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Ausländerkinder Maxim Biller: Die dritte Ethnie

22.06.2003 ·  Wir leben in einem wohlstandskomatösen Land: Warum die Kinder der Ausländer die besseren Deutschen sind - und die letzte Chance dieses Landes. Eine (Selbst-)Beschreibung des Schriftstellers Maxim Biller.

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Als Hitler kam, gingen die Juden. Als Hitler ging, kamen sie aber nicht zurück. Nur ein paar von ihnen blieben nach dem Krieg zwischen Görlitz und Garmisch hängen, und es waren so wenige, daß die Deutschen das erste Mal nach tausend Jahren sagen konnten, sie seien unter sich. Ich glaube, sie sagten es gern.

Im judenreinen Deutschland der Nachkriegszeit war dann nicht mehr viel los. Im Radio spielten sie die Schlagercharts der Colonia Didnidad rauf und runter, Ernst Jüngers schwülstige Bildungsprosa verkaufte sich besser als Heine und Hemingway, Frauen und ihre Kleider hatten den Charme von eingewickelten Butterbroten, und der einzige Abgrund, der sich damals vor den Kinozuschauern öffnete, war das Zillertal.

Seitdem hat sich nicht viel geändert. Grönemeyer klingt trotz seiner unbändigen Pop-Sehnsucht immer noch, als singe er nicht ins Mikrophon, sondern in eine Currywurst, der Ernst Jünger von heute heißt Durs Grünbein, und Filme von Schweiger, Wortmann & Co haben mit der Realität so viel zu tun wie "Der Schatz vom Silbersee". Und nicht einmal die Amerikanisierung der arisierten Deutschen hat wirklich funktioniert: Oder hat jemals jemand einen von ihnen an der richtigen Stelle von "Friends" lachen gehört?

Ein langweiliges Volk

Ich bin kein Rassist. Ich rede bloß davon, was der real praktizierende Rassismus Hitlers aus den Deutschen gemacht hat: ein ungewöhnlich homogenes und darum langweiliges Volk, so introvertiert und provinziell wie bei inzestgezüchteten Hinterwäldlern üblich. Üblich ist bei denen natürlich auch, daß sie unter sich bleiben wollen. Aber das wird bald nicht mehr gehen - wenn die dritte Ethnie in diesem Land sich endlich zu sich selbst bekennt.

Die dritte Ethnie? Was ist das? Wenn wir die Deutschen in Deutschland die erste Ethnie nennen und die Ausländer hier die zweite, dann sind die Kinder und Enkel der Ausländer die dritte Ethnie, und manchmal haben sie auch einen deutschen Vater oder eine deutsche Mutter, aber das macht sie auch nicht deutscher.

Die Kinder der dritten Ethnie scheren sich nicht um Tradition. Sie tun zwar ihren Eltern den Gefallen und heucheln Interesse an den alten Bräuchen und Erinnerungen, aber das ist reine Höflichkeit. Was interessiert sie das kurdische Neujahrsfest, der mexikanische Machokult oder Stalins Vernichtungswahn? Sie haben längst ihre eigenen Erfahrungen, und eigentlich ist es immer nur die eine Erfahrung: als Nichtdeutscher deutscher zu sein, als man es sich eingestehen will - und trotzdem nicht zu den Deutschen dazuzugehören.

Der Rand als Zentrum

Das verbindet sie. Das läßt sie ähnlich fühlen und denken, das macht ihre Sprache frisch und emotional. Und vor allem verleiht es ihnen eine Energie, die für das wohlstandskomatöse Deutschland so belebend sein könnte wie eine Elektroschocktherapie. Es ist die Energie jener, die am Rand stehen und entweder versuchen, in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen, oder im Gegenteil den Rand zum Zentrum ausrufen. Zwischen diesen beiden Positionen werden sie ständig hin und her gerissen, und das macht ihr Leben und ihre Geschäfte so aufregend und erfolgreich, und wenn sie Künstler sind, ihre Kunst. Ja, und genauso war das schon mal in Deutschland, vor dem Krieg. Damals waren die Kinder der Gettojuden die dritte Ethnie, und es gab kaum ein aufregenderes Land auf der Welt.

Ich bin natürlich auch einer von denen, über die ich hier schreibe. Tscheche, Russe, Jude, Armenier, Deutscher - die personifizierte dritte Ethnie. Und darum sage ich: Wir müssen endlich unsere Eigenart begreifen. Wir müssen über sie sprechen, wir müssen sie in unseren Filmen und Büchern zum Thema machen. Und wir müssen für uns Quoten in Parteien und Aufsichtsräten fordern, wir müssen unsere Zeitungen und Fernsehsender gründen, und wenn wir das alles nicht tun, auch okay, aber wir sollten zumindest ganz viel und ganz laut darüber reden, damit uns keiner mehr ignorieren kann in Hitlers zwangsgezüchtetem, langweiligem Hinterwäldlerland.

Wir sind nämlich das, was Amerikaner, Israelis, Brasilianer schon seit Generationen sind. Wir sind das Leben, das Chaos, die Zukunft. Wir sind Deutschlands letzte Chance.

Maxim Biller, 42, hat zuletzt den Roman „Esra“ veröffentlicht, der von der Liebe zu einer Türkin handelt; wegen eines Rechtsstreits ist der Roman derzeit nicht lieferbar, nächster Prozeßtermin ist der 9. Juli.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.06.2003, Nr. 25 / Seite 21
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