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Ausstellung: Charles Dickens : Ein Löffel Haferschleim ist nicht genug

  • -Aktualisiert am

Charles Dickens, vielbeschäftigt, in einer französischen Karikatur Bild: The Charles Dickens Museum, London

Der erste literarische Superstar: Eine Literaturausstellung im Zürcher Strauhof feiert den unnachahmlichen Charles Dickens, der nächstes Jahr zweihundert Jahre alt geworden wäre.

          In England ist er „der Unnachahmliche“. Jedes lesende Kind, jedes bessere Wörterbuch kennt Begriffe wie „pecksniffian“ (scheinheilig), Figuren wie Mr.Micawber, den jovialen Hallodri, die angesäuselte Hebamme Mrs.Gramp, den Hausdiener Sam Weller oder den Geizhals Scrooge. Bei uns hingegen ist Charles Dickens, trotz Arno Schmidts Fürsprache, ein ziemlich toter Hund, ein Fall für sentimentale Weihnachtsmärchen oder Gender-Studies. Dass er kaum noch gelesen wird, liegt auch an den veralteten Übersetzungen. Melanie Walz hat gerade gezeigt, wie sich diesbezüglich „Große Erwartungen“ erfüllen lassen (F.A.Z. vom 8.Oktober).

          In England wird der zweihundertste Geburtstag von Dickens am 7.Februar 2012 groß gefeiert, im deutschen Sprachraum nur mit einer kleinen Ausstellung im Zürcher Strauhof. Die sechs Kämmerchen sind mit Stellwänden, Tafeln und Vitrinen so eng bebaut, dass für thematische Schneisen wenig Platz bleibt. Der Titel der von Thomas Schlachter, unter anderem bekannt als genialer Wodehouse-Übersetzer, kuratierten Ausstellung spielt an auf den letzten, unvollendeten Dickens-Roman „The Mystery of Edwin Drood“, an dessen Rätseln sich schon viele Sequel-Autoren, Kriminalisten und Spiritisten die Zähne ausgebissen haben.

          Er gab seiner Frau den Laufpass

          Die Geheimnisse, die im Strauhof in biographisch-chronologischer Ordnung gelüftet werden, sind eher profan: frühkindliche Kränkungen, enttäuschte Hoffnungen, Skandale und ein märchenhaftes Happy End. Am Anfang landet der Vater im Schuldgefängnis und der zwölfjährige Charles in der Schuhwichsefabrik, aber er lässt sich nicht mit einem Löffel dünnen Haferschleims abspeisen: Oliver Twists berühmte Bitte um Nachschlag - „Please, Sir, I want some more“ - wird das Motto seines Lebens. Am Ende ist Dickens der meistgelesene Autor seiner Zeit, Vater von neun Kindern, fünfzehn voluminösen Romanen und fünf unverwüstlichen Weihnachtserzählungen und stolzer Besitzer von Gad’s Hill, dem Herrenhaus, von dem er schon als bettelarmes Kind träumte.

          Charles Dickens mit seinen Töchtern, Mamie und Katey im Garten von Gad's Hill, um 1865
          Charles Dickens mit seinen Töchtern, Mamie und Katey im Garten von Gad's Hill, um 1865 : Bild: The Charles Dickens Museum, London

          Nicht immer war Dickens der Selfmade-Gentleman, der er sein wollte, schon gar nicht im Umgang mit Frauen. So rächte er sich etwa an seiner Jugendliebe, der Bankierstochter Maria Beadnell, für die Abfuhr mit Figuren wie der kalten Schönheit Estella oder der fülligen Schwatzbase Flora Finching. Dickens warf seiner Frau Catherine ihre dauernden Schwangerschaften vor und gab ihr schließlich 1857 für die achtzehnjährige Schauspielerin Ellen Ternan den Laufpass. Immerhin ließ er sich von seinem gesellschaftlichen Aufstieg nie blenden oder gar den sozialkritischen Furor abkaufen: Seine Romane wurden im Gegenteil immer düsterer, bitterer und komplexer.

          Die schillernden Fettaugen des Realismus

          Weil das Londoner Dickens-Museum seine Reliquien derzeit schwer entbehren kann, fanden nur wenige Originale den Weg nach Zürich, etwa ein Reisesekretär aus Mahagoni oder der „Little Wooden Midshipman“ aus „Dombey and Son“. Die Ausstellung macht aber aus der Not eine Tugend und illustriert Dickens’ Leben und Romane vor allem mit Stichen und Filmsequenzen. Das entspricht dem Stellenwert der Bilder im Werk von Dickens: Keiner konnte so plastisch skurrile Figuren und pittoreske Straßenszenen malen wie der Parlamentsstenograph und Vollblutreporter mit dem fotografischen Gedächtnis. London, der hassgeliebte, brutale Moloch, war die „Laterna magica“ und das Brennglas seiner ausschweifende Phantasie; als er 1846 fünf Monate in der Schweiz verbrachte, vermisste er am meisten seine täglichen Wanderungen durch die Stadt. Mit seinen detaillierten Anweisungen brachte Dickens seine Illustratoren zur Verzweiflung, aber dafür brannten sich seine Geschöpfe dann auch ins kollektive Bewusstsein ein. Noch Roman Polanski zeichnete 2005 bei seiner Verfilmung von „Oliver Twist“ den jüdischen Hehler Fagin nach dem Vor-Bild George Cruikshanks.

          Charles Dickens mit 40 Jahren, 1852
          Charles Dickens mit 40 Jahren, 1852 : Bild: The Charles Dickens Museum, London

          Dickens war seiner Zeit voraus. Nicht unbedingt als Erzähler, obwohl Autoren wie Dostojewski, Chesterton, Kafka und selbst Eisenstein, Adorno und T.S. Eliot ihn als Bruder und „Generalstabschef der Schriftstellerkunst“ (Robert Walser) verehrten. Dickens war ein Kind des schrecklich gemütlichen Viktorianischen Zeitalters; in den „Pickwick Papers“, der Ursuppe, aus der alles hervorging, sind unter den schillernden Fettaugen des Realismus noch die alten Muster des pikaresken Romans zu erkennen.

          Sein maßloses Schreiben brachte ihn um

          Revolutionär war Dickens vor allem als Selbstvermarkter. Er entwickelte das neue Genre des Fortsetzungsromans zur Serienreife und kontrollierte als erster Superstar der Literatur die ganze Verwertungskette vom Manuskript bis zum Merchandising-Katalog der Sammelbilder und Pickwick-Hüte. Der geschäftstüchtige Dickens, der schon als Kind seine Schülerzeitschrift gegen Murmeln verkauft hatte, konnte es sich erlauben, Verleger, Buchhändler und Kritiker zu verprellen: Er verfügte mit Zeitschriften wie „Household Words“ und „All the Year Round“ über eigene Vertriebskanäle, und wenn der Verkauf stockte, korrigierte und improvisierte er munter drauflos oder wandte sich direkt an sein treues Publikum.

          Eben diese Macht wurde ihm zum Verhängnis. Als er seine Ehekrise publik machte, gingen selbst enge Freunde auf Distanz. Dickens schrieb und las sich zurück in die Herzen seiner Fans, aber es war ein teuer erkaufter Triumph. Als verhinderter Schauspieler und geborene Rampensau trug er auf endlosen Tourneen die spannendsten Szenen aus seinen Romanen so emotional vor, dass die Zuhörer reihenweise in Ohnmacht fielen und, wie das Protokoll seiner Pulsfrequenz und die Warnungen seines Arztes bezeugen, auch seine eigene Gesundheit litt. Charles Dickens hatte Elend und Kinderarbeit, Klassendünkel und weiblichen Hochmut überlebt; aber sein manisches, maßloses Schreiben und Lesen brachten ihn schließlich um.

          Die Geheimnisse des Charles Dickens 1812-1870. Museum Strauhof, Zürich, bis 4.März 2012. Kein Katalog.

          Quelle: F.A.Z.

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