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Ausschreitungen in Istanbul : Wenn es Nacht wird, kommt die Polizei

Ein Demonstrant mit der türkischen Flagge und einem Bild des Staatsgründers Kemal Atatürk Bild: AP

In Istanbul ist es in der Nacht zu massiven Ausschreitungen gegen Demonstranten gekommen. Es gibt nun die ersten Todesopfer. Die Polizei soll Mitglieder von AKP-Jugendorganisationen für ihren Kampf mobilisiert haben.

          In Istanbul kommt die Polizei jetzt immer, wenn es dunkel wird. So auch gestern,  am achten Tag des Protests, an dessen Anfang einmal der Kampf um den Erhalt einer Parkanlage am Taksimplatz stand und der sich  längst ausgeweitet hat zu einer landesweiten Revolte gegen die Regierung Erdogan.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Tagsüber waren die Leute ganz normal zur Arbeit und in die Universität gegangen, danach aber zogen sie wieder ihre mit Zitronen und Schutzmasken gefüllten Rucksäcke über und strömten zu Tausenden zum Taksimplatz und nach Besiktas.

          In diesem Stadtteil formierten sich, als die Sonne unterging, auch wieder mehrere Hundertschaften der Polizei, unterstützt von Wasserwerfern und Polizeihubschraubern, und zunächst sah es so aus, als würde die Situation sofort eskalieren. Dann aber stimmten die Demonstranten die türkische Nationalhymne an.

          Massiver Einsatz von Tränengas

          Etwa zwei Stunden standen sich die beiden Seiten danach gegenüber und nichts passierte. Schließlich rückte die Polizei ab, in Richtung Dolmabacepalast und Taksimplatz. Auf der Straße, die zwischen diesen beiden Punkten liegt, brach die Gewalt dann aus. Es kam zu massiven Einsatz von Tränengas, und auch die Demonstranten auf dem Taksimplatz wurden kurz nach Mitternacht mit Gas beschossen.

          Es hatte dort eine trügerische Ruhe geherrscht, und noch immer ist nicht klar, von wo die Gaspatronen abgefeuert worden sind, denn die Polizei zeigte sich den Demonstranten nicht. Studenten der medizinischen Fakultäten organisierten Hilfstrupps  und kümmerten sich um Verletzte. Auch Ärzte fanden sich, nachdem sie ihre Praxen am Abend geschlossen hatten, bei den Demonstranten ein. Apotheker brachten große Tüten mit Medikamenten und Verbandsmaterial für eine Notfallversorgung.   

          Allein in Istanbul ist zufolge der türkischen Ärztevereinigung die Zahl der Verletzten inzwischen auf 1480  Menschen gestiegen, fünf davon sollen schwerverletzt sein. Und es gibt die ersten offiziellen Todesopfer. Mehmet Ayvalitas, ein zwanzig Jahre alter Mann, wurde bei einer Solidaritätskundgebung im Stadtteil Ümraniye von einem Auto überfahren und starb. Nahe der syrischen Grenze ist überdies ein 22 Jahre alter Demonstrant ums Leben gekommen.

          Die Jugendorganisation der AKP

          Noch ist nicht geklärt, wie es zum Tod von Mehmet Ayvalitas kommen konnte. Augenzeugen berichteten, dass das Auto trotz Warnungen in die versammelte Menge gefahren sei. Von Seiten der Oppositionspartei CHP wurde Mehmet Ayvalitas als Märtyrer bezeichnet, die türkische Hackerorganisation „Redhack“ teilte mit, der Getötete sei ein Mitglied ihrer Gruppe gewesen und legte nah, sein Tod sei kein Unfall, sondern ein Mordanschlag von Seiten extremer türkischer Kräfte gewesen. 

          Auch die Türkische Ärztevereinigung gab indirekt Erdogan eine Mitschuld an dem Vorfall. In einer kurz nach dem Tod von Ayvalitas veröffentlichten Verlautbarung zitierte sie verschiedene provokative Äußerungen des Ministerpräsidenten. Gestern hatte Erdogan in einem Interview gesagt, dass er die fünfzig Prozent der türkischen Bevölkerung, die ihn ins Amt gewählt habe, „kaum noch davon abhalten könne“, auf die Straße zu gehen.

          Und tatsächlich machte gegen 22 Uhr unter den Demonstranten die Nachricht die Runde, dass Mitglieder der Jugendorganisationen der AKP sich der Polizei angeschlossen hätten, um mit dieser gemeinsam gegen die Demonstranten vorzugehen. Als Provokateure und getarnt als Demonstranten, doch auch im direkten Kampf gegen sie.

          Der Ministerpräsident war gestern Nachmittag zu einem Staatsbesuch nach Marokko abgereist. Er kehrte den Protesten den Rücken. In Istanbul lag bis zum Morgengrauen Feuerschein über einigen Stadtteilen und Schüsse von Gaspistolen waren zu hören.

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