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Auslegungssache Muslimdiskrepanz

 ·  Will sich tatsächlich nur jeder vierte junge nichtdeutsche Muslim integrieren? So lautet die verbreitete Lesart einer neuen Studie. Ihr Text lässt indes Raum zur Differenzierung.

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Jeder vierte junge nichtdeutsche Muslim in diesem Land will sich nicht integrieren. So hört sich das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums an - wenn Medien und Politiker nur einen Satz haben, um 760 Seiten zusammenzufassen. Wer bis Seite 277 gekommen ist, was von Ministern und Abgeordneten natürlich so wenig verlangt werden kann wie von Schnellschreibern, erfährt jedoch beispielsweise, dass die Prozentangaben der Studie „keinesfalls weder auf alle in Deutschland lebenden Muslime noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime hochgerechnet werden können und dürfen“. Weil die Untersuchung nicht repräsentativ ist.

Die von der Studie so genannten „streng Religiösen mit starken Abneigungen gegen den Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“, die durch ein Bündel von Fragen identifiziert worden sind, machen unter 162 befragten deutschen Muslimen 25 Personen aus, unter den nichtdeutschen Muslimen 112 von 470. Die Befragten - darunter auch Vierzehnjährige - hatten sich zu Sätzen wie „Ungläubige kommen in die Hölle“ oder „Die Befolgung der Gebote meiner Religiosität ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ oder auch „Wir sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren“ zu verhalten.

Die Forscher äußern sich vorsichtig

Aus den Antworten haben die Forscher Einstellungen wie „Demokratiedistanz“ und „Neigung zu Separation“ konstruiert. Besonders extreme Ausprägungen davon wiesen unter den deutschen Muslimen vier, unter den nichtdeutschen zwölf Personen auf. Das besagt selbstverständlich nichts über Gewaltbereitschaften, weder etwas Entwarnendes noch etwas Bedrohliches. Zwischen nachgebeteten Sprüchen, präpotentem Getue und tatsächlicher Aggression kann mittels Umfragen sowieso nicht unterschieden werden.

Dass autoritäre Einstellungen zu Vorurteilen gegenüber dem Westen führen und dass traditionelle Religiosität mit Demokratiedistanz einhergeht, mochte man sich hingegen auch schon gedacht haben. Außerdem heißt es, wer sich als nichtintegrierbar wahrgenommen fühle, fühle sich auch nichtintegrierbar. Und umgekehrt. Das formulieren die Forscher auf Seite 399 so: „Es handelt sich insgesamt um einen komplexen, bidirektionalen Prozess gegenseitiger kausaler Beeinflussung zwischen den Akkulturationsziel-Diskrepanzen und den Indikatoren für Radikalisierung.“ Schon klar, weshalb Politiker die Formulierung oben, im ersten Satz, vorziehen.

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01.03.2012, 16:59 Uhr

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Von Dirk Schümer

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