das ist aber sehr Dicke und gesetze müßen kurzt und nicht weitlaüftig seindt“. Nur schade, dass sich die Kuratoren nicht die Mühe gemacht haben, die Epistel des Königs gegen die betrügerischen Finanziers seiner Berliner Staatsbank (“brigands que l’enfer a vomis!“) zu übersetzen - sie hätte der sehenswerten Ausstellung ein zusätzliches aktuelles Licht aufgesteckt.

Vom elenden Nest zur Residenz

Nach sieben Monaten Friedrich-Jubiläum, denkt man, dürfte das breite Publikum des Themas müde sein. Aber weit gefehlt. Die Potsdamer „Friederisiko“-Ausstellung (F.A.Z. vom 28. April) meldet einen stetigen Besucherstrom; inzwischen sind zweihunderttausend Eintrittskarten verkauft. Und auch in Erkner und im heute polnischen Küstrin wird der Alte Fritz gefeiert, hier als Gründer des gleichnamigen Kolonistendorfes, dort durch „situationsspezifische Kunstwerke“, mit denen man „Denk-Zeichen“ setzen will, etwa in Form einer zwiegespaltenen Statue, die je zur Hälfte geschniegelter Höfling und uniformierter Kriegsmann ist.

„Die Erfindung (s)einer Stadt“ schließlich will das wiedereröffnete Potsdamer Stadtmuseum im renovierten Rathaus am Alten Markt vom 20. August an zeigen. Wie man vom „elenden Nest“ (Friedrich) zur Residenz wurde, das ist eine Geschichte, die man immer wieder neu erzählen kann, zumal wenn mit Georg Friedrich Prinz von Preußen ein echter Hohenzoller sie unter seine Schirmherrschaft nimmt.

Im Schloss Rheinsberg, das sich gerade noch rechtzeitig unter die Gratulanten einreiht, wurde für die Ausstellung „Friedrich ohne Ende“ der Spiegelsaal restauriert - so, wie ihn der Kronprinz geplant und der König ein einziges Mal vollendet gesehen hat. Dass die vier Räume, in denen der Bauherr, der Schriftsteller, der Gatte und der Gartenfreund Friedrich geehrt werden, in den Saalfluchten des von seinem Bruder Heinrich viel stärker und endgültiger geprägten Schlosses förmlich untergehen, lässt sich allerdings ebenso wenig verdrängen wie die Tatsache, dass der im Tucholsky-Museum angesiedelte Ausstellungsteil zu Ruhm und Mythos des Alten Fritz wie ein verkleinertes Remake der themengleichen Schau im Deutschen Historischen Museum Berlin wirkt.

Am interessantesten sind dabei die Dokumente aus den Jahren der DDR, die in Rheinsberg eine Lungenheilanstalt eingerichtet hatte. Die Kranken schliefen in den prinzlichen Gemächern, ihr Badewasser schwappte auf die preußischen Dielen. Auch das ist Rezeptionsgeschichte.

Ein Kapitel im Epos der Kartoffel

Eine der hartnäckigsten Legenden der populären Geschichtsschreibung ist die vom Alten Fritz als Begründer des Kartoffelanbaus in Deutschland. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam hat dieser Legende jetzt eine umfassende Ausstellung gewidmet. Deren fleißige Kuratoren gehen weite und verschlungene Wege, um den Besucher nur nicht allzu rasch auf die unvermeidliche Erkenntnis zu stoßen, dass der Preußenkönig und seine Edikte zur Einführung der „Tartoffeln“ als Feldfrucht und Gartengemüse im großen europäischen Kartoffel-Epos nur ein kurzes Kapitel sind.

Erst unter Friedrichs Nachfolgern setzte sich die Knolle als preiswertes Nahrungsmittel durch, und erst mit der Industrialisierung wurden van Goghs „Kartoffelesser“ zum Inbild der Unterschichtenmahlzeit. Aber im Unterschied zu den späteren landwirtschaftlichen Experimenten der preußischen Reformjunker hat Friedrichs Regulierungswut Spuren in den Archiven hinterlassen. Auch dieser Mythos ist also am Schreibtisch entstanden. Persönlich konnte der Monarch der Kartoffel übrigens nicht viel abgewinnen. Zu seinen Lieblingsspeisen gehörte statt dessen eine dicke Paste aus Maismehl und Parmesan, die in Butter ausgebacken und mit scharf gewürzter heißer Soße übergossen wurde. Selbst unter seinen glühendsten Verehrern käme heute wohl keiner auf die Idee, dieses Gericht nachkochen zu wollen. Lieber legen sie Kartoffeln auf sein Grab in Sanssouci.

Der König am Schreibtisch, Kunstbibliothek am Kulturforum Berlin, bis 30. September; Katalog 16 Euro. Friedrich ohne Ende, Schloss Rheinsberg und Kurt Tucholsky Literaturmuseum, bis 28. Oktober; kein Katalog. König & Kartoffel. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam, bis 28. Oktober; Katalog 22,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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