18.01.2012 · Für die chinesische Mittelschicht liegt jetzt die ganze Welt im Schaufenster. Sie entdeckt den Zweitwohnsitz an Orten wie Wales oder Sydney als Geldanlage und Traumerfüllung.
Von Mark Siemons, PekingIm zweiten Untergeschoss der Glory Mall an der U-Bahn-Station Chongwenmen im Südosten Pekings wird an diesem Samstag der Westen neu vermessen - weniger allerdings ideologisch als nach Quadratmeterpreisen, Renditeerwartungen und voraussichtlichem Zugewinn an Lebensintensität. „Brechen Sie auf“, lockt einer der Stände, „und genießen Sie das exotische Leben in Großbritannien, um sich selbst von anderen zu unterscheiden und ein vollkommeneres Leben zu leben!“ SouFun.com, der führende Immobilienanbieter im chinesischen Internet, veranstaltet in dem Kaufhaus eine Börse für Wohnungen in Kanada, Amerika, Australien und Europa.
Es ist ein gewaltiger Markt, der seit dem letzten Jahr für Chinesen immer interessanter wird. Während neue Wohnungen in Schanghai und Peking schon dreißig bis 35 Dollar pro Quadratmeter kosten und die Möglichkeit, mehrere Immobilien zu erwerben, durch neue Anti-Spekulations-Gesetze eingeschränkt wird, fallen die Preise in vielen westlichen Weltgegenden, und Währungen wie der Euro stehen für Chinesen so günstig wie nie zuvor.
Hinzu kommt, dass man Boden in China nach wie vor nicht erwerben kann; man kann nur das Nutzungsrecht für eine Zeit von maximal siebzig Jahren erwerben. „Lasst uns nach Amerika gehen und Grundbesitzer werden“, lockt Sou.Fun.com daher und benutzt dabei ausgerechnet das Wort, das Maos Revolution wie kein anderes verteufelt hatte. Die Chinesen trügen seit fünftausend Jahren das „Grundbesitzer-Gen tief in den Knochen“, und nun könnten sie ihm endlich wieder folgen und zum Beispiel die „freie Lebensart“ in einer „multikulturellen Wohnsiedlung“ in Florida mit Golfplätzen, Flughäfen, Kirchen, Parks und Schulen in der näheren Umgebung genießen.
Auch die gegenwärtigen chinesischen Gesetze machen es für Investoren, die nicht ohnehin schon Geschäfte im Ausland betreiben, eigentlich schwierig, größere Summen in Übersee anzulegen: Jährlich darf man nicht mehr als fünfzigtausend Dollar ausführen. Aber viele Verkäufe, meint ein Makler, würden in China mit chinesischer Währung abgewickelt, und wie die einzelnen Immobilienfirmen das Geld ins Ausland schafften, brauche ihn nicht zu interessieren. Für den chinesischen Endverbraucher sieht jedenfalls alles ganz einfach aus.
Viele Anbieter offerieren Häusertouren, auf denen die chinesischen Interessenten während einer siebentägigen Gruppenreise eine ganze Reihe von in Frage kommenden Objekten anschauen und alle Formalitäten gleich vor Ort erledigen. Eine Graphik zeigt, wie reibungslos alles funktioniert, vom Überweisen der Kaufsumme auf ein neutrales Konto über die Beurkundung bis zur Inbesitznahme. Wenn man sich schon im vorhinein für den Kauf von drei Objekten entscheidet, bekommt man die Reise für zwei Personen im Wert von 50.000 Yuan (etwa 6000 Euro) gratis.
So ist es in den Pekinger Cafés und Pizzerien, in denen die gehobene Mittelschicht verkehrt, Tagesgespräch, dass man neuerdings den Kauf eines Weinguts in Frankreich oder eines Bauernhofs in Spanien in Erwägung zieht. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua schätzt sogar, dass zurzeit schon dreißig Prozent der chinesischen Immobilieninvestitionen ins Ausland gehen. Im letzten Jahr standen die klassischen Immigrationszonen Amerika, Australien, Kanada und Singapur im Mittelpunkt des Interesses. 2012 aber, strahlt Hu Qianqian, der Marketing-Direktor für die Übersee-Geschäfte von SouFun auf seiner Börse, habe wegen der Euro-Krise Europa das „größte Potential“.
Es gebe verschiedene Typen von Investoren, erläutert Hu. Den einen gehe es nur um eine verlässliche Geldanlage, andere aber können sich den Westen als ein zweites Standbein für sich oder ihre Kinder vorstellen und achten verstärkt auf Standortqualitäten wie Natur, Kultur und Bildungssystem. Die meisten wollen hochwertige kleine Apartments kaufen - typischerweise mit zwei Schlafzimmern in einem Neubau in der Innenstadt -, liquidere Kunden seien aber auch an Häusern am Meer oder ganzen Inseln interessiert. Das westliche Sehnsuchtsbild, das die Anbieter im zweiten Untergeschoss der Glory Mall projizieren, ist nichts mehr, wozu man aufschauen soll, sondern etwas, das man kaufen kann. Die Welt liegt für China jetzt im Schaufenster. „Eine globale Kultur entsteht“, verspricht das Plakat eines Anbieters New Yorker Wohnungen.
Ein besonders avanciertes Konzept hat die Firma Maxhard entwickelt, die in Wales inmitten unberührter Natur eine großräumige Siedlung individueller Natursteinhäuser nur für Chinesen baut: „Wir bieten Ihnen eine britische Heimat für Ihr chinesisches Herz.“ Das zum Trident-Komplex gehörende Hotel in einem restaurierten Schloss bietet chinesische Restaurants, Supermärkte, traditionelle medizinische Behandlung und Dolmetscherservice. Wer 190 000 Pfund anzahlt, dem verspricht die Firma innerhalb von drei Monaten einen britischen Pass. „Mit der luxuriösen Wende Ihrer Identität werden Sie Ihren eigenen Ruhm und das noble Leben Ihrer Träume besitzen. Und Sie werden als Gentleman in Großbritannien willkommen geheißen.“
So weit ist Deutschland noch nicht. Ein wenig enttäuscht bemerkt Herr Hu, dass aus Deutschland bisher nur sehr zurückhaltend Angebote für chinesische Immobilienkäufer kämen; wahrscheinlich sei die deutsche Wirtschaft noch zu stark, und das Land wolle seine Probleme wohl allein lösen. Auf der Immobilienbörse ist nur das „International Commercial Center Neubrücke“ aus Rheinland-Pfalz präsent. Angeboten werden hundert Quadratmeter große „Einwanderungs-Investitions-Objekte“ in vier zweieinhalbstöckigen Reihenhäusern, deren braunstichige Darstellung an die DDR-Ästhetik der siebziger Jahre denken lässt. Man wird sehen, ob diese Antiklimax zum himmelstürmenden chinesischen Kosmopolitismus ein Erfolgsrezept darstellt. Auch sonst bleiben die Verheißungen aus Neubrücke („gute Beziehungen zur Handelskammer!“) durchaus auf der Erde: „Wer eine Wohnung in der Siedlung kauft und eine deutsche Firma gründet, wird von der deutschen Regierung eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre bekommen.“
Aus vielen anderen Teilen der Welt wurden schon im vergangenen Jahr sprunghafte Anstiege der chinesischen Immobilieninvestitionen gemeldet. In Vancouver waren 29 Prozent der Wohnungskäufer Chinesen, in London immerhin fünf Prozent; in Sydney sollen sie gar für sechzig Prozent aller neuen Immobilienprojekte aufkommen. Nicht überall sah man das chinesische Engagement als Hilfe an.
Bei einer Umfrage in Australien meinten 57 Prozent der Befragten, die Regierung sei gegenüber chinesischen Investoren zu entgegenkommend. Im Untergeschoss der Pekinger Glory Mall sind die Menschen, die für diese Unruhe sorgen und an den Ständen die Angebote prüfen, von den Kunden der Markengeschäfte auf den anderen Etagen kaum zu unterscheiden; gewiss gibt es ein paar Frauen mit beeindruckender Entschlossenheit im Blick darunter, aber die meisten wirken weder besonders reich noch besonders distinguiert und sind nicht älter als vierzig Jahre, viele jüngere Familien sind darunter. Es sind wohl diese Leute, die für die nächste Stufe der Globalisierung und einen Westen mit dem ein oder anderen chinesischen Kennzeichen sorgen werden.