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Ausstellung zu Datensicherheit : Der entgrenzte Mensch

Die Ausstellungsidee ist gut, doch sie kommt fast ein bisschen zu spät, umso mehr, als sie nicht mit besonderen technischen Effekten aufwarten kann, mit denen niemand gerechnet hat. Die Digitalisierung bringt nicht nur in rapidem Tempo ständig neue Technologien hervor. Sie stumpft ihre Benutzer auch ab. Datendiebe schockieren uns schon lange nicht mehr. Achselzucken ist die mehrheitliche Reaktion. Und vielleicht ist das auch legitim?

Digitalisierung als Verlustgeschichte

Wo von Big Data und Digitalisierung die Rede ist, wird immer auch eine Verlustgeschichte erzählt. Man diagnostiziert einen Verlust der analogen Kommunikation, einen Verlust des Geheimen, einen Verlust der Stille. Doch all das wurde schon oft befürchtet. Und es hat sich schon oft nicht bestätigt. Es gibt über die sozialen Medien mittlerweile unzählige Untersuchungen, die sich damit beschäftigen, was das permanente Teilen unseres Innenlebens – oder unseres vermeintlichen Innenlebens, das in der digitalen Welt kein Scheitern, keine Einsamkeit, keine Traurigkeit kennt – für seelische Folgen haben kann.

Allerdings ist wohl jede Zeit auf jeweils andere oder ähnliche Weise Bedrohungen solcher Art ausgesetzt. Und jede Gesellschaft hat ihre eigene Pathologie. Erfolgsgeschichten, die stets nur einen Teil der Wahrheit abbilden, werden nicht erst erzählt, seitdem es Twitter gibt. Ein intaktes Bild nach außen zu vermitteln, von sich selbst, von der Familie, der Ehe, der Karriere, während es hinter der Fassade verheerend aussieht, ist ein altes Thema, das nicht erst mit der Erfindung des Computers in die Welt gekommen ist.

So schnell lässt sich der Kulturverfall also nicht herbeireden. „Wenn unsere Daten in die falschen Hände geraten...“ – so beginnt oft die Apokalypse vom bevorstehenden Untergang der Demokratie, direkt vor unserer Haustür. Aber in wessen Hände sollten die Daten denn geraten? Mit welcher rationalen Begründung sollte der sich seit Jahrzehnten bewährende demokratische Rechtsstaat plötzlich so instabil werden, dass eine unüberschaubare Menge von Daten eine Diktatur aus ihm macht?

Eine andere Denkungsart setzt sich durch

Während solche Fragen offenbleiben, macht die Ausstellung doch immerhin eines klar: Das Bedrohliche an der Generierung von Massendaten ist, dass sich die Technik, mit der das vollzogen wird, mehrheitlich unserer Kenntnis entzieht – und zwar in einem völlig neuen Ausmaß. Wir wissen nicht, was alles über uns gewusst werden kann. Wir können nicht erfassen, welche Bezüge aus der Vielfalt unserer Daten hergestellt und was daraus gemacht werden kann.

Umso prekärer erscheint vor diesem Hintergrund der durch die neuen Technologien verursachte tiefgreifende kulturelle Wandel, von dem in erster Linie die Bildung betroffen ist. Eine andere Denkungsart setzt sich durch, insofern die Künstliche Intelligenz in der Lage ist, uns erlernte Fertigkeiten abzunehmen. Dass uns auf diese Weise elementare Fähigkeiten und Wissen verlorengehen könnte oder womöglich schon verlorengegangen sind, ist in Kenntnis der wachsenden Macht der Algorithmen kein Ausblick, der einen nach dieser Ausstellung tiefenentspannt zurücklässt. Die alles entscheidende Frage ist die nach dem Ort der Technik in der Demokratie. Ersetzt die Technik unsere eigenen Fähigkeiten, drohen wir unsere Mündigkeit zu verlieren. Ohne Mündigkeit des Bürgers – und hier ist die kulturkritische Warnung gerechtfertigt – gibt es keine Demokratie.

Am Ende der Ausstellung liegt auf einem weißen Tisch eine Reclam-Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. In diesem Exponat von Timm Ulrichs erkennt man erst auf den zweiten Blick, wo der Haken ist: Eines der Tischbeine wurde gekürzt. Und darunter liegt, ebenfalls in einer Reclamausgabe, Kants „Kritik der praktischen Vernunft“. Dieses Gefälle bezeichnet nicht nur dasjenige zwischen Theorie und Praxis. Wir wenden die praktische Vernunft an, ohne Kenntnis von ihr zu haben. Beide Bücher bleiben in diesem Kunstwerk ungelesen, obwohl sie für jeden verfügbar sind.

Ohne Schlüssel und Schloss? Chancen und Risiken von Big Data, bis zum 18. Februar 2018 im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern.

Quelle: F.A.Z.

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