Wer war Victoria Woodhull? 1838 in Homer, Ohio, geboren, machte die Frau Furore als Wahrsagerin auf Jahrmärkten, verhökerte erfolgreich Wundermittel und erreichte nach einigen ehelichen Ausrutschern die große Stadt New York, wo sie als erste Frau einen eigenen Wertpapierhandel betrieb und eine Zeitung herausgab. Als sie vierunddreißig Jahre alt war, beschloss sie, die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika anzustreben. Ihrer Kandidatur war der Erfolg versagt, nicht zuletzt, weil Frauen fast noch ein halbes Jahrhundert zu warten hatten, bis ihr Wahlrecht in der Verfassung verankert war.
Carmen for President?
Am Wahltag saß Mrs.Woodhull dann hinter Gittern, nicht weil sie sowieso um ein Jahr zu jung war, um Mrs. President zu werden, sondern weil man ihr vorwarf, sie habe obszöne Materialien unter die Leute gebracht. Soll heißen: Sie hatte in ihrer Zeitung ausführlich über die Seitensprünge des Predigers Henry Ward Beecher berichten lassen, eines Bruders der Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe, berühmt geworden durch den Roman „Onkel Toms Hütte“. Dabei machte sich dieser Beecher für das Frauenwahlrecht nicht weniger stark als die Präsidentschaftskandidatin und Zeitungszarin selbst, und auch, was die freie Liebe anging, gab es zwischen ihr und ihm keine wesentlichen Meinungsunterschiede.
Weswegen also so viel böses Blut? Vielleicht wird das bald in „Mrs. President“ erklärt, einer Oper über Victoria Woodhull, komponiert von Victoria Bond, die jetzt schon verriet, ihre Heldin habe viel mit Carmen gemein, der freigeistigen Sängerin der Habanera. „Carmen for President“, warum nicht? So könnte dann auch der Slogan für die Uraufführung heißen, die im Oktober, mithin rechtzeitig vor der Wahl, zunächst in konzertanter Form an der Anchorage Opera stattfinden soll. Ja, in Anchorage, Alaska, einem Bundesstaat, der sonst eigentlich eher selten mit kulturellen Ereignissen in den Vordergrund drängt - obwohl auch der hohe amerikanische Norden Sensationen zu produzieren weiß. Seit vier Jahren schon muss die Nation zum Beispiel Sarah Palin ertragen, die ihre mediale Blüte einer peinlichen Wahlniederlage verdankt.
Noch ein Fall für die Anchorage Opera? Nur das nicht! Selbst eine zweite Oper über Victoria Woodhull wäre einer ersten über Sarah Palin vorzuziehen. Denn die elitäre, mainstreamferne Opernbühne ist in Amerika der einzige Ort, der vor der gescheiterten Vizepräsidentschaftskandidatin sicher ist. Möge Fox News sie in jeder Sendung beschäftigt halten!