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Ausstellung: Roads of Arabia Glanz und Größe der Karawanen

30.01.2012 ·  Es war einmal im Karawanenland: Eine Austellung im Berliner Pergamonmuseum eröffnet überraschende Perspektiven auf die frühe Kulturgeschichte der arabischen Welt.

Von Andreas Kilb
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© AFP Das Kleid des Allerheiligsten: Der Vorhang zur Tür der Kaaba in Mekka

Als Nabonid, der letzte König von Babylon, mit seinen Hohepriestern in einen Streit geriet, der die Existenz seines Staates bedrohte, griff er zu einem Mittel, das man heute wohl als bewaffnetes Exil bezeichnen würde. Statt die Opposition im Inneren zu bekämpfen, zog er mit seinem Heer über die Grenzen ins benachbarte Arabien und setzte sich dort fest. Nacheinander eroberte er die Oasenstädte Jathrib - das heutige Medina - und Dedana, dann machte er Tayma, das an der Kreuzung der wichtigsten Handelsrouten lag, zu seiner Residenz. Zehn Jahre lang, von 552 bis 542 vor Christus, regierte er von hier aus ein florierendes Kleinreich.

Das Buch Daniel des Alten Testaments schreibt den Aufenthalt „in der Wildnis" dem Jerusalem-Zerstörer Nebukadnezar zu, aber ein „Gebet des Nabonid", das unter den Schriftrollen von Qumran entdeckt wurde, hat diese falsche Übertragung korrigiert. Dass Babylon kurz darauf dennoch an die Perser verlorenging, steht auf einem anderen Blatt.

Denkmäler des Todes

Von den Herrscherjahren des Nabonid in Tayma kündet ein Stelenfragment, das seit vergangener Woche im Berliner Pergamonmuseum zu sehen ist. Es zeigt den Babylonier mit den Symbolen seiner Götter Sin (Mond), Shamash (Sonne) und Ishtar (Stern) über einem Keilschrifttext, der seinen Namen enthält. Trotzdem fragt man sich, was den König der mächtigsten Stadt im Zweistromland an einer fernen arabischen Oase gereizt haben mag. Die Ausstellung „Roads of Arabia", die das Museum für Islamische Kunst Berlin zusammen mit dem Nationalmuseum von Saudi-Arabien in Riad veranstaltet, beantwortet diese Frage auf ebenso umfassende wie spektakuläre Weise

Denn hier wird, anders als der Titel ankündigt, nicht nur ein Wegenetz, sondern ein Menschheitspanorama entfaltet. Ein „leeres Viertel", wie der Name ihrer Wüste Rub al-Khali auf Deutsch lautet, war die Arabische Halbinsel nie. Schon in vorgeschichtlicher Zeit zogen hier Nomaden durch, deren Faustkeile und Pfeilspitzen die Schau eröffnen. Nach dem Ende einer regenreichen Wetterphase, die ihren Höhepunkt um 6000 vor Christus erreichte, bildeten sich Überlebensgemeinschaften an den Wasserlöchern und artesischen Brunnen. Von ihrer Grabkunst zeugen drei Stelen aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend, die im ersten Saal der Ausstellung stehen, starre Denkmäler des Todes mit abstrahierten, ausdrucksvollen Gesichtern; eines zeigt ein Mienenspiel, das an Köpfe von expressionistischen Skulpturen erinnert.

Schon zu dieser Zeit war die Region ein Durchgangsgebiet. Wer aus den Hochkulturen Mesopotamiens nach Ägypten zog und den Weg über Palästina scheute, kam um die Oasenstädte im Norden Arabiens nicht herum; und wer sich im alten Akkad, dem Vorgänger des babylonischen Reichs, mit hochwertigem Kupfer und Elfenbein versorgen wollte, segelte ins Land Tilmun im heutigen Bahrein und weiter zum Golf von Oman. Auf der Insel Tarut vor der saudischen Küste wurden Alabasterschalen und verzierte Chloritgefäße aus indischen und iranischen Werkstätten gefunden, dazu Statuen im mesopotamischen Stil - der typische Luxus-Mischmasch eines Handelszentrums.

Seine Blüte dauerte bis in die Zeit des Hellenismus, wie Goldmasken, Perlenschmuck, zierliche Bettfüße und Stelen mit griechischen Inschriften bezeugen. In Thaj im Landesinneren prägte man damals Münzen mit dem Bildnis Alexanders des Großen, deren Rückseite anstelle von Zeus den Sonnengott zeigte - ein Beispiel für die Verschmelzung von Religiosität und Kaufmannssinn, die für diesen historischen Raum typisch ist.

Die Myrrhe zieht weiter

Im zweiten Jahrtausend vor Christus begann mit der Domestizierung des Dromedars Arabiens goldene Epoche. Seine Karawanen konnten jetzt über weite Strecken Weihrauch, Myrrhe und kostbare Gewürze aus den Königreichen im Süden der Halbinsel nach Syrien und Palästina und weiter in den Mittelmeerraum transportieren. In den Oasenstädten bildeten sich Herrscherhäuser, die einander bekriegten und mit Statuen, Stelen und erlesenem Schmuck ihre dynastischen Ansprüche kundtaten. So geriet Tayma bald nach der babylonischen Besetzung unter den Einfluss der Lihyan-Fürsten aus dem benachbarten Dedan, deren Standbilder zu den Attraktionen der Ausstellung zählen. Die Torsen der Kolosse aus dem vierten Jahrhundert erinnern an frühgriechische Kouroi, nur dass ihre Körperformen steifer wirken. Die Köpfe zeigen Gesichtszüge, wie man sie auch in der Spätantike wiederfindet, mit großen Augen, langen Nasen, starren Mündern, auf denen sich kein Lächeln malt.

Die dolce vita der Römer, deren Hunger nach Weihrauch das Glück der „Arabia felix" sicherte, blieb auch den Nabatäern fremd, die in den Jahrhunderten um Christi Geburt den Handel in Nordarabien kontrollierten. Umso pompöser war ihr Totenkult: In Mada'in Saleh, dem antiken Hegra, schlugen sie prächtige Fassaden und Grabkammern in den Fels. Die Schätze, die dort ebenso wie im jordanischen Petra von Räubern später entwendet wurden, fanden sich einige hundert Kilometer südlich in Qaryat al-Faw, damals ein Knotenpunkt der Weihrauchstraße: Bronzespiegel, Götterstatuetten, Glasbecher, Silberkellen, Alabasterporträts, das ganze Repertoire antiker Luxusproduktion.

Die osmanische Herrschaft parkt woanders

Der um 100 nach Christus entstandene bronzene Kopf eines Mannes zeigt orientalische Gesichtszüge unter römischer Lockenpracht. Dass die Haarmode des flavischen Kaiserhauses bis in diese abgelegenen Gegenden gelangte, spricht Bände über die engen Beziehungen Roms zu Arabien, aber auch über die kulturelle Toleranz der Handelsstädte an der Peripherie des Reiches.

Am Ende der Antike brach der Weihrauchhandel aus verschiedenen, auch religiösen Gründen - das frühe Christentum verschmähte den Einsatz von Räucherwerk in der Liturgie - zusammen; dass der oströmische Festungsgürtel so rasch dem Ansturm des Islams erlag, hatte auch wirtschaftliche Ursachen. Die Ausstellung könnte hier einiges über den Zusammenhang von Offenbarung und profaner Ökonomie erklären. Stattdessen führt sie zentralperspektivisch auf die prunkvolle, um 1635 entstandene Tür und die golddurchwirkten Vorhänge der Kaaba in Mekka zu, die hier erstmals außerhalb Saudi-Arabiens gezeigt werden. In einem Seitenraum hängen Säbel und Mantel des ersten saudischen Königs Abd al-Aziz. Die Jahrhunderte des Kalifats von Bagdad und der osmanischen Vorherrschaft werden beiseitegeschoben, als hätte die Staatsgründung sie ausgelöscht. Die „Roads of Arabia" enden auf einem Parkplatz der Geschichte.

Man kann die Blickrichtung aber auch umkehren - und eben darin liegt der politische Clou der Ausstellung. Denn anders als die Pekinger Schau zur „Kunst der Aufklärung", mit der sie zu Unrecht verglichen wurde, ist die Präsentation im Pergamonmuseum kein Kultur-Kotau vor der Diktatur. Stattdessen zieht sie endgültig den Schleier beiseite, hinter dem die Fanatiker des Islam gern die gesamte arabische Frühgeschichte verschwinden lassen würden. Deshalb haben die „Roads of Arabia" in Paris, Barcelona und St. Petersburg ein begeistertes Publikum gefunden. Und deshalb wurden sie bisher auch noch in keinem islamischen Land gezeigt, und selbst in Riad liegen viele ihrer Schätze üblicherweise im Magazin. Diese Ausstellung, richtig verstanden, ist eine arabische Revolution. Man muss sie nur sehen.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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