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Zum Tod von Reinhard Rürup : Außer Konkurrenz

  • -Aktualisiert am

Reinhard Rürup, 1934 bis 2016 Bild: action press

Er war ein deutscher Pionier der Holocaust-Forschung, in Gedanken stets bei den Opfern. Ein Nachruf auf den Historiker Reinhard Rürup.

          Man würde so gerne noch einmal mit ihm Mittag essen gehen, über ein Buch diskutieren oder über eine Ausstellung. Der Tod von Reinhard Rürup hat viele Kollegen und Freunde tief und überraschend getroffen. Er stand mit seinen fast 84 Jahren mitten im Leben, nahm an akademischen Debatten ebenso engagiert teil, wie er sich über politische Ereignisse ärgern oder über ein gutes Tennisspiel freuen konnte. Vielleicht hat die allseitige Überraschung auch mit einer besonderen Art von Konstanz zu tun: Reinhard Rürup war gleichbleibend präsent als verlässlicher und zugewandter Wissenschaftler und Gesprächspartner, der sein Gegenüber, egal ob Professorin oder Student, stets mit demselben Respekt und derselben Aufmerksamkeit bedachte. Wenn er sich manchmal bei Vorträgen langweilte, so konnte man dies lediglich daran erahnen, dass Bleistift und Papier vor ihm unberührt liegen blieben. Und selbst wenn er ein Dissertationsthema besonders misslungen fand, so nutzte er dies nie zur öffentlichen Demütigung, stattdessen wurden sanft klingende Verbesserungsvorschläge unterbreitet und alles Weitere auf ein Zweiergespräch verschoben.

          Dass man solche zwischenmenschlichen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten als Erstes zu Papier bringt, sagt vielleicht mehr aus über universitäre Umgangsformen als über Reinhard Rürup. Und dennoch liegt gerade hier der Schlüssel für die breite, Generationen wie Geschlechter und Fächer übergreifende Achtung, ja Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde und wird.

          Reinhard Rürup, der Geschichte und Germanistik studierte und eigentlich Gymnasiallehrer werden wollte, gehörte zu jener Generation von Historikern, die den Nationalsozialismus als Kinder erlebt hatten und sich dann angesichts der katastrophalen Hinterlassenschaft der Eltern schworen, es selbst besser zu machen. Während die jungen Leute das Studium eher pragmatisch angingen, setzten sie sich in studentischen Zirkeln wie dem Göttinger Historischen Colloquium mit zeitgeschichtlichen Fragen auseinander und engagierten sich in der politischen Bildungsarbeit. Daraus erwuchs bei Rürup ein für die westdeutsche Historikerzunft einmalig frühes Interesse an der Geschichte des Antisemitismus sowie der Juden und deren rechtlicher Lage, das sich zunächst in einem fast hundert Seiten umfassenden Aufsatz über die „Judenemanzipation in Baden“ niederschlug und kurz darauf in einem gemeinsam mit seinem damaligen Chef Thomas Nipperdey verfassten Beitrag in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“.

          Perspektive der Opfer

          Diese beiden quellengesättigten Studien ließen den jungen Historiker zu einem der wichtigsten, weil vertrauenerweckenden Ansprechpartner für das Leo Baeck Institut werden, jene Organisation jüdischer Wissenschaftler deutscher Herkunft, die Ende der sechziger Jahre damit begann, vorsichtig wieder Kontakte nach Deutschland aufzunehmen. Rürup, seit 1975 Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin, der zum Pietismus promoviert und intensiv zur Novemberrevolution geforscht hatte (was ihm, wie sich ältere Leser erinnern werden, den Spitznamen „Revolutions-Rürup“ einbrachte), erarbeitete sich in den nächsten Jahren jene beiden Felder, für die sein Name bis heute in der Öffentlichkeit steht: die deutsch-jüdische Geschichte und die Geschichte des Nationalsozialismus.

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