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Veröffentlicht: 24.07.2017, 09:42 Uhr

Ausstellung über 1500 bis 1600 Die Welt ging vor 484 Jahren unter

Was prägte die Zeit von Luther, Kolumbus und Kopernikus? Eine Nürnberger Ausstellung zeigt Fortschrittsangst und Wissensdrang in einer Epoche, die Amerika vermaß und die Apokalypse erwartete.

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© GNM Nürnberg Wer den Kopf voll mit Wissen hat, trägt vielleicht schon längst eine Narrenkappe, ohne es zu merken: Der Kupferstich nach Jean de Gourmont II. entstand um 1600.

Als sich der Goldschmied David Altenstetter im Dezember 1598 in Augsburg vor Gericht für seine Religionsausübung rechtfertigen musste, tat er das mit erstaunlich modern anmutenden Argumenten. Er habe durchaus Predigten der katholischen wie auch der protestantischen Seite gehört, habe aber beschlossen, seinen eigenen Weg zu Gott zu gehen, durch das Studium geistlicher Schriften in den eigenen vier Wänden. Bemerkenswert ist daran zweierlei: zum einen das selbstbewusste Bekenntnis, auf den Ritus und die Unterstützung eines Mittlers zu verzichten, zum anderen aber, dass an deren Stelle nun die eigene Lektüre getreten ist. Altenstetter kam jedenfalls damit durch: Die angedrohte Folter blieb ihm erspart, und er verließ das Verhör als freier Mann.

Tilman Spreckelsen Folgen:

„Luther, Kolumbus und die Folgen“ heißt die Ausstellung, die jetzt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet wurde und auch ein Bündel von Dokumenten zum Fall Altenstetter aus dem Augsburger Stadtarchiv zeigt. Aber nicht den im Ausstellungstitel Genannten, zu denen hier als Dritter noch Nikolaus Kopernikus tritt, sondern jenen Folgen, die aus Reformation, Entdeckung Amerikas und dem heliozentrischen Weltbild im 16. Jahrhundert hervorgingen, gilt der umfangreichere und bei weitem interessantere Teil der Ausstellung. Luther, Kolumbus und Kopernikus werden in einer ersten Abteilung abgehandelt, dem Bild, das von ihnen jeweils heute besteht, wird dabei behutsam das der Zeitgenossen entgegengehalten oder ihnen auch ein Opponent gegenübergestellt: Luther blickt auf Erasmus von Rotterdam, Kolumbus bekommt es mit Amerigo Vespucci zu tun, und dass Kopernikus’ Weltbild wissenschaftlich lange nicht akzeptiert wurde, erfahren wir hier auch. Und dass sich Luther offenbar weder mit der neuen Welt noch mit der Neuen Himmelssicht groß beschäftigen mochte.

Diese Biographisierung am Anfang der Ausstellung, die mit Porträts und, im Falle Luthers, Handschriften wie Werkausgaben untermalt wird oder bei Kolumbus mit einem Bändchen mit eigenhändigen Notizen zum Wetter, motiviert allerdings auch die Präsentation einiger hinreißender früher Erdgloben, auf denen das irdische Paradies nun keinen Platz mehr hat, oder Weltkarten, die es noch ganz traditionell im Osten lokalisieren. Und während zum einen die religiös motivierte Bilderstürmerei jener Zeit durch drei Fragmente von Heiligenfiguren in Erinnerung gerufen wird, darunter ein zauberhafter, wohl aus Münster stammender Kopf einer Sandsteinstatue, die geradezu enthauptet wurde, sprechen die nur wenige Schritte entfernten Karten und Globen von einer gleichzeitigen Offenheit für den Wissenszuwachs aus aller Welt, der nach Europa kam.

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Besonders der größte und zentrale Raum, den die Ausstellungsarchitektur aus dem erstaunlich wandlungsfähigen Saal im Souterrain des Germanischen Nationalmuseums geschaffen hat, schwelgt im Nachweis dieses Aufbruchs: Die naturkundlichen Darstellungen blühten um 1530 geradezu auf, und die Bilder, die von Pflanzen und Tieren geschaffen wurden, wiesen einen entschiedenen Drang zum Realismus auf. Reisende brachten Nachrichten aus der Neuen Welt, berichteten vom Aussehen, von den Sitten und Gebräuchen der dortigen Einwohner oder verschleppten sie gleich nach Europa. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Bilder dieser Menschen in die Alte Welt und fanden weite Verbreitung. Eine großartige Auswahl ist in der Ausstellung zu finden, etwa im berühmten Trachtenbuch des Christoph Weiditz, geschaffen um 1530, das sich im Besitz des Museums befindet: Es zeigt Azteken, die der Künstler am spanischen Hof gesehen hatte.

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Zugleich aber sammelte man Anzeichen für die nahende Apokalypse und verbreitete auch diese in Flugblättern: seltsame Himmelserscheinungen, Missgeburten, Flutkatastrophen und dergleichen mehr. Immer wieder bezog man sich auf die Endzeitdarstellung der Bibel. Die Türken vor Wien etwa entsprachen in dieser Weltsicht den Völkern Gog und Magog. Mathematiker wie Luthers Protegé Michael Stifel berechneten den Zeitpunkt des Weltuntergangs: Stifel zufolge war dieser für den 19. Oktober 1533 um acht Uhr morgens zu erwarten, ein Datum, das Stifel um knapp 34 Jahre überleben sollte.

Dieses Nebeneinander aus Erkenntnisdrang und Angst vor Veränderungen darzustellen ist ersichtlich der Schwerpunkt dieser Ausstellung, und natürlich zielt sie damit auf unsere Gegenwart. Am eindrucksvollsten geschieht das in einer Abteilung, die zusammenträgt, was man in den aufkommenden Wunderkammern erwarten durfte, von Instrumenten zur Erd- und Himmelsbeobachtung über naturkundliche Präparate bis hin zu Automaten. Zugleich fehlt es nicht an Warnungen vor grenzenloser Neugier, wie sie sich etwa in der damals aufkommenden Faustsage ausdrücken oder in Spottbildern wie der von Jean de Gourmont II. gezeichneten Weltkarte, die von einer Narrenkappe bedeckt und von einer Seifenblase begleitet wird. Auch dem Goldschmied Altenstetter wurde das Religionsstudium auf eigene Faust nicht lange gestattet. Wenige Jahre nach dem Freispruch wurde er aufgefordert, sich endlich für eine Konfession zu entscheiden. Er wählte den Protestantismus.

Glosse

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Von Andreas Rossmann

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