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Druckgraphiken in Stuttgart : Whaam! Pop! Pow! Bang!

Eine große Schau in Stuttgart erzählt, wie die Generation von Andy Warhol mit Druckgraphik der Kunst zu neuer Schärfe und Direktheit verhalf.

          Eine Welt ohne Graphik, genauer ohne die Macht der Reproduktionsgraphik, ist schon seit Jahrhunderten nicht vorstellbar, schon gar nicht, wenn es um ihre immense Breitenwirkung seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geht. Niemand kommt seither an den bunten „Flowers“ von Andy Warhol vorbei – ob er ihren Schöpfer kennt oder nicht und ob er weiß oder nicht, dass die Vorlage dafür um ihre Stempel gebrachte Hibiskusblüten sind. Seither sehen Blumen eben auch so aus.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Stuttgarter Schau basiert auf einer Sammlung der Staatsgalerie mit rund 1200 Blättern von mehr als 130 Künstlern aus dem Feld der amerikanischen Graphik. Das bemerkenswerte Konvolut, das von internationalem Rang ist, verdankt sich einer intensiven Sammeltätigkeit im Haus, die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg begann, ergänzt durch zwei bedeutende private Vermächtnisse. Ein erstaunliches Gespür bewies diese Ambition im Nachkriegsdeutschland, und ihre Bedeutung sollte die Zukunft nur noch zusätzlich unterstreichen. Bereits 1968/69 fand unter dem Titel „Amerikanische und Englische Graphik der Gegenwart aus der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart“ eine erste Präsentation der bis dahin zusammengebrachten Bestände statt. Ihr großer Erfolg brachte eine Wiederholung mit Neuankäufen bereits in den Jahren 1973 und 1974, die dann auch nach Augsburg, Hannover und Karlsruhe reiste.

          Dass die Staatsgalerie jetzt nach langer Zeit ihre Schätze, ergänzt durch einige Leihgaben, so umfassend vorstellt, beweist zum einen, wie wichtig und erkenntnisfördernd die Arbeit mit den Beständen in den großen Museen ist. Hinzu kommt die ästhetische Qualität, die den etwa zweihundert gezeigten Graphiken der 22 ausgewählten amerikanischen Künstler aus den Jahren 1960 bis 1990 eignet. Die Hängung bietet einen kreisförmigen Parcours, nur ungefähr chronologisch, wobei die Blätter der einzelnen Künstler zu Gruppen zusammengefasst sind, assistiert von kurzen klaren Wandbeschriftungen.

          Abrechnung mit Abstraktem Expressionismus

          Ein Blick in die Geschichte der graphischen Reproduktion und ihre politische wie gesellschaftliche und, das nicht zuletzt, für die Verbreitung und den Konsum künstlerischer Produktion nicht wegzudenkende Wirkung ist absolut erhellend. In mancher Hinsicht wird damit ein europäisches Phänomen wiederbelebt, das einst den „Peintres Graveurs“ wie Dürer oder Rembrandt, später Goya oder Munch zur kostengünstigen Verteilung ihrer Bildfindungen diente. Die steile Karriere der Druckgraphik in der Gegenwart schildert Øystein Ustvedt aus Oslo in seinem Katalogessay. Gemeinsam mit Corinna Höper in Stuttgart hat er die Schau kuratiert, deren zweite Station das Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design von Norwegen sein wird. Durch die niedrigeren Preise trug der „Graphic Boom“ zur Popularisierung der Gegenwartskunst bei – Pop Art etwa heißt ja nichts anderes als popular art. „Der Erwerb von Kunst wurde alltäglicher, und es entstand ein neuer Typus von Sammlern, die Kunstwerke gemäß ihrer persönlichen und finanziellen Möglichkeiten kauften“, schreibt Ustvedt. Wohin das geführt hat, das sei hier nur angemerkt, demonstriert der aktuelle Kunstmarkt, zumal für Warhol oder Lichtenstein, eindrücklich genug.

          Der Graphic Boom war zugleich eine Abrechnung mit dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus, der sich in seiner großen Geste der Individualität oft allzu selbstgefällig spiegelte. (In Stuttgart sind auch einige Beispiele aus dieser Ecke vertreten mit Namen wie Sam Francis oder Jackson Pollock, aber so richtig überzeugend ist deren Auseinandersetzung mit der Drucktechnik nicht.) Die Reaktion der jüngeren Künstler darauf war die vorsätzliche Verweigerung von inszenierter Spontaneität – zugunsten von Arbeitsteilung und Maschinisierung in den Druckverfahren, gegen demonstrative Subjektivität und ihren elitären Anspruch, entsprechend für Massentauglichkeit und die Beschäftigung mit trivialen Dingen des Alltags. Die Offset-Lithographie war da hilfreich, schon weil sie über die zwei Walzvorgänge das Problem der Seitenverkehrtheit löst, und dann natürlich der lange wegen minderen Gebrauchs, etwa in der Werbung, geschmähte Siebdruck. Warhol nannte nur folgerichtig sein Atelier gleich „Factory“.

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