10.02.2002 · Das Deutsche Guggenheim Berlin zeigt eine Video-Installation des amerikanischen Medienkünstlers Bill Viola: eine digitale Offenbarung.
Von Roland Schappert, Berlin„Going Forth By Day“, Bill Violas neueste Videoinstallation, zeigt überraschend deutlich die Botschaft einer modernen Offenbarung. Mit digitalen Videotricks und dem Eindruck alter Freskomalerei schuf dieser Pionier der Medienkunst im Auftrag der Deutschen Guggenheim Berlin nichts Geringeres als einen „Führer für die Seele“.
Ein großer Saal, fünf Projektionen auf vier Wänden: Auf die Stirnseite wird eine weiße Fassade mit Hauseingang Nr. 29 projiziert. Passanten kehren ein und aus, warten vor dem Haus, transportieren Gegenstände. Die Besucher des abgedunkelten Ausstellungsraumes betrachten offensichtlich gebannt das Geschehen. Auf der rechten Seite ein völlig anderes Setting: Wieder mit einer statischen Kamera aufgenommen, steht am Rande eines Hügels ein kleines Häuschen, dessen Vorderwand fehlt. An den Fuß des Hügels grenzt unmittelbar das Ufer eines weiten Sees. Ganz langsam wird dort ein Boot beladen. Schwere Möbel, Kisten, Lampen - als wäre es ein ganz normaler Umzug. Auf der linken Bildseite innerhalb des Häuschens: Ein junges Paar pflegt einen Sterbenden am Totenbett. Kulissenhafte Beleuchtung. Ein Mann vor der Tür hält Wache.
Plötzlich folgt unvorstellbarer Lärm. Die Besucher der Ausstellung wenden sich zurück, beobachten wieder gebannt Fassade Nr. 29. Menschen rennen jetzt panikartig aus dem Haus. Und dann sintflutartige Wassermassen, die Menschen und Möbelstücke mitreißen. Fenster bersten, Wasser strömt minutenlang.
Ein Lebensweg
Mit „Going Forth By Day“, einer Anspielung auf die wörtliche englische Titel-Übersetzung des ägyptischen Totenbuchs, wollte Viola einen fünfteiligen Gesamtzyklus menschlicher Elementarerfahrungen entwerfen. Die als Endlosschleife präsentierten, zirka fünfundreißig Minuten dauernden Wandprojektionen sind wie die Stationen eines Lebensweges betitelt:
„Feuer-Geburt“ lässt schemenhaft eine menschliche Gestalt erkennen, schwimmend in einer feurig durchscheinenden Flüssigkeit. „Der Weg“ ist eine extrem langgezogene Projektion und verkörpert eine Prozession, die nach Violas Aussage „weder Anfang noch Ende“ hat. Zu sehen sind unterschiedlichste Menschen jeden Alters, die in endloser Folge durch einen Gebirgswald schreiten. „Die Sintflut“ zeigt die Fassaden-Flutung, „Die Reise“ die Häuschen- und Boot-Szene. „Das erste Licht“ konfrontiert ganz direkt moderne Lebenswelt mit Überweltlichem: Rettungsarbeiter, die bei einer Sturzflut am Rande einer Wüste tätig waren, packen erschöpft ihre Ausrüstung ein. Während es allmählich hell wird, schlafen sie ein und verpassen die Auferstehung eines Jünglings. In Violas Worten: „Er erhebt sich, matt und triefend nass, und fährt zum Himmel auf.“
Religiös, mystisch oder digitale Offenbarung?
Der Künstler zaubert wie aus dem Nichts religiöse Symbolik aus dem See. Alles nur digital, versteht sich. „Da regt sich etwas unter der Wasseroberfläche. Das Gesicht eines Jünglings erscheint.“ Viola vertritt im Interview den Anspruch, Offenbarung und Technologie neu zu vereinen. Er beruft sich hierbei auf persönliche Grenzerfahrungen und untermauert seine Arbeit mit Thesen von Religionsforschern wie Houston Smith. Und dann führt er noch die Computer-Revolution mit dem großen Projekt der Chromosomenforschung zusammen - für ihn Anzeichen für die Existenz eines universalen Codes.
Viola liebt das Denken in Synthesen und das Inventar der Tradition. Letzteres ist für ihn kein postmoderner Steinbruch und auch keine Grenze, die es in strengen historischen Diskursen rückzuerobern gilt. Der Weltreisende verbindet sein umfassendes Wissen über Kunstgeschichte, Religionen und Mystik mit persönlich Erlebtem und konstruiert damit eine anspielungsreiche Offenbarungsgeschichte vom Kreislauf des Lebens. Er bezieht sich auf die Fresken Giottos, an die die Komposition und narrative Struktur seiner Projektionen entfernt erinnern. Er bewundert die Renaissance-Künstler Italiens, deren Werke er Mitte der 70er Jahre in Florenz kennenlernte.
Und doch verlässt man die Ausstellung nicht ohne ein mulmiges Gefühl im Bauch: Zeigt sich hier die künstlerische Interpretation einer mystischen - vielleicht religiösen Erfahrung? Oder die digitale Offenbarung der perfekten Illusion?