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Ausstellung: Frankfurter Schule Warum nicht die Radfahrer?

17.09.2009 ·  Den Sozialforschern stellte sich die Frage nach dem Judentum, nachdem sie als Juden vertrieben worden waren: Eine Ausstellung in Frankfurt widmet sich Exil und Rückkehr der Frankfurter Schule.

Von Jürgen Kaube
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Die These dieser Ausstellung manifestiert sich im Ausstellungsort selbst. Denn dass ein Jüdisches Museum zeigt, wie die Rückkehr der Frankfurter Schule und ihrer Mitglieder aus dem amerikanischen Exil nach 1945 in ihre Heimatstadt verlief, scheint sagen zu wollen: Diese Gruppe von Philosophen und Sozialwissenschaftlern war vielleicht nicht, wie es ein spöttisches Wort Gershom Scholems wollte, eine jüdische Intellektuellensekte, aber sie gehört doch in die Geschichte des Judentums.

Schaut man sich den engeren Kreis des Instituts für Sozialforschung an, das in der Weimarer Republik das Zentrum der erst später so genannten Schule bildete, dann stimmt diese These fraglos als eine über Herkunft. Von Max Horkheimer über Theodor W. Adorno, der noch in seinem in der Ausstellung gezeigten amerikanischen Pass Theodor Ludwig Wiesengrund hieß, bis zu Herbert Marcuse und Leo Löwenthal kamen die Frankfurter Lehrer allesamt aus jüdischen Familien.

Allerdings hatten nur Löwenthal und Erich Fromm in ihrer Jugend das Judentum zeitweilig auch als ihre Konfession entdeckt. Max Horkheimer wiederum wurde erst spät wieder religiös. In Synagogen dürfte man jedenfalls die meisten der Philosophen nicht oft angetroffen haben. Darum wird auch diese Ausstellung, so wie andere ideengeschichtliche Versuche, aus jüdischer Herkunft auf Zugehörigkeit zum Judentum zu schließen, von der Rückfrage des Kunsthistorikers Ernst Gombrich wie von einem Schatten begleitet, ob das nicht ein paradoxer Tribut an Hitler ist, der als Erster nicht gelten ließ, dass jüdische Herkunft zurückgelassen werden kann, weder durch Konversion noch durch Desinteresse.

Brückenschläge

Die von Monika Boll und Erik Riedel konzipierte Ausstellung wendet sich dieser Rückfrage offensiv zu. Sie zeigt und dokumentiert im äußert lesenswerten und materialreichen Katalog, wie sich den Sozialforschern die Frage nach dem Judentum selbst stellte, nachdem sie als Juden ins Exil getrieben worden waren. „Warum die Juden“, fragte Leo Löwenthal damals ebenso sarkastisch wie ratlos in einem Brief, „warum nicht die Radfahrer?“ Im selben Ausstellungsraum, in dem dieses Zitat angeschrieben ist, stehen als Platzhalter der Diskussionen des exilierten Instituts die Ankündigung des Politikwissenschaftlers Franz Neumann, ein Buch über den NS „ohne das Judenproblem“ zu schreiben, um zu beweisen, dass das geht, sowie die ganz entgegengesetzte Position Adornos und Horkheimers, das besondere Los der Juden offenbare das allgemeine der Menschheit.

Als die Frankfurter Schule später ausschließlich für eine raffinierte Form eines soziologischen Marxismus galt, dem das Proletariat und die daran geknüpften Aussichten abhandengekommen waren, kannte man Briefstellen wie diejenige Adornos nicht, der 1940 meinte, die Position des Proletariats komme inzwischen dem Judentum zu. Die Juden als eine Klasse an und für sich die Träger der Geschichte? Sollte nicht Wirtschaft, sondern das religiöse Gefühlsleben der historische Grundstoff sein? Adorno kombinierte beides, wenn er den sinnlosen Judenhass als Darwinismus interpretierte: Die Konkurrenz werde noch von denen angebetet, die in ihr unterlägen, weil sie sich immerhin für „fitter“ hielten als die Juden. Man dürfte ganze Seminare über so einen Brückenschlag abhalten können. Im Exil hatte das Institut jedenfalls insofern mit jener Umbesetzung Ernst gemacht, als an die Stelle von „Ausbeutung“ als Schlüsselbegriff für historisches Unheil die Kategorie des „Vorurteils“ trat.

Fernsehauftritte

So kamen Horkheimer und Adorno denn auch Ende der vierziger Jahre nicht nur als Philosophen zurück nach Deutschland, sondern als Sozialpsychologen der deutschen Katastrophe und ihrer Folgen. Das ging so weit, dass sich das Institut nach kontroversen Debatten mit Gutachten zur Personalrekrutierung am Wiederaufbau der Bundeswehr durch die „Dienststelle Blank“ beteiligte. Überhaupt zeigt die Ausstellung Max Horkheimer, der 1949 als Erster endgültig wiederkam und schon 1951 zum Rektor der Goethe-Universität gewählt wurde, als großen Netzwerker der frühen Bundesrepublik. Die Kontakte zur hessischen Landesregierung waren eng, Friedrich Pollock, der Finanzminister des Instituts, nannte Horkheimer, von dem es Fotos mit einem Bundespräsidenten und drei Kanzlern gibt, eine „persona gratissima“ in Bonn.

Sogar ins Fernsehen schaffte es Horkheimer durch den verehrungswürdigen Dagobert Lindlau, der ein in der Ausstellung in langen Auszügen zu sehendes Porträt von Frankfurt ganz aus der Perspektive des Philosophen drehte. 1964 war in der ARD so etwas sogar zur besten Sendezeit möglich. Wie sprechend dann aber wiederum, dass selbst des einflussreichen Horkheimers Wiedergutmachungsverfahren sich zwölf Jahre hinzog. Man könnte hierin bitter ein Beispiel für die besonders sorgfältige Gewaltenteilung sehen, mit der in der frühen Bundesrepublik Rechtsfragen der NS-Schuld behandelt wurden.

Handschläge

Als die Vertriebenen nach 1945 zurückkehrten, wussten sie nicht, wem sie die Hand geben konnten. Adorno notiert die albtraumhafte Wahrnehmung eines Frankfurt, in dem durch Zerstörung nichts mehr an seinem Platz war, Leo Löwenthal hält fest, dass er in seiner Heimatstadt fast niemanden mehr kannte, weil die Bekannten entweder jüdisch oder links oder beides gewesen waren. Tatsächlich kehrt auch nicht die Frankfurter Schule zurück, sondern sind es Horkheimer und Adorno.

„Eigentlich gibt es Frankfurt nicht mehr“, schreibt Letzterer 1949 in sein Tagebuch, „aber das Leben wirkt normal.“ Das sprechendste Dokument seiner Einstellung zur Frage, wem man die Hand noch geben kann, ist ein Brief an den Philosophen Günther Anders, der sie noch 1963 dem nationalsozialistisch engagierten und wenig reumütigen Philosophen Arnold Gehlen bei einem gemeinsamen Treffen verweigert hatte. Wichtig sei, so Adorno, nicht die Hand, sondern dass nichts an den Texten, die sie schreibe, kleben bleibe. Jede ungehobelte Geste aber und billiges Demonstrieren, gibt er Anders deutlich zu verstehen, bleibe ihm fremd. Man kann solche Dokumente nicht ohne große Dankbarkeit dafür lesen, dass es zu jener Rückkehr kam.

Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland. Bis zum 10. Januar 2010. Das Begleitbuch zur Ausstellung ist im Wallstein Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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