„Troia platzte aus allen Nähten“, „Troia - Zentrum in einem Fürstentum“: mit diesen Schlagzeilen reagierten Nachrichtenagenturen, als Ernst Pernicka, der Ausgrabungsleiter, am vergangenen Dienstag in Troia eine Pressekonferenz abhielt.
Vor wenigen Tagen, so teilte Pernicka mit, der seit 2006 die Arbeit des 2005 überraschend verstorbenen Manfred Korfmann fortsetzt, habe man bei einem Geländeschnitt unterhalb des Burgbergs im Nordosten die Fortsetzung jenes spätbronzezeitlichen Verteidigungsgrabens entdeckt, den Korfmann ergraben und der Öffentlichkeit als Hauptbeleg der These vorgestellt, Troia habe eine Unterstadt besessen und somit durchaus jener mächtigen Stadt entsprochen, die Homers „Ilias“ schildert.
Gesamtfläche von 200 bis 300 Quadratkilometern
Auf etwa 1,3 Kilometer Länge ist der Graben nun erkundet. Dank ihm, so Pernicka, könne man davon ausgehen, dass Troia nicht nur, wie bisher errechnet, eine Fläche von siebenundzwanzig, sondern sogar von fünfunddreißig Hektar eingenommen habe.
Gleichzeitig fanden er und seine Mitarbeiter - in den Meldungen als Sensation bezeichnet - jenseits des Grabens einen von Steinen überdeckten Pitos (ein tönernes Vorratsgefäß) unbekannten Inhalts sowie Reste bronzezeitlichen Straßenpflasters. Was bedeutet dies? Schlicht, so Pernicka, dass Troia „eine sehr große Residenzstadt“ war, ein „Zentrum in einem kleinen Fürstentum, das eine Gesamtfläche von 200 bis 300 Quadratkilometern umfasst haben dürfte“.
Eine bedeutende Handelsstadt an den Dardanellen
Der Grabungsleiter und seine Kollegen verglichen ihr bronzezeitliches Troia mit Knossos auf Kreta, jener rings um den berühmten minoischen Palast gelegenen Stadt, über deren Gestalt wir zwar etwas besser, aber ebenfalls noch längst nicht ausreichend informiert sind. Doch die Öffentlichkeit und die Fachwelt werden trotz dieses Versuchs, Troia in allgemeine Forschungszusammenhänge einzubetten, erneut wieder nur eine neue Etappe im ewigen Kampf um die Frage wahrnehmen, ob es Homers Troia wirklich gegeben hat.
Man darf sicher sein, dass Kollegen Pernicka jene Blauäugigkeit vorwerfen werden, die sie schon Manfred Korfmann vorwarfen. Man kann davon ausgehen, dass Gegner den Stadtgraben als unwichtigen Entwässerungsgraben der Burg oder irgendwelcher Dörfler bezeichnen und zum tausendsten Mal die Frage stellen werden, wo um Himmels willen denn schriftliche bronzezeitliche Zeugnisse gefunden worden seien, die einzig beweisen könnten, dass Troia eine bedeutende Handelsstadt an den Dardanellen war.
Homers herrliche Stadt
Denn darum dreht sich der Streit jenseits aller vordergründigen wissenschaftlichen Thesen und Gegenthesen: Troia, auf dessen unkenntlichen Trümmern schon die klassische Antike Gedenkstätten und Tempel baute, soll endlich Homers herrliche Stadt sein - oder gar keine. Als wäre es nicht Forschungsgrund und Sehenswürdigkeit genug, dass ein Siedlungsort über Jahrtausende immer wieder neu bebaut und als Kristallisationspunkt unserer Kultur verehrt wurde.
Dass Ernst Pernicka davon sprach, nun eventuell doch die Grabungen fortsetzen zu können, die man 2009 nach zwanzigjähriger Dauer hätte einstellen sollen, blieb so wenig beachtet wie sein diskretes Drängen auf jenes Museum samt Forschungsstelle vor Ort, das die Türkei seit langem plant. Denn das hieße ja, die Mühen der Ebene statt des hohen Iliontraums zu verfolgen.