Home
http://www.faz.net/-gqz-o8hb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung Ich mach dir mal ein Tape

11.12.2003 ·  Die Frankfurter Ausstellung „Kassettengeschichten - Von Menschen und ihren Mixtapes“ zeigt die vom Aussterben bedrohte Kassette als Speicher von Emotionen und Erlebnissen.

Von Daniel Knellesen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„David + Greta = Herz“ steht in großen Buchstaben auf der Kassette. Vor fünf Jahren hat David die Kassette für seine damalige Freundin Greta aufgenommen. Greta fuhr für sechs Wochen in den Urlaub, und David schickte ihr die Kassette nach, zusammen mit einem T-Shirt, das nach ihm roch. Auf der Hülle stehen nicht wie üblich die Titel der Songs, sondern gemeinsame Erlebnisse, die beide mit einem bestimmten Lied verbinden, so etwa das "wirfahrennachHamburg-lied" (Radiohead) oder das "kasseturmkomplimente-lied" (James Brown), benannt nach der Weimarer Disco "Kasseturm", in der sich David und Greta kennenlernten. „Sie ist unersetzlich für mich“, sagt die 22jährige, speichert die gemixte Kassette doch bestimmte Emotionen und Gedanken gleich einem Archiv. Als die Freundschaft in die Brüche ging, räumte Greta alle gemeinsamen Sachen in eine Kiste, nur die Kassette nicht, „auch wenn ich sie seitdem nicht mehr gehört habe.“

Einundzwanzig ähnliche Geschichten sammelt die Ausstellung "Kassettengeschichten - Von Menschen und ihren Mixtapes" im Frankfurter Museum für Kommunikation. In ebensovielen Vitrinen liegen Kassetten und Texte, Hörstationen führen in die Welt der Mixkassetten. Großformatige Porträts des Hamburger Fotografen Stefan Malzkorn zeigen die Menschen hinter den Tapes. Hervorgegangen ist die Ausstellung aus einer Studie über Mixkassetten des Hamburger Instituts für Volkskunde unter der Leitung von Gerrit Herlyn und Thomas Overdick, die zum ersten Mal das Phänomen "Mixtape" wissenschaftlich untersuchten. Über 120 Mixtaper gaben Auskunft über ihre Aufnahme- und Mixgewohnheiten und ermöglichten Einblicke in ihre Audiobiographie.

„Soundtrack meines Lebens“

Das Aufnehmen einer Kassette spiegelt immer auch ein Nachdenken über das eigene Selbst, eine Erkenntnis, die schon Nick Hornbys Helden Rob in dem Roman "High Fidelity" vor scheinbar unlösbare Probleme stellte. "Schenk mir ein Mixtape, und ich sage dir, wie du dich gerade fühlst", sagt auch die 24jährige Studentin Raphaela. Seit mehreren Jahren nimmt sie regelmäßig Kassetten auf. "Die Ärzte", "The Cure", "The Fugees": der „Soundtrack meines Lebens.“

Für kaum etwas eignet sich die selbstgemixte Kassette darüber hinaus so gut wie als subtil versteckte Liebeserklärung. „Immer wenn mir eine Frau gefallen hat, dann habe ich versucht, ihr mittels eines Tapes mitzuteilen, daß ich sie gut finde“ sagt Steven aus Hamburg und fügt hinzu: „Die Musik kann sehr viel ausdrücken.“ „Wenn es hart auf hart kam, konnte man sich damit rausreden, daß das einfach nur ein Stück Musik war, das man gut fand“, erzählt der Schallplattenverkäufer Andre.

Ein "Jungsding" ist das Aufnehmen von Kassetten aber nicht, zehn der in der Ausstellung vertretenen Mixtaper sind Frauen. Auch bei der Wahl der Songs lassen sich keine geschlechtlichen Unterschiede erkennen, aufgenommen wird, was am besten zum eigenen Lebensgefühl paßt, in der Regel Popsongs der letzten drei Jahrzehnte.

Doch befindet sich die Kassette wirtschaftlich auf dem Rückzug. Nur noch 24 Millionen Leerkassetten wurden 2002 verkauft; das ist nicht mal ein Sechstel des Absatzes in den achtziger Jahren, und die Industrie hat wenig Interesse daran, den Kassettenmarkt aufrecht zu erhalten. Dabei sind es gerade die Nachteile des Magnetbandes, die seine Liebhaber so schätzen: „Die Kassette rauscht, hat einen dumpfen Klang, sie ist einfach lebendiger als eine CD“, erzählt der 23jährige Markus. Und wie es mit den meisten Gefühlen geschieht, so stirbt auch die Kassette eines Tages. Musik ist dann nicht mehr zu hören; was bleibt, ist alleine ein Rauschen.

„KassettenGeschichten - Von Menschen und ihren Mixtapes“ ist bis zum 8. Februar 2004 im Museum für Kommunikation in Frankfurt zu sehen

Quelle: @dkne
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr