http://www.faz.net/-gqz-8wivy

Seltene Elfenbeinportrtäts : Die Bürger im Blick, den Terror in den Knochen

Porträts auf Elfenbein, in Zeiten der Revolte mit der Lupe gezeichnet: Das Museum Unterlinden in Colmar erinnert an den begnadeten Miniaturenmaler Jean-Jacques Karpff.

          Genannt wurde er Casimir, weil seine Pariser Freunde im Atelier des Klassizisten Jacques-Louis David Mühe hatten, den Namen ihres empfindsamen und zarten Kollegen auszusprechen. Der Sohn eines Küfers kam aus einem Teil Frankreichs, in dem drei Jahrhunderte vor seiner Geburt geniale Künstler wie Martin Schongauer und Matthias Grünewald gewirkt hatten, aber in seiner Jugend nur mit größter Mühe jemand zu finden war, der die Vorlagen für die Textilmanufakturen zeichnen konnte, die am Oberrhein raschen Aufschwung nahmen, nachdem das im Jahr 1686 erlassene Stoffdruckverbot 1759 wiederaufgehoben war.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der junge Mann aus der Provinz zeigte Talent, ging nach Paris, machte sich einen Namen, gewann Auszeichnungen, wurde zu einem gefragten Porträtisten und einem der besten Miniaturenmaler seiner Zeit, kehrte revolutionsbedingt und eher unfreiwillig nach Colmar zurück, legte den Grundstein für das heutige Museum Unterlinden mit seinem weltberühmten Isenheimer Altar, erhielt mehrere Aufträge von Kaiserin Eugénie, die ihm gewogen, allerdings auch von imperial miserabler Zahlungsmoral war, und zog schließlich nach Versailles, in das Haus der zehn Jahre älteren, verwitweten Dichterin Victoire Babois. Hier, in Sichtweite des geplünderten und verwaisten Schlosses, starb er am 24. März 1829 im Alter von nur 59 Jahren, um danach so gründlich in Vergessenheit zu geraten, dass heute kaum jemand seinen Namen kennt: Jean-Jacques Karpff.

          Machtanspruch auf ungefestigtem Grund

          Seine Kunst hat auf hauchzarten Elfenbeinblättern überdauert, die weniger als einen halben Millimeter dick sind. Auf diesem Untergrund schuf er filigrane Porträts, die das neue Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums befriedigten. Der Adel wurde hingefegt, Karpffs Mäzen und Gönner, der Graf von Narbonne-Laura, ehemaliger Kriegsminister des guillotinierten Ludwig XVI. und ein Freund Talleyrands, flüchtete mit Hilfe der Madame de Staël, mit der er zwei Söhne hatte, nach London. Karpff musste seine Zukunftspläne begraben: Statt nach Rom, wo er seine Ausbildung als Historienmaler vollenden wollte, reiste er im Herbst des Jahres 1793 zurück nach Colmar, wo er die bürgerlichen Physiognomien seiner Heimatstadt, die damals etwa 13 000 Einwohner zählte, unter die Lupe legen sollte.

          Ein Miniaturenmaler braucht kein Atelier. Sein Arbeitsplatz ist so intim wie das Werk, das an ihm entsteht. Die Elfenbeinblättchen mit einer Seitenlänge von etwa fünf bis acht Zentimetern wurden geschliffen, entfärbt, entfettet, dann auf starkes Papier aufgebracht und unter einem Vergrößerungsglas fixiert. Mit verdünnter Tusche oder schwarzem Stift, wie ihn Karpff vornehmlich verwendete, entstanden Porträts, die überwiegend als Medaillons getragen wurden oder als Deckel kleine Schmuckschatullen zierten. Ihre Ikonographie folgte zunächst dem Vorbild der Porträts, die von den Abgeordneten der Nationalversammlung in zahllosen Kopien kursierten. Für den kleinbürgerlichen Geldbeutel boten vor allem in Paris zahlreiche Künstler Porträts an, die schnell und ohne großen Aufwand mit Hilfe einer Art Scherenschnitt-Technik entstanden.

          Miniaturporträts, wie sie Karpff und seine berühmteren Kollegen Boilly und Isabey schufen, waren weitaus kostspieliger, wenngleich längst nicht so teuer wie die Porträts in Öl und vor allem Pastell, wie sie Europas Adelshäuser etwa bei Élisabeth Vigée-Lebrun in Auftrag gaben. Das Miniaturporträt ist der ikonographische Ausdruck der Widersprüche des frühen nachrevolutionären Bürgertums: Der Machtanspruch ist erkennbar, bewegt sich aber noch auf ungefestigtem Grund und in bescheidenen Dimensionen, das Repräsentationsbedürfnis sucht sich eine private Form, die geradezu intim ist und sich von höfischem Prunk abkehrt. Die Miniatur ist für den kleinen Kreis bestimmt: den Geliebten, die Familie, die engsten Freunde. In einer Zeit des Umsturzes und der Ungewissheit, in der Köpfe rollen, Vermögen entstehen, Familien zerstreut werden und Väter und Söhne auf den napoleonischen Schlachtfeldern verbluten, ist die Miniatur das empfindsame Genre zur schweren Stunde. Denn sie ist dem „Leid der Zeit selbst entsprossen“, wie es Jean-Baptiste Isabey formulierte, der seine Arbeiten als „Portraits de consolation“ bezeichnete, als portable Trostbildnisse, die das Andenken an Exekutierte, Emigranten oder in der Schlacht Gefallene bewahren sollten.

          Während Isabeys Arbeiten vor allem zwischen 1789 und 1799 entstanden, widmete sich der nur drei Jahre jüngere Karpff erst später der Miniatur. Zunächst, nach 1793, sichtet und sichert er im gesamten Département Haut-Rhin alle Objekte, die ihm in künstlerischer oder historischer Sicht bedeutsam erscheinen. Die beschlagnahmten Kunstwerke, darunter auch der Isenheimer Altar, den Karpff in einem dickleibigen Inventarverzeichnis skizziert hat, versammelt er in einem Depot, das die Bezeichnung „Musée national de Colmar“ erhält. Karpff organisiert die jährlichen Revolutionsfeiern nach Pariser Vorbild, gründet eine Zeichenschule und lässt Gipsabdrücke antiker Skulpturen aus dem Louvre nach Colmar bringen. Sein heute verschollenes Porträt der Kaiserin erregt Aufsehen: David, sein Lehrer und Mentor, schreibt ihm 1809, „dass man die Kunst der Zeichnung nicht weiter voranbringen“ könne. Die von ihm entwickelte Schraffurtechnik, die seinen in Grisaille gehaltenen Miniaturen eine ungewöhnliche Tiefe und Lebendigkeit verlieh, fand niemals einen Nachahmer. Nach dieser reizvollen Ausstellung, für die zahlreiche Leihgaben aus Frankreich und Europa versammelt wurden, ist Jean-Jacques Karpff, der stets „das Erhabene im Blick“ behalten wollte und die Revolution in den Knochen hatte, nun wieder für viele Jahre unsterblich – in Colmar und auch ein wenig darüber hinaus.

          Jean-Jacques Karpff – Visitez au sublime. Musée Unterlinden, bis 19. Juni. Der Katalog kostet 35,– €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Zwischen Düsternis und Sinnlichkeit

          Oper Berlin wird 70 : Zwischen Düsternis und Sinnlichkeit

          Die Komische Oper Berlin wird siebzig. Für das Jubiläum wird tief in das Repertoires gegriffen: Barrie Kosky eröffnet die Saison mit seiner Inszenierung von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“.

          Endlich Dampf machen Video-Seite öffnen

          Treffen von May und Juncker : Endlich Dampf machen

          Das Stocken der Brexit-Verhandlungen sorgte zuletzt für viel Kritik. Nun machen Jean-Claude Juncker und Theresa May Dampf. Bis Dezember soll ein Plan für die Scheidung stehen.

          Topmeldungen

          Lindners Vision: Das Finanzministerium soll aus der Hand der CDU genommen werden.

          Interview mit FDP-Chef : „Alles, bloß kein CDU-Finanzminister“

          FDP-Chef Christian Lindner will verhindern, dass Kanzlerin Merkel im Finanzressort weiter durchregiert. Und er warnt sie im Gespräch mit der F.A.Z., während der Koalitionsgespräche in Brüssel neue Tatsachen zu schaffen.

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Wunderknabe aus Österreich

          Sebastian Kurz ist der neue Hoffnungsträger der europäischen Konservativen. Bei „Hart aber fair“ zeigt sich, dass Kurz vor allem von Politikern profitiert, die sich für die Probleme der Menschen als unzuständig erklären.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.