Home
http://www.faz.net/-gqz-12na6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung „Mauerfälle“ Das war unsere Revolution

07.05.2009 ·  Vor zwanzig Jahren nahm eine Gesellschaft, die brav und überangepasst schien, sich die Freiheit, über ihr Schicksal selbst zu verfügen. Eine Ausstellung auf dem Berliner Alexanderplatz feiert ein Volk, das die Welt veränderte.

Von Regina Mönch
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (1)

Hunderttausende hasten jeden Tag über diesen Platz, dem noch immer die Form fehlt und dessen karger Charme an ein Durchgangszimmer erinnert, das zu möblieren seine Benutzer auf irgendwann verschoben haben. Jetzt wird sich das ändern, für einige Monate wenigstens. In die Wege der hastenden Menschen sind Fotowände gestellt, die man natürlich links oder rechts liegenlassen könnte, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Doch wer innehält, kann sich in eine Geschichte begeben, die nur hier, auf dem Alexanderplatz erzählt wird im Jubeljahr 2009: Die Revolution von 1989 als Akt der Selbstbefreiung ganz normaler Menschen aus der Vormundschaft des SED-Staates.

Am Ende, nach Mauerfall und Wiedervereinigung, war nicht nur dieser Staat untergegangen, sondern ein ganzes Weltreich. Ein ziemlich marodes zwar, aber doch eines, das hochgerüstet war und ein halbes Jahrhundert lang Eigensinn und Zivilcourage und jede Sehnsucht nach Freiheit zu unterdrücken verstand.

Mut und Phantasie

An langen hohen Fotowänden entlang wird der Betrachter in diese Zeit hineingezogen, als eine unzufriedene und zerrissene Gesellschaft, die bis dahin brav und überangepasst schien, sich die Freiheit nahm, über ihr Schicksal selbst zu verfügen. Dass dazu nicht nur Mut, sondern auch Phantasie gehörte, die diesem Volk zuvor keiner zugetraut hat, gehört zum Subtext dieser Ausstellung.

In den bleiernen Monaten vor dem Herbst 1989 hatte das Land Hunderttausende seiner Bewohner verloren, zum Schluss jede Woche so viele, wie eine Kleinstadt Einwohner hat. Es waren nicht nur, aber vor allem die Jungen, die über die grüne Grenze in Ungarn verschwanden, aus dem falschen Leben ins richtige. Ihre Eltern standen in diesem Herbst auf der Straße und riefen „Wir sind ein Volk“. Auf dem Alexanderplatz aber wird auch erzählt, was geschah, bevor das Volk demonstrieren lernte und einem prügelnden Polizistenmob das Fürchten vor der gewaltlosen Freiheit lehrte. Es ist die Geschichte der Opposition, die zwar zahlenmäßig schwach war und doch in den bleiernen achtziger Jahren ein Netzwerk von gleichgesinnt Unzufriedenen gespannt hatte, was sich nun auszuzahlen begann. Herausragend in dieser einmaligen Geschichte zivilen deutschen Widerstandes ist der Erfolg des „Neuen Forums“, des Wunderkinds dieser Revolution.

Die Zeit war reif

Es war nicht als Massenbewegung gedacht und wurde doch eine, weil die Zeit dafür reif war. Der erste Aufruf, sich zu versammeln und vor allem sich zu erkennen zu geben, platzte in das Vakuum der großen Ratlosigkeit. Keine andere Bürgerbewegung hat so viele Menschen angezogen wie das „Neue Forum“ vor zwanzig Jahren, obwohl es, liest man heute den Gründungsaufruf, seltsam unbestimmt in seinen Zielen blieb. Vielleicht aber war es gerade diese Unbestimmtheit, die eine noch schweigende, ängstliche Menge bewog, sich anzuschließen. Für die SED und ihre Satrapen muss es besonders bitter gewesen sein, dass das „Neue Forum“ gerade jene zusammenschmiedete, die sich der Staatsvolk-Idee von Honeckers SED zunehmend verweigerten.

Schon nach wenigen Tagen war der Aufruf der dreißig Forum-Gründer in aller Munde, hundertfach von Hand abgeschrieben und weitergereicht. Es ist schon fast vergessen, dass dies in einem Land geschah, in dem außer der Staatssicherheit kaum jemand über Kopierer, ja nicht einmal jeder über ein Telefon verfügte. Die SED-treuen Medien hatten sich geweigert, den Aufruf abzudrucken, und pflichtschuldigst an die Stasi weitergereicht. Korrespondenten aus dem Westen hatten es immer schwerer, Kontakt mit Bürgerrechtlern aufzunehmen. Trotzdem gab es immer wieder in der ARD und im ZDF kurze Interviews, auf abenteuerliche Weise zustande gekommen, die im Osten millionenfach gesehen wurden und eine nicht geringe Mobilisierungskraft entfalteten.

Tee für wildfremde Menschen

Die Stasi wiederum, gefangen im eigenen weltfernen Bild, beklagte, wie immer mehr den ihrer Ansicht nach staatsfeindlichen Charakter des „Neuen Forums“ nicht erkannten. Wochenlang pilgerten stattdessen einander wildfremde Menschen aus der ganzen DDR zu den Wohnungen der Erstunterzeichner. Die gingen tagsüber durchaus noch einer normalen Arbeit nach, kochten nach Feierabend Tee für diese ständig wachsende Mitgliedergemeinde und stellten Bänke und geborgte Stühle in ihre Wohnzimmer, um die Nacht über zu diskutieren oder auch nur zuzuhören.

Es hat viele Ursachen für das Ende der DDR gegeben, die katastrophale Wirtschaftslage etwa und die Zweiklassengesellschaft aus Westgeldbesitzern und Habenichtsen, die Solidarno-Bewegung in Polen, der Prager Frühling, Gorbatschows Perestrojka und die Erosion des gesamten Ostblocks und schließlich die Massenfluchten. Doch eine Diktatur bricht erst zusammen, wenn ihr das Volk den Gehorsam verweigert, seine Angst verliert und sich verbündet gegen die Macht. Das vor allem wird hier erzählt.

Die Robert-Havemann-Gesellschaft hat diesen Geschichtsparcours der besonderen Art am historischen Ort der großen Demonstration ausgerichtet. Wenn alles gutgeht, wenn viele stehenbleiben und sich erinnern oder belehren lassen, könnte diese Ausstellung sogar das Bild über die DDR, die Ostdeutschen und ihre Revolution geraderücken, das in den letzten zwei Jahrzehnten reichlich verdreht wurde und fast verschwunden ist unter all den Legenden von vermeintlich entwerteten Biographien. Nicht das Kleinbürgerglück mit Spreewaldgurke und Trabi oder Zonen-Gabys erste Banane gehörten zu den Fixsternen dieser unglaublichen Zeit, sondern Vacláv Havel und Wolf Biermann, Bärbel Bohley und Jens Reich und Hunderttausende Namenlose, die den Mut fanden, ihr Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie hatten dafür kein Vorbild, nicht einmal Gewerkschaften und erst recht keine Versicherung, dass sich in Zukunft alles zum Besten richten würde.

Bis zum November dieses Jahres ist auf dem Alexanderplatz in Berlin noch einmal die rote Linie zu sehen, an der wir alle vor zwanzig Jahren standen und hinter der sich die Welt zu verändern begann.

An diesem Donnerstag, dem 7. Mai, erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die achtseitige Sonderbeilage „Mauerfälle. Eine Ausstellung in Berlin“. Darin unter anderem: eine Spurensuche, wer im Herbst 1989 als erstes die Losung „Wir sind das Volk“ rief, eine Reportage über die ehemaligen Schüler eines ostdeutschen Gymnasiums, deren erste Westreise im Oktober 1990 nach Rom führte, ein Glossar des Neuen Deutschland und die Erinnerungen Prominenter, wo sie am Tag des Mauerfalls waren.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr