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Ausstellung in Frankfurt Steuern zahlen? Nicht mit Goethe!

 ·  Sein Werk gilt als eines, in dem die ganze Welt steckt, auch die der Ökonomie. Eine Frankfurter Ausstellung widmet sich jetzt Goethes Bezug zum Geld.

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© Katalog Aus Papier Gold oder Wachstum: das schwarze Zauberbuch des Doctor Johann Faust, vorgeblich um 1530, in einer Handschrift von 1810

Ob am Anfang, christlich, das Wort war oder, faustisch, die Tat, verschwindet als Problem sofort, wenn die Tat aus bloßen Worten besteht, die trotzdem alles in Bewegung setzen. Zum Beispiel die Zentralbanktat. „Hiermit“, sagt die Zentralbank, „erklären wir diesen Schein für Geld, ihr könnt eure Schulden damit tilgen, müsst dafür freilich vorher einen Kredit bei uns aufgenommen haben, nur gegen Zinsversprechen gibt es Geld.“ Mit dem Kanzler am Hof des Kaisers aus Goethes „Faust II“ bestimmt sie: „Der Zettel hier ist tausend Kronen wert“ - nicht aber ohne zu ergänzen, „wir hätten dafür aber gern tausendundzehn zurück“.

In Goethes Welt um 1800 war es nicht die Zentralbank, sondern der Monarch selbst, der Staat, der das Geld und zwar zu eigenen Gunsten - etwa mit schlechten Münzen - in Umlauf brachte. Überschuldet war er meistens, der Hofstaat, beispielsweise der von Sachsen-Weimar-Eisenach. Von 1775 bis 1783 waren die Außenstände um das Siebenfache gestiegen, der Familienschmuck in Frankfurt schon verpfändet, an Ausgaben hingegen mochte der Herzog nicht sparen. Wie denn auch, die „Strumpfwürcker“ von Apolda hungerten doch bereits, und das Schloss war gerade abgebrannt. Einheit von Geld- und Fiskalpolitik bei nicht ersichtlichen Einsparmöglichkeiten und der Verführung zum politischen Geld: Kehren wir gerade in Goethes Welt zurück?

Eine ganze Metaphysik

Die heute eröffnende Ausstellung „Goethe und das Geld - Der Dichter und die moderne Wirtschaft“ im Frankfurter Goethehaus ist um den Papiergeldschwindel aus „Faust II“ herumgebaut. Sie und ihr ungemein lehrreicher Katalog erläutern den Sitz der berühmten Szene am Hof in den wirtschaftsgeschichtlichen Erfahrungen des 18. und 19. Jahrhunderts, als zum ersten Mal mit reinem Papiergeld experimentiert wurde. Sogleich stürzten sich damals alle von „Zeichen“ faszinierten Geister auf die Frage, ob das funktionieren kann.

Für die romantischen Zeitgenossen Goethes hing an der Bejahung dieser Frage eine ganze Metaphysik. Erschien ihnen doch auch die Sprache als ein System bloßer Zeichen. Gab man in der Liebe - gewissermaßen vorehelich - doch auch viele Blüten mit unklarer Sachdeckung aus. (Das Herzogtum Weimar schaffte einen Großteil seiner Schulden später durch eine russische Heirat aus der Welt, das waren noch Möglichkeiten!) Und hatte doch auch die idealistische Philosophie auf den Gedanken gesetzt, bloßer Wille vermöge Wirklichkeit zu schaffen.

Wohlhabend und gediegen

Goethes Reserven gegen diese Gedankenwelt sind deutlich. Die Münze der Poeten glänzte für ihn mehr als Gold, sie flackerte geradezu. Gegen die Papiergeldwirtschaft hatte er sich schon als Minister verwahrt. Im „Faust“ lässt er die Banknoten durch Schätze gedeckt sein, die angeblich irgendwo im Land vergraben lägen.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt gut, dass diese Reserviertheit Goethes aus seiner stadtbürgerlichen Herkunft stammte. Die Familie aus Handwerkern, Gastwirten, Weinhändlern, die eingebunden war ins Gewerbe wie in die Bankierskreise Frankfurts - Bethmann, von Metzler, Willemer -, lebte zunehmend wohlhabend, gediegen, aber nicht auf großem Fuß. Beeindruckend beispielsweise, dass die Eltern sich das Studium Goethes jährlich die Hälfte ihrer Ausgaben kosten ließen.

Die Wirtschaft wird europäisch

Diese und andere Berechnungen, die Vera Hierholzer als zuständige Wirtschaftshistorikerin angestellt hat, geben einen Eindruck, wie die bürgerliche Ökonomie geführt wurde. Ihre Ausgaben, aus den - ach, Germanistik! - noch völlig unerforschten Weimarer Haushaltsbüchern Goethes gezogen: vier Prozent jeweils für Steuern und die Kutsche, zwei Prozent jeweils für Wäsche und Almosen, eines für Gäste, fünf für Personal, fünfzehn Prozent für Wein.

Goethes Einnahmen: gut die Hälfte aus Honoraren, ein gutes Drittel aus Dienstbezügen, aber nur 0,3 Prozent aus Theatertantiemen! Oder die Zusammensetzung des Vermögens im Vergleich zu dem des Vaters und Großvaters: wenig Bargeld, überwiegend Staatspapiere, von denen sich zwei Generationen zuvor noch nichts findet. Die Wirtschaft, spürt man, wird selbst in der Provinz zunehmend europäisch. In England kommen neue Webstühle auf, und in Weimar versiegen die Steuereinnahmen.

Exemplarisch unterrichtet

So hält sich die Ausstellung, abgesehen von der kreditwirtschaftlichen Allegorie des „Faust“, der Apologie des Handwerkertums und der doppelten Buchführung im „Wilhelm Meister“ sowie manchem klugen Hinweis auf ökonomische Motive in Nebenstücken des Dichters - den Markt im „Jahrmarkt von Plundersweiler“ etwa -, in puncto Werk zurück. Skizziert werden die biographischen Stationen des Schriftstellers, der gegen Nachdrucke und um Privilegien zur Selbstverwertung kämpfte und dessen Honorare erst langsam, dann aber deutlich die der Spitzenverdiener der Epoche (Klopstock, Wieland, Jean Paul) überholten. Der „Manager“ Goethe, als Minister im zersplitterten Herzogtum für alles Mögliche zuständig, von den Bergwerken übers Theater bis zum Straßenbau, wird anschaulich. Schließlich der Steuerzahler Goethe, der es selbst bei vier Prozent Abgaben nicht lassen konnte, unzutreffende Angaben zu machen.

Sandra Richter, die für die germanistische Betreuung sorgte, und Vera Hierholzer haben den Auftrag des Freien Deutschen Hochstifts gut erfüllt: Man fühlt sich exemplarisch unterrichtet, weniger über einen Dichterfürsten mit ökonomischem Tiefblick als über eines der aufschlussreichsten Individuen seiner Zeit. Und man verlässt die Ausstellung mit der Ahnung, was einst die Bedeutung des Wortes „Bürgertum“ war.

Goethe und das Geld; bis zum 30. Dezember im Frankfurter Goethe-Haus. Der Katalog kostet 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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