09.04.2003 · Eine Frankfurter Ausstellung zeigt Indianerfilme aus Ost und West. Der größte Unterschied: Im Westen waren Winnetou und Shatterhand dicke Freunde, im Osten wäre das nie möglich gewesen.
Von Tilman SpreckelsenLiselotte Welskopf-Henrich war sehr ungehalten. In einem Brief vom September 1965 an die Defa erregte sich die Althistorikerin und Erfolgsautorin über die Verfilmung ihres Indianerromans "Die Söhne der großen Bärin" und geißelte die mangelnde Sorgfalt im Detail. "Völlig unmöglich" sei beispielsweise "der Badesteg, auf dem die Jungen sitzen. Ein Indianerdorf ist kein Campingplatz der DDR!" Um das Ansehen der ostdeutschen Filmindustrie zu wahren, sah die Autorin nur eine Lösung: "Der Badesteg, der uns nur international lächerlich machen würde, muß unbedingt herausgeschnitten werden, auch wenn - leider - die ganze Badeszene damit wegfällt."
Daß der Aufschrei der Autorin aus westdeutscher Perspektive kurios anmutet, illustriert sehr deutlich die unterschiedlichen Intentionen, die dem Filmschaffen in Ost und West zugrunde lagen, wenn es in den sechziger Jahren um Indianer ging. Während sich Horst Wendlandts Rialto-Film und Artur Brauners CCC nicht allzuviel um die historischen Hintergründe ihrer Wildwestgeschichten scherten, nahm die Defa ihren Bildungsauftrag sehr ernst: Wer sich "Die Söhne der großen Bärin", "Chingachgook, die große Schlange", "Spur des Falken" oder "Weiße Wölfe" ansah, sollte dabei auch möglichst authentische Indianerdörfer vorgeführt bekommen, mit spielenden Kindern und kochenden Frauen, mit Zelten und Schwitzhütten, eben Siedlungen, in denen es sich friedlich leben ließ, bis die Aggression der Imperialisten die Rothäute daraus vertrieb.
Im Saloon sind sich Ost und West einig
"Winnetou und sein roter Bruder" heißt eine Ausstellung, die jetzt im Frankfurter Filmmuseum Indianderfilme aus dem geteilten Deutschland präsentiert. Neben zahlreichen Fotos und Dokumenten zur Entstehungsgeschichte der Filme ist das Herzstück der Ausstellung der unmittelbare Vergleich der Produktionen am Bildschirm. In mehreren Stationen werden, nach Themen wie "Saloon", "Indianerdorf" oder "Sterben" geordnet, Filmszenen aus Ost und West gegeneinander geschnitten, und es ist bezeichnend, daß man nur in wenigen Fällen auf Anhieb die Herkunft der jeweiligen Szene erkennt. So dient in den Prügelszenen aus dem unvermeidlichen Saloon vor allem das Grinsen des jungen Götz George als Zeichen für eine westdeutsche Produktion, größere Unterschiede in der Dramaturgie oder der Ausstattung lassen sich dagegen nicht erkennen.
Unterschiede im Tipi
Im Indianerlager ist das anders. Die Bilder, die in Ost und West vom Verhältnis zwischen Indianern und Weißen gezeichnet werden, unterscheiden sich sehr: Während sich ein Zusammenleben in den ostdeutschen Produktionen aufgrund prinzipieller Interessengegensätze nicht denken läßt, sind es in den Filmen aus dem Westen immer wieder einzelne Schurken, die für Zwietracht unter den Volksgruppen sorgen. Das entspricht durchaus den Vorlagen aus der Feder Karl Mays - und indem diese Filme sein interkulturelles Vorzeigepaar Winnetou und Old Shatterhand in den Mittelpunkt rücken, weisen sie die beiden Blutsbrüder auch als Keimzelle eines konfliktfreien Umgangs zwischen Weiß und Rot aus. Verkörpert wurden sie von Pierre Brice und Lex Barker, der eine am Anfang, der andere fast am Ende seiner Karriere. Ein Foto dieser Ausstellung zeigt sie in einer Drehpause auf einem Liegestuhl, zwar unter einer gemeinsamen Decke, aber mißmutig in verschiedene Richtungen schauend; hinter ihnen hält ein großer roter Schirm den Regen ab.
Von der einfachen Rothaut zum Häuptling
Viel mehr als Barker erscheint in dieser Ausstellung der Jugoslawe Gojko Mitic als Pendant zu Brice. Daß er als ostdeutsche Antwort auf Winnetou erscheinen konnte, verdankt er allerdings den westdeutschen Produktionen, in denen er entdeckt wurde: anfangs als Komparse, 1964 in "Unter Geiern" auch in einer größeren Rolle. Ein Filmbild zeigt den sanften Pierre Brice als Winnetou, neben ihm läuft ein großer muskulöser Indianer mit nacktem Oberkörper und einer Feder im Haar: Gojko Mitic als Wokadeh. Seine erste Hauptrolle spielte er 1966 in "Die Söhne der großen Bärin", später wirkte er noch in dreizehn weiteren Indianerfilmen mit. Anders als Brice war er nicht auf eine Rolle festgelegt, sondern verkörpert eher einen bestimmten Typus in verschiedenen Rollen, den gewandten und listigen Kämpfer, während der melancholische Apachenhäuptling unter den Filmindianern ein Solitär ist. Allerdings hat auch Mitic nach der Wende den "Winnetou" gespielt: als Nachfolger von Pierre Brice im Kalksteinbruch von Bad Segeberg.
Auf der Suche nach der richtigen Schlucht
Für die westdeutschen Indianerfilme gab meist Kroatien die Kulisse ab. Auch die Defa drehte hier, so daß manchmal die Filmteams aus Ost und West im gleichen Hotel wohnten. Die Schau zeigt Fotos und Dokumente von der Suche nach der richtigen Schlucht, dem geeigneten See, der passenden Hochebene - waren sie einmal gefunden, tauchten sie gleich in mehreren Filmen auf. Hartnäckige Fans fuhren später nach Kroatien, um am Zrmanja-Fluß oder an den Plitvicer Seen das Apachenlager oder den Silbersee zu finden, aber auch jede Veränderung festzuhalten: "Früher, zu den Dreharbeiten", schreibt einer von ihnen, der seine Fotos und Notizen an die Ausstellung gegeben hat, "waren an der eingezeichneten Stelle noch drei schmale Bäume vorhanden. Diese sind heute nicht mehr vorhanden, und der Wasserspiegel ist viel höher als damals." Frau Welskopf-Henrich hätte diese Akribie gefallen.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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