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Frei Otto in Karlsruhe : Wenn Deutschland nur so wäre wie das, was er baute

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Niemandem gelang es so wie Frei Otto, aus Netzen und anderen Konstruktionen eine moderne Schönheit zu destillieren: Eine Schau in Karlsruhe feiert den 2015 gestorbenen Bau-Visionär.

          Die Kategorie „Freiheit“ wird selten genug mit Architektur in Verbindung gebracht. Meist ist, wenn es um das Bauen geht, von Zwängen die Rede. Umso bemerkenswerter, wenn ein Architekt, der schon von Haus aus mit einem sprechenden Vornamen ausgestattet ist, etwas schafft, das einer Idee von Freiheit so nahe kommt, wie das mit Baustoffen und Formen nur möglich ist – indem er die Architektur mit Hilfe neuester Errungenschaften der Wissenschaft und Technik von ihrer Schwerfälligkeit zu befreien sucht und neu erfindet – als Mimikry der Natur. Die Rede ist von Frei Otto, der mit seinen spektakulären, an futuristische Spinnweben erinnernden Dachkonstruktionen für das Olympiastadion in München berühmt wurde.

          Ihm, der 1925 in Chemnitz geboren wurde und vor knapp zwei Jahren in Leonberg starb, hat das ZKM in Karlsruhe in Zusammenarbeit mit dem Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau eine aufschlussreiche Ausstellung gewidmet. „Frei Otto. Denken in Modellen“ führt den Besucher direkt in die Lebens- und Gedankenwelt des Pritzker-Preisträgers, der als Visionär seiner Disziplin nicht nur die Bauästhetik des 20. Jahrhunderts, sondern auch das Bild der Bundesrepublik maßgeblich prägte.

          Man trifft im ZKM auf einen gigantischen, fünfzig Meter langen Tisch aus schwarzem Metall, auf dem die Gebäude, Entwürfe und Projekte von Frei Otto als Modelle versammelt sind. Wer die Ausstellung betritt, fühlt sich wie in einem Hangar und nicht wie in einem Museum, ein Effekt, der Frei Otto gefallen haben dürfte – denn nicht nur, dass er als Sproß einer Steinbildhauerdynastie in der Nähe von Chemnitz aufwuchs und sich schon früh für die Flugeigenschaften von Fasanenfedern und Papierfliegern begeisterte: Ein Lehrer an der Handelsschule inspirierte ihn damals dazu, den Segelfliegerschein zu machen und sich für die Leichtbauweise der Flügelkonstruktionen und Modellbau mit Membranbespannungen zu interessieren.

          „Das hängende Dach“

          Während der Kriegsgefangenschaft in der Nähe der französischen Stadt Chartres arbeitete er, der ab 1943 zum Jagdflieger ausgebildet worden war, dank seines Talents als Architekt und lernte, mit minimalen Mitteln Bauprojekte umzusetzen. Vor Ort verschaffte er sich einen Eindruck davon, wie es der Gotik gelungen war, die enormen Lasten des Dachgewichts diskret abzuleiten – ein frühes Beispiel für Leichtbau. Aviatik und Aerodynamik ziehen sich prägend durch Frei Ottos gesamtes Werk. So ist in der Ausstellung auch der Entwurf für ein silbernes Luftschiff zu sehen: eine Zeppelin-Utopie mit bauchigem Walkörper, deren Hülle pneumatisch durch den Innendruck geformt ist, einzig Kabine und Ruder sind starr. „Airfish 1“ weist seinen Erfinder als passionierten Ingenieur aus.

          Wie ein prägnantes Dach dem Gebäude sprichwörtlich Flügel verleihen und seiner irdenen Schwere entheben kann, davon handelt ein Großteil seiner realisierten Bauten. Nach der Wiederaufnahme des Studiums an der TU Berlin findet Frei Otto bald zu einem Thema, über das er 1954 promoviert: „Das hängende Dach“. Als Stipendiat geht er auf Studienreise nach Amerika und lernt dort Frank Lloyd Wright, Eero Saarinen und Ludwig Mies van der Rohe kennen; bis zu dessen Tod 1969 wird beide eine lebenslange Freundschaft verbinden. Im New Yorker Büro von Fred Severud sieht er Entwürfe der Raleigh-Arena in North Carolina, eine der ersten Großkonstruktionen mit hängendem Dach. Die nimmt er nach seiner Rückkehr zum Anlass, das Dach der Berliner Kongresshalle als zu schwerfällig und kompliziert zu kritisieren.

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