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Auschwitz Fundamente des Gedenkens

26.01.2009 ·  Bröckelnde Bausubstanz, wachsende Besucherströme: Die Überreste des Vernichtungslagers Auschwitz sind bedroht. Eine Stiftung soll für die dauerhafte Finanzierung der notwendigen Konservierungsarbeiten sorgen.

Von Stefanie Peter
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Am 27. Januar jährt sich zum vierundsechzigsten Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Zwischen 1940 und 1945 wurden hier über eine Million Menschen ermordet, die meisten davon europäische Juden, aber auch Polen, Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anderer Nationen. Im Vorfeld dieses Jahrestages zeigt ein Blick in die polnischen Zeitungen nun das verstärkte öffentliche Interesse am prekären Erhaltungszustand der heutigen Gedenkstätte.

Das „Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau“, das im Juli 1947 auf dem Gelände des deutschen Vernichtungslagers eingerichtet worden ist, leidet unter Geldknappheit, weshalb angesichts der dringend anstehenden Konservierungsarbeiten eine Stiftung gegründet wurde. Auch die Bundesregierung hat dem Projekt bereits finanzielle Unterstützung zugesagt. Wladyslaw Bartoszewski, der selbst Lagerhäftling gewesen ist und heute dem internationalen Auschwitz-Rat vorsitzt, hat die Gründungsurkunde der Stiftung bereits unterzeichnet, Stiftungsrat und Kuratorium werden momentan berufen. Angestrebt ist die Einrichtung eines Fonds von 120 Millionen Euro, aus dessen Zinserträgen (voraussichtlich eine jährliche Summe von drei bis fünf Millionen Euro) die nötigen Konservierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit einer dauerhaften Planungssicherheit finanziert werden könnten.

120 Millionen Euro als Minimalsumme

Diese Maßnahmen betreffen das knapp 200 Hektar große Gelände und die darauf befindlichen 155 Gebäude und 300 Ruinen sowie die Archivalien und Objekte aus der Lagerzeit. Der Pressesprecher des Museums, Pawel Sawicki, sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die 120 Millionen Euro als Minimalsumme für die anstehenden Arbeiten zu betrachten seien und dass man dafür nicht nur die finanzielle Hilfe von den EU-Mitgliedsländern erhoffe, mit denen man derzeit im Gespräch sei. Das Grundkapital selbst solle künftig nicht angetastet werden. In der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ hatte Museumsdirektor Piotr Cywinski zuvor die Perspektive seiner Institution erklärt: „Wir werden alles tun, was in unseren Kräften steht, um sicherzustellen, dass der Ort Auschwitz auch in dreißig bis vierzig Jahren noch zugänglich und für die Besucher nachvollziehbar sein wird.“

Dem Auschwitz-Rat, der die Arbeit der Denkmalpflege auf dem Museumsgelände beaufsichtigt, gehören Überlebende der Schoa und Wissenschaftler an. Momentan finanziert sich das Museum aus polnischen Haushaltsmitteln, die sich jährlich auf umgerechnet circa 3,2 Millionen Euro belaufen, und Einnahmen aus Bücherverkauf und Führungen in derselben Höhe. Im vergangenen Jahr kamen nur fünf Prozent des Museumsetats aus dem Ausland. Fünfzig Millionen Euro, so die Schätzung, werden die nötigen Sanierungsarbeiten in den kommenden Jahren kosten.

Feuchtigkeit ersetzt die Bausubstanz

Die dringlichsten Instandhaltungsprobleme, so berichtet der Chefkonservator Rafal Pióro dieser Zeitung, stellen sich in Birkenau. Die Ruinen sind vom steigenden Grundwasser bedroht, das die Fundamente der Gebäude angreift. Betroffen sind unter anderem die Krematoriumsruinen, die zugleich der wichtigste Beweis für die Vernichtungspraxis des Lagers sind. Ein großer Teil der Baracken in Birkenau ist heute für Museumsbesucher nicht mehr zugänglich. Auch hier zersetzt Feuchtigkeit die Bausubstanz. Zudem sind die Rampe und die Ruinen der Gaskammern und Krematorien von zunehmender Verwitterung betroffen, die von den Konservatoren gestoppt werden soll.

Für die anstehenden Arbeiten hat Birkenau daher Priorität vor den elf Blocks im Stammlager, in denen sich die Dauerausstellung des Museums befindet. Mitte der fünfziger Jahre eröffnet, wurde sie seitdem inhaltlich nur leicht korrigiert. Ihre Gestaltung wirkt gegenüber den sogenannten Länderausstellungen veraltet. Von diesen wurden die meisten seit dem Jahr 2000 vollständig überarbeitet und aktuellen museumspädagogischen Standards angepasst. Sie unterstehen der Verantwortung jener Länder, deren Bürger unter deutscher Besatzung nach Auschwitz deportiert und ermordet worden waren. Sie stellen die Schoa in einen internationalen Zusammenhang und behandeln auch die Geschichte der jeweiligen Widerstandsbewegungen.

Es fehlt an Erfahrung

Die Baracken in Birkenau gehören zu den vordringlichsten Renovierungsprojekten. Des Weiteren muss das Gebäude konserviert werden, in dem sich die ehemalige Lagerküche befand. Dort ist eine Ausstellung der Lagerkunst geplant. Die Kunstsammlung der Gedenkstätte umfasst 6000 Objekte. Ein Drittel davon sind Originale, die von Häftlingen heimlich oder auf Befehl der SS angefertigt wurden. In das ehemalige „Theatergebäude“ wird das Internationale Bildungszentrum ziehen.

Besonders angesichts der Ruinen der Gaskammern II und III und der Krematorien weist Pióro auf ein grundlegendes konservatorisches Problem hin: Für Auschwitz, wo es nicht allein um gemauerte Architektur, sondern auch um neue Materialien, Kunststoffe und Papier gehe, fehle es aufgrund des Mangels von vergleichbaren Orten an denkmalschützerischen Erfahrungswerten. Eine strukturelle Stabilisierung der Ruinen werde auch dadurch kompliziert, dass sich verschiedene Materialien wie Ziegel, Beton, Mörtel und Metall in einem sehr unterschiedlichen Stadium des Verfalls befänden. Generell, so der konservatorische Grundgedanke, solle nur stabilisiert, nicht aber baulich eingegriffen werden. Wie die heikle Balance zwischen der präzisen Erhaltung des Überbliebenen und einer Erneuerung von vergänglichen Materialien zu halten sei, ist seit Anfang der neunziger Jahre Gegenstand einer Diskussion, die nicht nur innerhalb des Auschwitz-Rats geführt wird. Immer wieder kommt das Argument zur Sprache, dass Renovierungsprozesse auch zu einer Auslöschung der historischen Spuren führen können.

Neben der feuchtigkeitsbedingten Erosion, die es nötig macht, die Fundamente der Gebäude und Ruinen zum Teil bereits in anderthalb Meter Tiefe zu stabilisieren, stellen auch die wachsenden Besucherströme Herausforderungen an die Konservierung der Gedenkstätte. Niemals in ihrer Geschichte war die Anzahl der Besucher nämlich so hoch wie in den vergangenen Jahren. Allein im Jahr 2008 besuchten 1,1 Millionen Menschen das Gelände, siebzig Prozent junge Menschen, wie Schüler und Studenten. Mittlerweile wurden Audioguides eingeführt. Neben der Belastung der Bausubstanz, die auch von den Besucherströmen ausgeht, ist nämlich die Ruhe dieses Ortes in Gefahr. So muss sich das Museum auch darum sorgen, dass eine konzentrierte und andächtige Besichtigung möglich bleibt.

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